Bundesliga

28.03.2017 - 10:43 Uhr


Wolfsburgs Trainer Andries Jonker: "Wir müssen da unten raus kommen, egal wie"

Wolfsburg - Sieben Punkte aus drei Partien sprechen dafür, dass Andries Jonker beim VfL Wolfsburg offensichtlich die richtigen Knöpfe gedrückt hat. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Holländer über seine Sofortmaßnahmen, über die Klasse von Mario Gomez und über die große Zeit des niederländischen Fußballs.

bundesliga.de: Herr Jonker, gibt es eine Art Erste-Hilfe-Plan im Trainer-Handbuch, wenn man im letzten Saisondrittel eine Mannschaft übernimmt, die in dieser Saison bereits zwei Trainer hatte?

Andries Jonker: Ich weiß nicht, ob es für diese Situation wirklich ein Trainer-Handbuch gibt, ich habe auf jeden Fall keins. (lacht) Aber ich kann Ihnen sagen, was ich in den ersten zwei Tagen gemacht habe.

bundesliga.de: Bitte!

Jonker: Die drei Dinge, die ich in den beiden ersten Tagen getan habe, waren Zuschauen, Zuhören und Reden - um herauszufinden "Was ist hier los in Wolfsburg?".

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bundesliga.de: Und was haben Sie herausgefunden?

Jonker: Ich bin am Montag in Wolfsburg angekommen und habe umgehend mit Marcel Schäfer und Diego Benaglio gesprochen. Noch am selben Tag habe ich nach dem Training zudem Gespräche mit acht weiteren Spielern geführt. Das Ergebnis war, dass zehn von zehn Spielern selbstkritisch zugegeben haben, dass sich die Mannschaft nicht immer hunderprozentig an die Vorgaben gehalten hat. Also habe ich gesagt: "Das ist das erste, das wir jetzt ändern: Ab jetzt haltet ihr euch immer hundertprozentig an die Vorgabe". Daraufhin habe ich mir zwei Tage Zeit genommen und habe der Mannschaft schließlich am Donnerstag meinen Plan präsentiert.

bundesliga.de: Sieben Punkte aus drei Spielen scheinen ein Beleg dafür, dass der greift...

Jonker: Die Jungs versuchen, den Plan umzusetzen und machen gute Fortschritte. Aber ich bin überzeugt, dass diese Mannschaft, was ihr Leistungsvermögen betrifft, noch viel Luft nach oben hat.

bundesliga.de: Was ist Ihnen im Moment wichtiger: Dass Ihre Mannschaft in allen drei Spielen getroffen hat – in den 22 Spielen zuvor waren ihr nur 20 Treffer gelungen – oder dass sie zweimal zu Null spielen konnte?

Jonker: Zu dem Zeitpunkt, als ich die Mannschaft übernommen habe, standen den 20 erzielten Toren 33 Gegentreffer gegenüber, von denen allein 13 aus den drei Spielen gegen die Bayern und den BVB resultierten. Das bedeutet, dass man in den anderen 19 Spielen nur 20 Tore kassiert hatte. Das ist eine Zwischenbilanz, mit der man in der Bundesliga normalerweise zwischen Platz zwei und sechs rangieren kann. Die defensive Bilanz war mit Ausnahme der drei angesprochenen Spiele also in Ordnung. Das große Problem waren demnach die nur 20 erzielten Tore in 22 Spielen. Das reicht nicht. Mit einer solchen Quote stehst du überall auf der Welt unten, ob das nun in Mexiko, in Kanada, in Schottland oder in Belgien ist. Das geht nicht! Du musst einfach mehr Tore schießen. Deshalb ist mir sehr wichtig, dass wir mehr Chancen kreieren und so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir auch mehr Tore schießen. Nur so werden wir da unten wegkommen.

bundesliga.de: Mario Gomez zeigte sich beeindruckt, dass Sie die Mannschaft im Abstiegskampf Fußball nicht nur fighten, sondern vor allem auch spielen lassen...

Jonker: Etwa zwei Drittel der Jungs waren mir bereits gut bekannt. Das sind Fußball-Spieler, die wollen grundsätzlich von Grün zu Grün spielen. Und das Drittel, das ich jetzt erst kennengelernt habe, will das ebenfalls. Diese Jungs wollen alle Fußball spielen und sie können alle Fußball spielen. Also gibt es doch gar keine andere Option, als diese Mannschaft auch Fußball spielen zu lassen.

bundesliga.de: Dass alle drei bisherigen Treffer Mario Gomez erzielt hat, könnte Zufall sein... Oder doch nicht, wenn man weiß, dass Gomez in bisher acht Spielen stets getroffen hat, wenn Sie sein Trainer waren?

Jonker: Der Fußball schreibt manchmal wirklich schöne Geschichten, wie nun mit Mario. Aber wenn er irgendwann vielleicht 50 Mal bei mir gespielt haben wird, glaube ich kaum, dass er in allen 50 Spielen auch getroffen hat. Nichtsdestotrotz ist es schön, dass es jetzt so passiert ist. Ich versuche, Mario immer wieder darin zu bestärken, was seine Qualität ist und wo seine Kompetenz liegt. Die liegt nun mal im Strafraum des Gegners. Und im Scherz habe ich zu ihm gesagt: "Mario, Du musst um Gottes Willen im Strafraum des Gegners bleiben. Ich möchte nicht, dass Du im Mittelfeld versuchst das Spiel zu machen, und ich möchte auch nicht, dass Du versuchst über die Außenbahnen zu kommen und zu flanken." Nein. Er muss die Bälle reinmachen. Da ist er überragend! Und dieser Kompetenz verdankt er seine große Karriere.

bundesliga.de: Möglicherweise haben ihm das aber frühere Trainer auch gesagt. Mit Ihnen scheint Gomez allerdings ein besonders großes Vertrauensverhältnis zu pflegen.

Jonker: Ein bloßes Gespräch mit Mario führt wahrscheinlich nicht dazu, dass er gleich alle Tore für uns schießt. Entscheidend ist, dass wir alle an einem Strang ziehen und dass die zehn anderen es Mario ermöglichen, seine Treffer zu erzielen. Das sind die anderen 50 Prozent der Geschichte. Trainieren, erklären, Videos zeigen und vor allem Überzeugungsarbeit leisten, wie es gehen könnte – das ist die Aufgabe.

Video: Gomez blüht unter Jonker auf

bundesliga.de: In Person von Fredrik Ljungberg haben Sie einen ehemaligen Weltklassespieler als Co-Trainer aus London mit nach Wolfsburg gebracht. Was soll er Ihren Spielern vermitteln?

Jonker: Freddie hat zehn Jahre bei Arsenal gespielt, und Sie wissen, dass es in Europa drei Vereine mit einer sehr ähnlichen Fußball-Philosophie gibt: Ajax Amsterdam, den FC Barcelona und den FC Arsenal. Diese Clubs wollen erfolgreich sein mit schönem Fußball, egal wer der jeweilige Trainer ist. Freddie liebt schönen Fußball über alles, aber er will immer auch den Erfolg. Und was er als U19-Co-Trainer und als Trainer der U15 bei Arsenal gezeigt hat, war hervorragend. Er hat die einzelnen Spieler und die Mannschaft besser gemacht. Und das erwarte ich jetzt auch in Wolfsburg von ihm, dass er sich individuell um die Spieler kümmert und ihnen diese Philosophie vermittelt. So wie ich das in der Vergangenheit bei Felix (Magath; d. Red.), Lorenz (Köstner; d. Red.), Dieter (Hecking; d. Red.) oder bei Louis (van Gaal; d. Red.) getan habe.

bundesliga.de: Sie haben nicht nur in Wolfsburg mit Felix Magath, sondern auch beim FC Barcelona und beim FC Bayern mit Louis van Gaal und in London mit Arsene Wenger gearbeitet. Das klingt nach einer harten Schule...

Jonker: Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Es ist zwar richtig, dass es sich bei allen drei um eigenwillige Charaktere handelt, die aber allesamt auch eine ganz starke Philosophie und eine große Überzeugung auszeichnet. Das sind Charaktere, die auch offen sind für andere Meinungen und für neue Argumente. Solche Argumente habe ich meist gehabt. Ich habe mich in der Zusammenarbeit mit diesen Trainern immer sehr wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil das Miteinander sehr respektvoll war. Deshalb würde ich nicht von einer harten Schule sprechen, sondern vielmehr von einer bereichernden Zusammenarbeit – wobei immer klar war, dass sie der Chef waren und ich der Co-Trainer.

bundesliga.de: Welche dieser drei Trainer-Ikonen hat Sie am stärksten geprägt?

Jonker: Die längste Zeit habe ich mit Louis van Gaal verbracht. Sicherlich hat das viel mit meinem Amsterdamer Hintergrund zu tun. Als kleiner Junge war ich fasziniert von Ajax Amsterdam, vom damals neuen Stadion unter Flutlicht, von den rotweißen Trikots der Spieler, vom tollen Passspiel der Mannschaft und natürlich von den Dribblings von Johan Cruyff. Das sind wunderschöne Erinnerungen. Und vielleicht erinnern Sie sich an die Erfolge des holländischen Fußballs in den 70er Jahren, als Holland zweimal Vize-Weltmeister (1974 u. 1978; d. Red.) wurde und Ajax Amsterdam dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister (1971-1973; d. Red.) gewinnen konnte. Diese Erfolge waren immer mit schönem, attraktivem Fußball verbunden. Louis van Gaal hat mich gelehrt, wie man diese Attraktivität auf den modernen Fußball überträgt.  

bundesliga.de: Beim VfL hat attraktiver Fußball im Moment aber sicher nicht oberste Priorität...

Jonker: Das stimmt. Für uns kann es nur darum gehen, dort unten so schnell wie möglich wegzukommen. Und, ganz ehrlich, es ist mir komplett egal, wie wir das erreichen. Hauptsache wir kommen dort unten raus. Wenn wir das geschafft haben, können wir uns über andere Dinge unterhalten.

bundesliga.de: Am kommenden Spieltag müssen Sie in Leverkusen antreten. Ihr erstes Spiel als Cheftrainer in der Bundesliga bestritten Sie auch gegen Bayer 04, in der Saison 2010/11 mit dem FC Bayern München.

>>> Alle Infos zu #WOBB04 im Matchcenter

Jonker: Selbstverständlich erinnere ich mich an dieses Spiel. Damals konnte der FC Bayern in München Bayer 04 Leverkusen mit 5:1 besiegen. Aber das war eine ganz andere Situation, und es bringt nichts daran zurückzudenken – obwohl es ohne Frage eine schöne Erinnerung ist. Wir aber müssen jetzt einfach von Spiel zu Spiel denken, das ist das Wichtigste. Wir dürfen nur auf uns selbst schauen, nicht auf die anderen Teams, die mit uns unten stehen. Ich glaube immer an das halb volle Glas, aber ich bin auch Realist. Ich kenne unseren Vorsprung auf den HSV, aber ich kenne auch unseren Rückstand auf Bayer 04 Leverkusen (jeweils zwei Punkte; d. Red.). Deshalb müssen wir in Leverkusen unbedingt punkten. Solange wir unsere Spiele gewinnen, haben wir alles in der eigenen Hand. Und wir werden das schaffen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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