Bundesliga

30.09.2016 - 17:18 Uhr


Bernd Leno: "In dieser Mannschaft steckt viel mehr als das, was wir bisher gezeigt haben“

Leverkusen - Bayer 04 Leverkusen ist nicht so in die Saison gestartet, wie man sich das unter dem Bayer-Kreuz wohl vorgestellt hat. Vor der Partie gegen Borussia Dortmund spricht Leverkusens Keeper Bernd Leno im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für den schwierigen Start, über das Spielverständnis zwischen Stefan Kießling und Chicharito und darüber, dass er bereit ist, buchstäblich auch schon mal Kopf und Kragen für sein Team zu riskieren.

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bundesliga.de: Herr Leno, stimmen Sie zu, dass sich das bisherige Auftreten von Bayer 04 in dieser Saison nur schlecht einschätzen lässt?

Bernd Leno: Ich glaube, dass unser Saisonstart durchwachsen war. Das zeigen die einzelnen Leistungen, und das zeigt der Blick auf die Tabelle. Natürlich gab es auch eine ganze Reihe unglücklicher Momente. Etwa in der Champions League, als wir in Monaco erst in der letzten Minute den Ausgleich bekommen haben. Und in der Bundesliga haben wir in Frankfurt in der vorletzten Minute und gegen Augsburg kurz vor Ende des Spiels jeweils einen Elfmeter verschossen. Da könnte man von ein wenig Pech sprechen. Aber Pech hin oder her. In dieser Mannschaft steckt viel mehr als das, was wir bisher gezeigt haben. Das aber müssen wir nun unbedingt abrufen. Denn dafür, dass wir jedes Jahr einen solchen Endspurt hinlegen wie in der vergangenen Saison, gibt es keine Garantie.

bundesliga.de: Das Spiel in Mainz, wo einer sehr schwachen eine hervorragende zweite Halbzeit folgte, taugt als Sinnbild für Bayers bisherige Saison. Wie erklären sich so konträre Leistungen innerhalb von nur 90 Minuten?

Leno: Das ist schwer zu erklären. Es stimmt, dass wir in der ersten Halbzeit weder spielerisch noch kämpferisch das gezeigt haben, was wir uns vorgenommen hatten. Dann sagt der Trainer in der Halbzeitpause ein paar sehr klare Worte, und auf einmal läuft alles wie geschmiert. Das hat natürlich gutgetan. Trotzdem darf uns eine Halbzeit wie die erste nicht passieren. Nur eine gute Halbzeit reicht gegen kein Team der Bundesliga.

bundesliga.de: Der Trainer hat "ein paar sehr klare Worte" gesprochen, und er hat Stefan Kießling eingewechselt. Zeigt sich gerade in schwierigen Momenten, wie wichtig "der alte Mann" noch für sein Team ist?

Leno: Ganz genau! Denn "der alte Mann" hat nach wie vor eine Riesen-Qualität. "Kies" kann die langen Bälle festmachen, er ist in der Luft sehr stark und er harmoniert hervorragend mit Chicharito. "Chicha" ist ein Killer vor dem Tor, und "Kies" ist derjenige, der ihm die Bälle ablegt, mit dem Kopf oder mit dem Fuß. All das hat man in Mainz gesehen, bzw. in der ersten Halbzeit, als "Kies" noch auf der Bank war, eben nicht gesehen. Deshalb ist Stefan trotz seiner Jahre und seiner langwierigen Verletzung nach wie vor ein extrem wichtiger Spieler für uns und wird vielleicht gerade als Joker noch eine besondere Rolle spielen.

bundesliga.de: Am Samstag empfangen Sie die Dortmunder Borussia, zu der man den Abstand verkürzen wollte. Hatten Sie zwischenzeitlich schon Sorge, dass er sich im Gegenteil noch vergrößern könnte?

Leno: Bisher ist der Vorsprung sicher nicht geschrumpft, die Dortmunder spielen derzeit auf einem ganz hohen Niveau. Aber wir stehen immer noch am Anfang der Saison und sind vielleicht noch ein bisschen in der Findungsphase.

bundesliga.de: Sind Sie überrascht, dass der BVB trotz des großen Umbruchs im Sommer bereits so harmoniert?

Leno: Schon ein bisschen. Wenn man sieht, wie viele Spieler dort immer wieder neu in der Startelf auftauchen, muss man sagen, dass sie das sehr, sehr gut machen. Nichtsdestotrotz wird sich im Laufe der Saison erst noch zeigen müssen, ob sie dieses Niveau auch auf Dauer halten können. Es wäre falsch, den BVB jetzt schon in den Himmel zu loben oder uns zu verdammen. Und es gibt keinen Grund, dass wir an unserem Primär-Ziel, die Champions League zu erreichen, nicht festhalten sollten. Allerdings müssen wir allmählich anfangen, auch regelmäßig zu punkten.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie gegen den BVB?

Leno: Ich rechne mit einem sehr engen Spiel. Es ist noch jedes Mal unangenehm für die Dortmunder gewesen, wenn sie bei uns spielen mussten. Klar, die Dortmunder haben auch gegen Real Madrid gezeigt, dass sie in einer sehr guten Verfassung sind. Aber ich glaube, dass sie schon Respekt vor uns haben. Wir wollen diese Partie auf jeden Fall gewinnen. Sollte es nach einem guten Spiel von uns nur zu einem Punkt reichen, könnten wir damit aber auch ganz gut leben.

bundesliga.de: Einer der stärksten Borussen der vergangenen Wochen ist Ihr ehemaliger Teamkollege Gonzalo Castro...

Leno: Ich habe vier Jahre mit "Gonzo" zusammengespielt. Er ist ein Super-Typ, menschlich top und fußballerisch sehr stark, und mir war immer klar, dass er auch in Dortmund ein ganz wichtiger Spieler werden würde. Und genauso ist es gekommen.

bundesliga.de: Castro hat sich nach sechszehn Jahren bei Bayer 04 für einen Wechsel entschieden, Sie dagegen haben Ihren Vertrag gerade erst bis 2020 verlängert. Damit hatte längst nicht jeder gerechnet...

Leno: Auch wenn wir in dieser Saison bisher noch nicht so überzeugt haben, ist in Leverkusen in den vergangenen Jahren doch etwas Großes entstanden. Ich bin jetzt sechs Jahre hier, und in fünf davon haben wir in der Champions League gespielt. Bayer 04 Leverkusen ist längst eine sehr gute Adresse im Fußball. Dieses Jahr konnten alle umworbenen Spieler gehalten werden, so dass das gut funktionierende Team zusammenbleiben konnte. Hier wird ein klarer Plan verfolgt. Mir persönlich hat der Verein zu verstehen gegeben, dass ich ein sehr wichtiger Teil dieser Mannschaft und dieses Plans bin. Deshalb habe ich den Vertrag voller Überzeugung unterzeichnet und werde weiterhin alles für Bayer 04 geben.

bundesliga.de: Tatsächlich riskieren Sie für Ihr Team bisweilen buchstäblich Kopf und Kragen, wie in Mönchengladbach, als Sie aus nächster Nähe einen Ball ins Gesicht bekamen und mehrere Minuten lang benommen waren. Haben Sie sich die Szene später noch mal angeschaut?

Leno: Sogar ein paar Mal. Mittlerweile kann ich darüber mit meinen Freunden auch schon wieder lachen. In der Situation selbst war es natürlich weniger angenehm - wobei für mich das Wichtigste war, dass ich den Ball gehalten und der Mannschaft geholfen habe. War ja auch nicht der erste Ball, den ich ins Gesicht bekommen habe. (lacht)

bundesliga.de: Hat man danach ein mulmiges Gefühl, gerade dann, wenn ein Spieler von außen auf das Tor zu läuft, so dass der Winkel immer spitzer und die Chance, dass Sie getroffen werden, immer größer wird?

Leno: Nein. Ein mulmiges Gefühl, dass man den Ball ins Gesicht oder in irgendwelche anderen Königsregionen des Körpers bekommen könnte, das darf man als Torwart nicht haben. Ich sage immer "Als Torwart hat man grundsätzlich einen positiven Schaden". Man muss positiv verrückt sein für den Job und hält dann eben auch schon mal den Kopf hin. Das ist alles halb so wild.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Video: Bayer-Rückhalt Leno

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