Bundesliga

11.02.2016 - 17:31 Uhr


Darmstadt-Kapitän Aytac Sulu: "Wir haben uns den Respekt erkämpft"

Darmstadt - Der SV Darmstadt 98 mischt auch vor dem vierten Spieltag der Rückrunde immer noch die Bundesliga auf und steht auf mit 24 Punkten auf dem 11. Platz. Am Samstag gastiert Bayer 04 Leverkusen bei den Lilien (zum Vorbericht). Kapitän Aytac Sulu, der im Hinspiel den 1:0-Siegtreffer gegen die Werkself erzielte, spricht bei bundesliga.de ausführlich über die Rolle und die Tugenden des Aufsteigers in der Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Sulu, Sie gingen vor der Saison eine Wette mit dem Trainerteam ein. Die Trainer verlieren, wenn die Innenverteidiger in dieser Runde fünf Tore schießen. Alleine Sie haben beim 2:0 in Hoffenheim am vergangenen Wochenende nun schon Ihren fünfen Treffer erzielt. Haben die Trainer ihre Wettschulden schon beglichen?

Aytac Sulu: (lacht) Die Trainer haben verloren, das stimmt. Ob sie schon gezahlt haben, weiß ich nicht. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass das Trainerteam sich eine neue Gegenwette ausdenkt. Aber noch ist das nicht fix.

bundesliga.de: Sie haben die Wette ja quasi im Alleingang gewonnen. Noch auf keiner Station ihrer bisherigen Karriere aber haben Sie so oft per Kopf getroffen. Wurden Ihnen in Darmstadt kleine Trampoline unter die Stollenschuhe montiert?

Sulu: Mein Ziel war immer, mehr als vier Tore in einer Saison zu erzielen. Egal in welcher Liga ich war - immer habe ich nur höchstens drei oder vier in einer Runde geschafft. Dass ich nun meinen eigenen Rekord in der Bundesliga gebrochen habe, ist natürlich schön. Man muss aber auch sagen, dass die Standardsituationen bei uns extrem gut getreten sind. Aber ich habe mich auch ein Stück weiterentwickelt im Kopfballspiel. Insofern ist das auch Lohn harter Arbeit und von sehr viel Training.

bundesliga.de: Es heißt ja, man wächst an den Aufgaben. Hat die Bundesliga noch einmal ein paar Prozent Leistung mehr herausgekitzelt bei Ihnen, die Sie sich selbst vorher vielleicht gar nicht zugetraut haben?

Sulu: Ja, das kann man schon sagen. Ich habe mit jedem Aufstieg auch immer versucht, noch mehr zu machen. In der freien Zeit habe ich nach jedem Aufstieg noch mehr Läufe gemacht und bin vielleicht noch öfters ins Fitnessstudio gegangen. Auch nach dem Aufstieg von der 2. Bundesliga in die Bundesliga natürlich. Man hat zwar ab und zu einen freien Tag, den man zum Regenerieren nutzt, aber manchmal nutzt man ihn auch, um seine Defizite zu verbessern. Das ist bei mir auch der Fall. In einer starken Liga muss man sich weiterentwickeln, damit man Woche für Woche seine Leistung bringen kann. Denn: Die Gegner in der Bundesliga sind natürlich eine Hausnummer.

bundesliga.de: Darmstadt hat bereits 13 Tore nach Standardsituationen erzielt. Mittlerweile hat man den Eindruck, die Gegenspieler hätten fast Angst, wenn die Abwehrkanten der Lilien bei Eckbällen nach vorne gehen. Erleben Sie das auf dem Platz auch so?

Sulu: Ich glaube schon, dass die Gegner mittlerweile einen Heidenrespekt vor unserem Standard-Spiel haben. Das wird ja auch wöchentlich erwähnt von den gegnerischen Trainern in der Vorbereitung auf die Spiele gegen uns. Es ist ja gut, wenn das die Gegner ein bisschen einschüchtert. Es ist auch eine Anerkennung für uns, wenn sich die gegnerischen Spieler ein Stück weit auch fürchten vor uns bei Standards.

bundesliga.de: Mittelfeldspieler Peter Niemeyer sagte nach dem Sieg in Hoffenheim: "Alle denken, wir wären eine Gurkentruppe, das motiviert uns noch mehr." Haben Sie den Eindruck, dass die Gegner Darmstadt noch unterschätzen?

Sulu: Am Anfang der Runde kann ich mir schon vorstellen, dass das so war. Da haben die Gegner vielleicht gedacht, diesen kleinen Verein, der es gerade so geschafft hat, mit Spielern, die woanders nicht mehr gefragt sind, die putzen wir weg. Vielleicht war das ein Thema. Aber ich glaube, mittlerweile haben wir uns den Respekt erarbeitet und erkämpft durch die andere Art von Fußball, den wir spielen. Wir machen es den Gegnern ja auch recht schwer, damit sie nicht die richtigen Mittel finden.

bundesliga.de: Andererseits: Sie sind zwar nach den Bayern und Dortmund sensationell die drittbeste Auswärtsmannschaft der Liga, aber zuhause läuft es nicht rund. Warum? Weil Sie vor den eigenen Fans nicht so tief stehen können wie in einem fremden Stadion?

Sulu: Wir können auch zuhause tief stehen. Wir hatten ja auch ein bisschen Pech in vielen Spielen zuhause, gegen Hannover zum Beispiel oder gegen Wolfsburg, wo uns am Ende dann auch hinten die Zu-Null-Konsequenz gefehlt hat. Vielleicht agieren wir tatsächlich ein bisschen offensiver daheim. Aber über die Strecke der Saison ist das schwierig zu beurteilen bislang. Wir versuchen grundsätzlich, zuhause so unseren Stil zu spielen wie auswärts.

bundesliga.de: Sie haben auch keines Ihrer fünf Ligatore am Böllenfalltor erzielt.

Sulu: Im Pokal habe ich eins zuhause gemacht, aber dafür gibt es ja keine Punkte. Ich nehme mir immer vor, ein Tor zu erzielen, aber es gelingt mir nicht. Wichtig ist ohnehin nur, dass wir gewinnen - wer die Tore schießt, ist dann egal.

bundesliga.de: Armin Veh, der Trainer von Eintracht Frankfurt, sagte in dieser Woche über Sie: "Sulu ist ein Top-Spieler. Und auch in seinen Aussagen ein feiner Typ. Ein richtiger Abwehr-Chef, der auch noch so viele Tore schießt." Wie kommt das bei Ihnen an?

Sulu: Es ist natürlich immer schön, wenn man auch von einem gegnerischen Trainer gelobt wird. Das nehme ich gerne zur Kenntnis. Ich freue mich aber genauso, wenn die ganze Mannschaft gelobt wird und Anerkennung bekommt. Und ich denke, das bekommt sie auch durch solche Aussagen.

bundesliga.de: Die Aufstiegsmannschaft ist ja nicht mehr mit der Mannschaft identisch, die nun Woche für Woche in der Bundesliga auf dem Platz steht. Sie haben viele neue Spieler dazubekommen, die jetzt zum Beispiel Aufstiegshalden wie Dominik Stroh-Engel und Marco Sailer auf die Ersatzbank verdrängt haben. Dass das Teamgefüge trotzdem so harmonisch wirkt, ist daher keine Selbstverständlichkeit, oder?

Sulu: Selbstverständlich ist das nicht, das ist richtig. Aber die Typen, die wir haben, wissen wo sie herkommen und gönnen auch der Mannschaft den Erfolg. Die Angesprochenen "Dodo" und "Toni" (Stroh-Engel und Sailer, Anm. d. Red.) haben im Moment zwei Konkurrenten, die das sehr gut machen. Sie stellen sich trotzdem ohne Murren hintenan. Das zeigt, dass die Beiden Persönlichkeiten sind, die sich nicht in persönlichen Eitelkeiten verlieren. Sie sind ja beide trotzdem wichtig für die Mannschaft, wie alle anderen auch, die momentan hintenan stehen. Dass man natürlich unzufrieden ist, wenn man nicht spielt, ist klar, aber wie die Jungs damit umgehen, ist schon stark. Da gehört eine Menge dazu, bei uns ziehen alle für das große Saisonziel Nichtabstieg an einem Strang.

bundesliga.de: Ihr Trainer Dirk Schuster hat einmal über Sie gesagt: "Aytac geht immer voran. Der hört erst auf, wenn er seinen Kopf unter dem Arm trägt." Ist diese Einstellung das große Plus von Darmstadt 98?

Sulu: Wir sind nimmermüde und geben bis zur letzten Sekunde nicht auf. Man hat vor allem beim Sieg in Hoffenheim gesehen, dass jeder bei uns bereit ist, den Fehler des anderen auszubügeln und sich wirklich in jeden Ball zu werfen, um den zu blocken. Der Trainer lebt das ja vor, er will, dass wir alles in die Waagschale werfen und unseren Kumpels helfen, wenn sie in Not sind auf dem Platz. Das ist schon unser Credo, unser Motto.

bundesliga.de: Sie sind Kapitän und der Anführer dieser Mannschaft. Waren Sie schon immer so eine Leaderfigur, oder sind Sie mit den Jahren in Darmstadt in diese Rolle reingewachsen?

Sulu: (lacht) Ich war jetzt nicht in der Schauspielschule und habe mir das antrainiert. Nein, das war schon immer in mir drin. Ich kann das auch nicht beschreiben. Vielleicht wächst man schon ein Stück weit in diese Rolle hinein. Aber das Gespür, wie man bestimmte Leute in der Gruppe anzupacken hat, ist mein normaler Job auf dem Feld, wenn ich die Binde trage. 

bundesliga.de: War der Sieg in Hoffenheim auch deshalb so wichtig, weil nun mit Leverkusen und Bayern München zwei Spiele vor der Brust stehen, in denen Ihre Erfolgsaussichten eher gering sind?

Sulu: Auf jeden Fall, das war für den Kopf sehr wichtig. Wir haben jetzt zehn Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz. Nun kommen fast nur Gegner aus der oberen Tabellenhälfte (zur Tabelle) in den nächsten Wochen, da kann der Abstand schnell geringer werden. Aber wir gehen mit breiter Brust in die Spiele, auch wenn es gegen Leverkusen nun schwer wird, in München niemand was erwartet und wir auch nach dem Auswärtsspiel in Bremen noch gegen Dortmund spielen (Darmstadts Ergebnisse und Spiele) . Aber wir dürfen uns nicht ausruhen, nur weil wir in Hoffenheim gewonnen haben.

bundesliga.de: Peter Niemeyer wiederum hat nach dem Hoffenheim-Spiel gesagt: "Wir dürfen uns schon einmal leicht auf die Schulter klopfen: 24 Punkte nach 20 Spieltagen hat uns niemand zugetraut." Damit haben Sie selbst auch nicht gerechnet, oder?

Sulu: Dass der Abstand nach unten so groß ist, hätten wir natürlich nicht erwartet. Aber wir wissen seit dem ersten Spiel, dass es für uns bis zum letzten Spieltag eng werden kann. Und weil wir das wissen, wird sich an unserer Einstellung auch nichts ändern. Die 24 Punkte sind eine Momentaufnahme, die wir so schnell wie möglich vermehren wollen.

bundesliga.de: Haben Sie eigentlich schon Einladung des türkischen Nationaltrainers Fatih Terim erhalten für die Länderspiele im März? Die Türken nehmen ja auch an der EM im Sommer teil.

Sulu: Ich habe noch keine Einladung. Aber klar, wäre eine Nominierung für die türkische Nationalelf die Erfüllung eines Kindheitstraums. Mir bleibt nichts anderes übrig, als in der Bundesliga Vollgas zu geben. Wenn ich das Ziel mit Darmstadt erreiche sollte, nicht abzusteigen, wäre ich schon sehr, sehr glücklich. Alles was danach noch kommen sollte, wäre ein Zubrot, über das ich mich wahnsinnig freuen würde.

Das Gespräch führte Tobias Schächter

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