Bundesliga

12.10.2016 - 18:00 Uhr


Bayern-Trainer Carlo Ancelotti: "Jedes Spiel ist wie ein neuer Film"

München - Im Sommer hat Carlo Ancelotti den Job als Cheftrainer beim FC Bayern München übernommen - das ist jetzt 100 Tage her. Warum er mit Druck und Stars besonders gut umgehen kann, verrät der Hobbykoch und Film-Fan im exklusiven Interview mit bundesliga.de.

bundesliga.de: Herr Ancelotti, lass Sie uns mit einem der größten Geheimnisse des Fußballs anfangen.

Carlo Ancelotti: (lacht) Jetzt bin ich gespannt. Es soll ja einige Geheimnisse geben.

bundesliga.de: Vielleicht sind Sie nun überrascht, es geht um ihre linke Augenbraue. Einmal heißt es, wenn die sich nach oben bewegt, was sie oft tut, ist das ein Alarmsignal. Dann heißt es, ihre sehr bewegliche Augenbraue sei eine Folge eines Vespa-Unfalls in Ihrer Jugend. Was stimmt denn nun.

Ancelotti: Oh je, jetzt werden Sie enttäuscht sein. Es gibt kein Geheimnis. Nichts davon trifft zu. Meine Augenbraue ist eine normale Augenbraue.

bundesliga.de: Und welche Erklärung haben Sie?

Ancelotti: (lacht) Leider gar keine. Ich wundere mich manchmal selbst. Wenn ich ein Interview von mir im Fernsehen sehe, denke ich, diese Augenbraue geht weit nach oben, dann fällt mir auf, dass das ja meine ist. Warum sie sich aber so bewegt, ist auch für mich ein Geheimnis.

bundesliga.de: Trotz der Enttäuschung, wir versuchen es mit dem nächsten Geheimnis. Wir wetten, Sie wären Schauspieler, wenn Sie nicht Fußballtrainer geworden wären.

Ancelotti: Sie haben wirklich Pech mit ihren Geheimnissen. Wieder daneben. Auch das stimmt nicht. Ich mag Filme und sie sind sicher ein Hobby von mir, ebenso wie kochen. Aber Schauspieler? Dazu braucht man Talent. Meine Talente liegen wohl eher auf anderen Gebieten.

bundesliga.de: Aber Sie haben in zwei Filmen („Keiner haut wie Don Camillo“ und „Star Trek Beyond“) mitgewirkt und vor dem Champions-League-Finale des AC Mailand gegen Juventus Turin 2003 sogar einmal einen Filmausschnitt in der Kabine gezeigt, eine Rede von Al Pacino in "An jedem verdammten Sonntag".

Ancelotti: Ich habe einen Filmausschnitt mit Al Pacino gezeigt, in dem er eine großartige Rede hält und seine Footballspieler motiviert. Die Gesichter seiner Spieler habe ich durch die meiner Spieler ersetzen lassen. Für mich war das ein sehr emotionaler Moment. In seiner Rede ging es um Teamwork – und das ist wirklich eines der großen Geheimnisse des Fußballs. Wir wollen und müssen als Team zusammen arbeiten.

bundesliga.de: Und Ihre Filmauftritte?

Ancelotti:  Der eine ist sehr lange her und der andere war sehr kurz. Das war eher eine nette Geschichte am Rande.

bundesliga.de: Kann man Film und Schauspielerei mit Fußball vergleichen oder können Fußballprofis von Schauspielern und Filmen lernen?

Ancelotti: Generell kann man das nicht vergleichen. Jedes Fußballspiel ist wie ein neuer Film. Du kannst nicht sagen, jetzt machen wir es auf dem Platz genauso wie damals vor zehn Jahren in diesem Film. Im Fußball spielt Motivation eine sehr große Rolle. Es geht darum mit den Spielern zu sprechen und klare Anweisungen zu geben. Im Fußball geht es nicht nur um Technik am Ball, es geht immer auch um psychologische Aspekte.

bundesliga.de: Sie gelten als Meister der guten Stimmung. Dazu heißt es, Sie geben den Spielern mehr Freiheiten. Viele Ihrer früheren Spieler lieben Sie dafür und auch die Stars der Bayern sind voll des Lobes, weil Sie viel mit Ihnen sprechen. Auch über andere Dinge als nur Fußball.

Ancelotti: Fußballspieler sind zuerst Menschen und ich sehe zuerst das Positive in jedem. Und, ich bin in dem Fall der Trainer von Menschen. Wir arbeiten den ganzen Tag zusammen, da ist es doch besser man spricht miteinander und die Stimmung ist gut. Das mit dem mehr an Freiheit aber sehe ich anders. Es gibt klare Regeln für meine Teams und es geht darum, dass wir organisiert sind auf dem Platz. Diese Organisation umzusetzen, das verlange ich von meinen Spielern.

bundesliga.de: Sie wirken erstaunlich ruhig, trotz des enormen Drucks, den es bei vielen, vor allem großen Vereinen gibt. Woher nehmen Sie diese Ruhe?

Ancelotti: Vielleicht ist das Teil meines Charakters, weil ich nie sehr impulsive Menschen um mich hatte. Mein Vater war sehr ruhig, meine Lehrer und meine Trainer, als ich selbst spielte. Wenn Du eine Sache liebst, dann empfindest Du keinen Druck. Auch ich mache mir vor einem Spiel Gedanken und bin enttäuscht, wenn es nicht wie erhofft gelaufen ist. Aber ich sehe darin keine Katastrophe. Auch in München ist die Champions League ein Ziel, aber keine Pflicht.

bundesliga.de: Sie fahren nie aus der Haut, nicht mal zu Hause und treten dann gegen das Sofa?

Ancelotti: (lacht) Ich trete manchmal gegen die Couch, aber nur, wenn ich alleine bin. Sicher muss man seine Gefühle zeigen, das ist wichtig, aber wenn es um Fußball und eine Mannschaft geht, ist es besser, eine Nacht drüber zu schlafen. Nach über 1000 Spielen klappt das ganz gut.

bundesliga.de:  Gibt es nichts was Sie wirklich ärgert?

Ancelotti: Natürlich gibt es das. Zum Beispiel, wenn sich ein Spieler auf dem Rasen nicht gut benimmt, selbstsüchtig ist und sich nicht professionell verhält und vorbereitet. Im Fußball und vor allem bei Bayern München, trifft man viele Spieler mit sehr großer Qualität und es geht darum, dass sie diese Qualität für die Mannschaft einsetzen. 

bundesliga.de: Sie haben schon in vielen Ligen gearbeitet. Wie fällt Ihre Einschätzung zur Bundesliga aus?

Ancelotti: Es sind sehr viele Zuschauer in den Stadien. Die Menschen hier haben Spaß am Fußball. Die Bundesliga ist sportlich eine interessante Liga – dazu gibt es sehr schöne Stadien. 

Das Gespräch führte Oliver Trust

Seit 100 Tagen im Amt - noch einmal Ancelottis Antritts-PK im Video erleben:

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