Bundesliga

03.11.2016 - 08:05 Uhr


Gerd Müller - "Bomber der Nation" erzielt 40 Tore

Gerd Müller trifft 1971 beim Hamburger SV dreifach für den FC Bayern

Gegen RW Oberhausen gelingt Gerd Müller 1972 sogar ein Fünferpack

Köln - Gerd Müller ist der erfolgreichste Torjäger der Bundesliga-Geschichte. Anlässlich seines Geburtstages am 3. November blickt bundesliga.de in einer vierteiligen Serie auf das Leben und die beeindruckende Karriere des "Bombers der Nation" zurück.

Wieder startet Müller schwach, ein Tor in den ersten drei Spielen. Dann kommt der 19. Februar, dann kommt Abstiegskandidat RW Oberhausen an die Grünwalder Straße.

Die Bayern haben kein Erbarmen mit der Skandal-Nudel vom Niederrhein, Müller am wenigsten. Beim 7:0 schießt er fünf Tore - erstmals in seiner Bundesliga-Karriere, ein Hattrick ist auch wieder darunter. "Heute muss ich mich einmal selbst loben", sagt der sonst so Bescheidene. Erstmals in dieser Saison hat er mehr Tore (23) als Spiele (21). Vom 23. bis zum 27. Spieltag trifft er regelmäßig, und stets werden es Siege. Zwischenzeitlich unterzeichnet er einen neuen Vertrag, ein Angebot aus Rotterdam hat ihm wochenlang etwas den Kopf verdreht. Am 31. März 1972 verspürt er nach der Unterschrift große Erleichterung, "ich bin beim FC Bayern groß geworden und habe hier meine Freunde. Im Innersten meines Herzens verspüre ich tiefe Dankbarkeit."

Während die Bayern ihren Verfolger Schalke nicht abschütteln können, ist Müller in seiner Competition allein auf weiter Flur: Als er am 15. April 1972 bei 34 Toren angelangt ist, zählen Klaus Fischer und Hannovers Ferdinand Keller jeweils 18. Doch auch in seiner Super-Saison geht er in Duisburg (0:3) leer aus, sein gefürchteter Widersacher Detlev Pirsig triumphiert abermals. Gegen den HSV aber, gegen den er in seiner Karriere am häufigsten trifft, finden sich wieder zwei Müller-Tore in den Statistiken. Und in letzter Minute holt er gegen Willi Schulz einen umstrittenen Elfmeter zum 4:3-Sieg heraus, den er aus gutem Grund einen anderen schießen lässt. Ende Mai ist er in Hochform, in Köln (4:1) trifft er wieder doppelt, dann kommt ein Glanztag im DFB-Trikot: Bei der Einweihung des Olympia-Stadions in München schießt er alle vier Tore zum 4:1 gegen die Sowjetunion. Den Schwung nimmt er mit in den Liga-Alltag, in dem er in seiner Rekord-Saison keine Sekunde verpasst. Seine Tore verteilen sich dabei auf nur 19 Spiele.

Einige Schlagzeilen aus dem Frühjahr 1972 im Kicker:

"Ratlos gegen Gerd Müller"

"Gerd ganz im ‚Müller-Stil‘"

"So was macht Müller keiner nach"

"Gerd Müller war Millionen wert"

Historische 40-Tore-Marke

Beim 6:3 gegen Frankfurt passiert er am 3. Juni 1972 die historische 40-Tore-Marke und sein Gegenspieler Gert Trinklein verkündet fasziniert: "Müller macht Sachen, die kann keiner auf der Welt. Gegen den helfen nur Handschellen." Gäste-Trainer Erich Ribbeck beteuert gar: "Ich würde zwei Beckenbauer gegen einen Müller tauschen." Franz Beckenbauer, der glamouröse Weltklasse-Libero und Super-Star jener Epoche, ist auch frei von Neid: "Wir sind froh, dass wir ihn haben. Es gibt keinen gefährlichen Stürmer auf der Welt."

Auch sein erster Bayern-Trainer Tschik Cajkovski stimmt als Tribünen-Gast in die Lobgesänge ein, da stößt ihn Vorstand Walter Fembeck von der Seite an: "Weißt Du noch, was Du damals gesagt hast? ‚Diese junge Mann hat dicke Beine, unmöglich!‘" Selten hat man Cajkovski lauter schweigen hören als in diesem Moment. 1964 hatte er Müllers Talent nicht sofort erkannt und den Bomber erst auf Druck des Präsidenten aufgestellt.

Müllers Tor-Produktion endet an diesem 32. Spieltag, zumindest im Bayern-Dress. Da hat er offenbar genug getan. Auch ohne seine Tore werden sie vier Wochen später Meister, durch ein 5:1 gegen Schalke 04. Und für den Titel "Europas bester Torjäger" muss er auch nichts mehr tun, kein Land hat 1972 einen 40-Tore-Schützen in der 1. Liga. Dafür gibt es in Paris den "Goldenen Ball".

Dazwischen liegt noch die EM in Belgien, wo Müller auf dem Weg zum Titel vier der fünf deutschen Tore glücken und sein Super-Jahr krönt. Als erster Nationalspieler passiert er 1972 die 50-Tore-Marke.

Inklusive Freundschaftsspielen, Einsätzen in der Weltauswahl und der Halle kommt Gerd Müller 1971/72 bei 100 Einsätzen auf 151 Tore. Einmalig, selbst für ihn. Zum dritten Mal in Folge stuft ihn der "Kicker" in der Weltklasse ein. Gerd Müller ist auf dem Gipfel seines Könnens.

Müllers 40 Tore in der Saison 1971/72

ToreSpieltagGegner
1.2. SpieltagHertha BSC
2.6. Spieltag1. FC Kaiserslautern
3.7. SpieltagArminia Bielefeld
4.10. SpieltagWerder Bremen
5. und 6.11. SpieltagHannover 96
7. und 8.12. SpieltagMSV Duisburg
9. bis 11.13. SpieltagHamburger SV
12. und 13.15. SpieltagEintracht Frankfurt
14. bis 17.16. SpieltagBorussia Dortmund
18.18. SpieltagFortuna Düsseldorf
19. bis 23.21. SpieltagRW Oberhausen
24. und 25.23. Spieltag1. FC Kaiserslautern
26.24. SpieltagArminia Bielefeld
27. bis 29.25. SpieltagVfL Bochum
30. und 31.26. SpieltagVfB Stuttgart
32. bis 34.27. SpieltagWerder Bremen
35. bis 36.30. SpieltagHamburger SV
37.31. Spieltag1. FC Köln
38. bis 40. 32. SpieltagEintracht Frankfurt

Video: 40 Tore für die Ewigkeit?

In der Erlebniswelt des FC Bayern München, wie das Vereinsmuseum heißt, erinnert diesen Herbst eine Sonderausstellung an drei Jubilare des Clubs. Franz Beckenbauer (70. Geburtstag), Karl-Heinz Rummenigge (60) und Gerd Müller, der am 3. November 70 wird. Für den Rekord-Torjäger haben sie sich etwas Besonderes einfallen lassen.

101 Bälle hängen in der Mitte der Ausstellung an der Decke, 40 davon sind rot-weiß. Sie symbolisieren Müllers Anteil am Tor-Festival der Saison 1971/72, als sowohl der Verein als auch der Spieler noch gültige Bundesliga-Rekorde aufstellen. Seit über 40 Jahren haben sich nachfolgende Stürmer daran versucht, Müller einzuholen, keiner kam auch nur in die Nähe. Nur er selbst; in der Saison 1972/73 schaffte er 36 Tore, 1969/70 waren es 38. Phänomen Müller.

Wie schaffte er die 40-Tore-Marke?

Rückblick: 1970/71, im Jahr des Bundesliga-Skandals, ist Müller in seiner sechsten Bundesliga-Saison hinter seinen Erwartungen geblieben und hat nur 22 Mal getroffen. Die Torjäger-Kanone, die er zweimal in Folge gewann, muss er wieder rausrücken - an Lothar Kobluhn aus Oberhausen. Das fuchst ihn und so legt er sich im Italien-Urlaub nicht – wie sonst immer - auf die faule Haut.

Mancher erkennt ihn zum Trainingsstart kaum wieder: Mit einem Schnurrbart, langen Haaren und 72 Kilo geht Gerd Müller in seine Rekord-Saison. Der leichteste Müller aller Zeiten startet unauffällig bis mäßig; von den ersten zwölf Bayern-Toren schießt er nur eins, ein zweites lässt er am Elfmeter-Punkt liegen: Braunschweigs Bernd Franke pariert. Es bleibt nicht dabei: Müller verschießt in der Vorrunde noch zwei Elfmeter; am 8. Spieltag scheitert er am Bochumer Ersatzkeeper Harry Bohrmann, am 9. Spieltag an Stuttgarts Zlatko Skoric. Frustriert erklärt er seinen Rücktritt als Elfmeter-Schütze. Der Mann der unmöglichen Tore hat plötzlich Probleme mit den vermeintlich leichten. Es ist der einzige sportliche Misston einer Super-Saison. Dass es eine wird, ist auch nach zehn Spieltagen nicht zu erahnen, er steht bei vier Toren. Unwürdig für einen wie ihn.

Aber die Mannschaft des FC Bayern zieht ihn aus dieser Krise heraus, sie begeistert auf ihrer Abschieds-Tournee an der Grünwalder Straße die Massen - und auswärts auch. Beim 3:1 in Hannover, an Spieltag elf, trifft Müller erstmals doppelt. Nun ist der Knoten geplatzt. Es folgen zwei Tore gegen Duisburg und drei beim HSV – es ist ein Hattrick binnen 13 Minuten. Der katapultiert ihn an jenem 30. Oktober 1971 an Platz 1 der Torjäger-Liste – und da bleibt der "Bomber der Nation" nun.

"Heute muss ich mich einmal selbst loben"

Beim bis dato höchsten Bundesliga-Sieg (11:1) der Bayern am 27. November, gegen damals desolate Dortmunder in deren Abstiegssaison, zeichnet er für vier Treffer verantwortlich. Nach der Vorrunde hat Müller 17 der 47 Bayern-Tore erzielt, dreimal ist er schon besser gewesen. Und die Mannschaft läuft als Zweiter hinter dem FC Schalke 04 ins Etappenziel ein. Sie haben also noch Ziele in der Rückrunde 1971/72.

Von Udo Muras (Autor der Biografie "Gerd Müller - Der Bomber der Nation")

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