Bundesliga

19.05.2017 - 13:00 Uhr


Christian Streich: "Wollte das Thema Europa League nicht noch mehr befeuern"

Köln - Aufsteiger SC Freiburg steht ganz dicht vor dem internationalen Geschäft, dennoch müssen die Breisgauer auch auf die Konkurrenz hoffen. Ein Sieg wäre das sichere Ticket nach Europa, allerdings gastiert man beim FC Bayern München, die am letzten Spieltag die Meisterschale überreicht bekommen. Im Interview mit bundesliga.de spricht Coach Christian Streich über die Arbeit bei einem Verein mit niedrigem Etat, die Europa League und die Solidarität unter Trainerkollegen.

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bundesliga.de: Herr Streich, der SC Freiburg ist mit einem der niedrigsten Etats in die Saison gegangen, mit den Abstiegsrängen hatte der Sport-Club nie etwas zu tun. Sie müssen einiges richtig gemacht haben. 

Christian Streich: Ich finde schon, dass wir gut zusammengearbeitet haben in vielen Bereichen. So eine Saison ist ja eine Herkulesaufgabe, die nur gelingt, wenn viele Schultern in die gleiche Richtung stemmen. 

bundesliga.de: Hatten Sie eine Phase, in der Sie gezweifelt haben, ob die Saison zu einem guten Ende gebracht werden kann? 

Streich: Wir hatten im Herbst eine Phase, da haben wir nacheinander gegen Wolfsburg, Mainz und Leipzig verloren. Aber Gott sei Dank haben wir danach glücklich gegen Darmstadt gewonnen, und danach lief es wieder. Manchmal braucht man solch ein Erfolgserlebnis, weil man sonst in eine Dynamik reinkommt, in der man kaum noch ein Spiel gewinnt.

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bundesliga.de: Auch in der kommenden Saison könnte der Sportclub wieder zu den Vereinen mit einem der geringsten Etats gehören. VfB Stuttgart und Hannover 96, die im Moment auf den Aufstiegsrängen liegen... 

Streich: ... haben andere Möglichkeiten als wir, das stimmt. Was soll ich sagen? Wir sind das ja gewohnt. Aber natürlich bin ich froh um jede Mannschaft, die sich eher in unseren Etatsphären bewegt. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum ich mich über solche Vereine wie Braunschweig, Union Berlin oder Darmstadt freue. Das ist bunt, ein bisschen anders und ohne die ganz großen Möglichkeiten. 

bundesliga.de: Als Sie in Darmstadt in den rustikalen Presseraum gekommen sind, hatte man den Eindruck: Dem Mann gefällt`s hier... 

Streich: Ja, Darmstadt hat mir gefallen. Und es hat vielen meiner Kollegen dort auch gefallen. Wir sind ja alle seit Jahrzehnten im Fußball, und viele kommen wie ich aus kleinen Dörfern oder kleinen Vereinen in großen Städten. Da kommen dann Kindheitserinnerungen hoch. Darmstadt war klasse, auch wenn wir furchtbar gespielt haben. Was mir dort auch gefallen hat ist, dass die Lilien-Fans anerkannt haben, was dort geleistet wird. Die sind abgestiegen und keiner pfeift die Mannschaft aus. Das ist toll.

bundesliga.de: Toll ist auch, dass der Sportclub sich vielleicht für die Europa League qualifiziert. Trotzdem scheint Ihnen das Thema unangenehm zu sein. 

Streich: Unangenehm? Würde ich nicht sagen. Ich wollte das Thema einfach nicht noch mehr befeuern, weil sowieso schon so viel darüber geredet wird. Intern ist das natürlich anders, die Jungs können ja auch alle die Tabelle lesen. 

bundesliga.de: Und die entsprechenden Schlussfolgerungen daraus ziehen können sie auch... 

Streich: Ich weiß, dass die alle jedes Spiel gewinnen wollen, da ist die Eigenmotivation so groß, da brauchen wir im Trainerstab gar nicht nach außen so viel zu trommeln und zu schreien. Diese Mannschaft ist absolut intakt, das merkt man jeden Tag aufs Neue.

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bundesliga.de: Ist das der Grund, warum Sie sich öffentlich auch dann vor die Mannschaft stellen, wenn es mal nicht so läuft? 

Streich: Die Jungs sind in dieser Saison so oft an ihre absolute Leistungsgrenze gegangen. Da wäre es ja fast schon unverschämt, wenn ich da noch öffentlich Druck aufbauen würde. 

bundesliga.de: Sie haben in dieser Saison zwei Mal Partei für Kollegen ergriffen, über deren Job öffentlich diskutiert wurde. 

Streich: Ja, das war auch ein Unding. 

bundesliga.de: Kollegialität scheint Ihnen wichtig zu sein. 

Streich: Ja, aber ich finde, das praktizieren meine Kollegen auch so. Ich glaube, das liegt daran, dass jeder schon mal eine Niederlagenserie gehabt, bei kleinen Vereinen wie dem Sportclub wird das vielleicht nach acht Spielen so genannt, bei den Bayern nach drei. Und das ist doch Wahnsinn. Mich stört einfach diese Schnelllebigkeit und öffentliche Debatten über Menschen, die sich dann kaum wehren können.

Das Interview führte Christoph Ruf

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