Bundesliga

27.01.2016 - 17:00 Uhr


Bayern ohne Boateng: Das kann Guardiola jetzt machen

Ein Muskelbündelriss im Oberschenkel legt Jerome Boateng für längere Zeit flach. Pep Guardiola muss seine Taktik umstellen

Javi Martinez (l.) und David Alaba (r.) sind zwei Optionen, um Boateng zu ersetzen

Köln - Der langfristige Ausfall von Nationalspieler Jerome Boateng mit einem Muskelbündelriss bereitet den Bayern Kopfschmerzen. Taktikfuchs Pep Guardiola muss einige Umstellungen in der Defensive vornehmen, um den starken Innenverteidiger zu ersetzten. bundesliga.de hat sich Guardiolas Optionen angeschaut und zwei mögliche Änderungen ausgemacht.

Option eins: Dreierkette

Guardiolas Taktik vorauszusagen, erweist sich schon in seiner gesamten Zeit beim FC Bayern München als nahezu unmöglich. Der Spanier wechselt Spielsystem und Aufstellung nach Belieben, stellt häufig sogar im Spiel mehrfach um. Dabei greift er in der Defensive aber neben der klassischen Vierer- auch immer wieder auf eine Dreierkette zurück. Sechs Mal ließ er in der laufenden Saison schon mit dieser Defensivformation spielen, jedes Mal gingen die Bayern als Sieger vom Platz.

Die Vorteile einer Dreier-Defensive für einen offensiv ausgerichteten Coach wie Guardiola sind offensichtlich. Mit drei Mann in der Mitte können die beiden Außenverteidiger hoch aufrücken und über die Seiten viel Druck machen. Hinzu kommt, dass ein bis zwei Innenverteidiger - gerade bei einem so dominaten Team wie den Bayern - immer wieder ins defensive Mittelfeld vorrücken können, um dort eine zusätzliche Anspielstation zu bieten oder den Gegner frühzeitig zu pressen, um schnell wieder in Ballbesitz zu kommen.

Hierdurch sichern sich die Münchner ihre hohe Ballbesitzquote, unterbinden gegnerische Angriffe schon im Keim und können schnell zum Gegenangriff übergehen. Ein beliebtes Element von Guardiola ist dabei der schnelle Seitenwechsel durch lange Pässe.

Als zumeist zentraler Mann in der Dreierkette hat Boateng seine Stärken bisher genial eingesetzt, ob das seine hohe Passgenauigkeit auch bei langen Bällen war oder sein gutes Auge für die Situation, sich im richtigen Moment auch mal fallen zu lassen, um tiefer stehend schnelle Angriffe des Gegners zu unterbinden, und hat damit entscheidend zum Erfolg der Münchner beigetragen. Stattliche 87 Prozent seiner 1.152 Pässe hat der Weltmeister an den Mann gebracht, eine überragende Quote. Dabei sorgt er auch in der Offensive immer wieder für Highlights, wie bei seinem Traumpass im Klassiker gegen Borussia Dortmund, als er gleich nach der Pause Robert Lewandowski genial in Szene setzte. Dessen 3:1 bedeutete praktisch die Vorentscheidung.

Das Video von Bayerns 5:1 gegen den BVB

Boatengs Schnelligkeit ist zudem die Versicherung der Bayern gegen Teams, die sich größtenteils aufs Kontern einstellen und mit langen Pässen auf ihre schnellen Stürmer die Bayern-Abwehr überlaufen wollen. So wie es beispielsweise der FC Ingolstadt am 16. Spieltag über 65 Minuten nahezu perfekt in der Allianz Arena spielte, um schließlich doch noch mit 0:2 zu verlieren. Diese Schnelligkeit hilft auch, eine der Nachteile der Dreierkette zu kompensieren, die anfällig gegen lange, steile Flankenwechsel ist, wenn die Gegner den freien Raum auf der Ball fernen Seite nutzen.

Bei ihrem großen und extrem ausgeglichenen Kader ist es den Bayern bisher fast immer gelungen, einzelne Spieler adäquat zu ersetzen. Der Ausfall des enorm formstarken Abwehrchefs dürfte aber schwerer wiegen, da die Alternativen fehlen. David Alaba, der bereits als zentraler Mann in der Dreierkette gespielt hat und ein ausgezeichneter Pass- und Taktgeber ist, könnte den Posten übernehmen. Doch Guardiola will nicht auf die Dynamik des jungen Österreichers in der Offensive verzichten, wo er immer wieder Akzente setzt.

Ein weiterer Kandidat wäre Medhi Benatia. Der Marokkaner hat immerhin auch eine Passquote von 91 Prozent, zudem gute Zweikampfwerte. Doch nach seiner langen Verletzung ist der Kapitän der marokkanischen Nationalmannschaft noch auf der Suche nach seiner Bestform und hat erst sechs Bundesliga-Spiele in dieser Saison bestritten. Ähnlich geht es Javi Martinez und Holger Badstuber, die ebenfalls lang verletzt waren und sich noch keinen Stammplatz erobern konnten.

Guardiola könnte aber auch Xabi Alonso zurückziehen und auf die zentrale Position zwischen die regulären Innenverteidiger stellen. Wahrscheinlich wird er aber nicht auf Alonsos Passqualitäten im Spielaufbau verzichten wollen und den Spanier lieber wie gewohnt im Sechserbereich aufbieten. Diese Schwierigkeiten könnten dazu führen, dass Guardiola doch lieber auf eine Viererkette setzen wird.

Option zwei: Viererkette

Das klassische System mit vier Verteidigern in einer Reihe hat sich für die Bayern indes nicht immer ausgezahlt. Schließlich kassierten sie ihre einzigen beiden Niederlagen in dieser Saison mit einer Viererabwehr - gegen den FC Arsenal in der Champions League und am 15. Spieltag beim 1:3 gegen Borussia Mönchengladbach. Und in der vergangenen Saison setzte es mit Viererkette ein 1:4 zum Rückrundenauftakt beim VfL Wolfsburg.

Video-Highlight: Gladbach - Bayern 3:1

Aber natürlich hat die Viererkette auch viele Vorteile. Die tiefer stehende Reihe ist weniger anfällig gegen schnelle Konter und lange Bälle, durch Verschieben kann zudem defensiv noch mehr Druck auf die Flügel und der Raum enger gemacht werden. Und wenn die beiden Innenverteidiger vormaschieren wird aus der Vierer- auch schnell eine Dreierkette, vorausgesetzt ein Sechser wie Alonso lässt sich zurückfallen.

Sieht man sich den zur Verfügung stehenden Kader an, macht eine Viererreihe für die Bayern tatsächlich mehr Sinn. Zumal Martinez und Badstuber als zentrale Verteidiger nicht über die Grundschnelligkeit und das perfekte Stellungsspiel eines Boateng verfügen und so Schwierigkeiten als Herz der Dreierkette kriegen könnten. Spielen die beiden aber gemeinsam in der Viererkette könnte Alaba auf seine gewohnte Position auf der linken Seite rücken. Mit dann drei spielstarken zentralen Mittelfeldspielern - etwa Alonso, Thiago Alcantara und Arturo Vidal - könnte der Deutsche Meister sein gewohnt dominantes Spiel im Mittelfeld aufziehen.

Video: Vollands Rekord-Treffer

An diesem Wochenende geht es gegen die TSG 1899 Hoffenheim (zur Vorschau). Im Hinspiel überwand Kevin Volland die Bayern-Hintermannschaft bereits nach neun Sekunden, stellte damit einen Rekord ein. Eine Wiederholung soll es nicht geben, Guardiola wird deshalb wohl auf defensive Stabilität setzen. Aber egal, für welche Variante, Boateng zu ersetzen, sich der Taktiker auch entschieden wird, es wird mit Sicherheit eine innovative und unterhaltsame sein.

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