Bundesliga

23.05.2016 - 13:41 Uhr


André Hahn: "Unsere Aufholjagd war ein kleines, nein, ein groSSes Märchen!"

Mönchengladbach - Keine Frage: André Hahn war Borussia Mönchengladbachs Trumpf in den letzten Saisonspielen auf dem Weg zur Champions-League-Qualifikation. Dabei hätten wohl selbst größte Hahn-Fans kaum geglaubt, dass der Stürmer nach seiner schweren Knieverletzung Ende Oktober 2015 so schnell wieder den Anschluss finden würde. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Hahn über den schwierigen Weg zurück in die Mannschaft, er übt ungewöhnlich offen Selbstkritik und zeigt viel Verständnis dafür, dass ihn Bundestrainer Joachim Löw nicht mit nach Frankreich nimmt.

bundesliga.de: Herr Hahn, sowohl Borussias Geschichte dieser Saison als auch Ihre eigene erinnert, drückt man es etwas theatralisch aus, an das Bild vom "Phoenix aus der Asche"...

André Hahn:In der Tat! Nach fünf Spieltagen standen wir am Tabellenende, ohne einen einzigen Punkt und ohne Trainer. Und dennoch haben wir am Ende die Champions-League-Qualifikation erreicht. Das ist ein kleines, nein, das ist ein großes Märchen und kommt für uns fast dem Gewinn einer Deutschen Meisterschaft gleich. Soweit ich weiß, ist es sogar eine historische Leistung, weil bisher noch nie eine Mannschaft, die nach fünf Spieltagen null Punkte hatte, am Ende einen internationalen Wettbewerb erreicht hat. Berücksichtigt man dazu die lange Liste von Langzeitverletzten, die wir in dieser Saison zu beklagen hatten, kann man nur sagen: Wahnsinn!

bundesliga.de: Einer dieser Langzeitverletzten waren Sie. Aber schon vor dieser Verletzung lief es für Sie nicht so gut, meist waren Sie außen vor...

Hahn: Ich denke "außen vor" trifft meine erste Saisonphase ganz gut. Wenn überhaupt, wurde ich erst gegen Ende der Spiele für ein paar Minuten eingewechselt. Gegen Frankfurt habe ich beim 5:1 zwar zweimal getroffen, dann aber kam beim 3:1 gegen Schalke die schwere Verletzung. Danach hatte ich viel Zeit, um über alles nachzudenken und an mir zu arbeiten, nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental.

bundesliga.de: Gab es in dieser Phase Existenzangst oder Angst, dass Sie den Anschluss verpassen könnten?

Hahn: Existenzangst ist zu hart ausgedrückt. Zum Glück war klar, dass die Verletzung trotz ihrer Schwere keine bleibenden Schäden hinterlassen würde. Das hat mir Mut gemacht. Und ich war mir immer bewusst, was ich zu leisten im Stande bin und dass ich für diese Mannschaft ein wichtiger Spieler sein kann, wenn ich topfit bin. Das habe ich in der Vergangenheit bereits bewiesen. Und als ich Anfang April das Vertrauen des Trainers gespürt und meine Chance bekommen habe, konnte ich dieses mit Toren zurückzahlen. Allerdings hat die Mannschaft es mir sehr leicht gemacht und mich schnell wieder ins Spiel eingebunden. Ich konnte die sechs Tore nur schießen, weil meine Kollegen mich in den entscheidenden Momenten immer mit Vorlagen gefüttert haben.

bundesliga.de: Hatten Sie damals bereits die Hoffnung in dieser Saison noch einmal auflaufen zu können?
Hahn: Ja. Aber damit, dass es so gut laufen würde, wie es nun für mich gelaufen ist, hatte ich nicht gerechnet. Mein Ziel war es noch in der laufenden Saison fit zu werden und ein paar Kurzeinsätze zu bekommen. Im Sommer wollte ich mich dann gezielt wieder heranarbeiten, um in der Vorbereitung angreifen zu können. Das war der Plan. Umso schöner, dass mir bereits jetzt wieder solche Leistungen geglückt sind.

bundesliga.de: Wie wichtig war es, dass Sie während der Reha-Phase nicht ganz auf sich allein gestellt waren?

Hahn: Gut war zunächst, dass die Reha im Borussia-Park stattfinden konnte. So war man wenigstens ein Stück weit immer bei der Mannschaft. Man hat sich in der Kabine gemeinsam umgezogen und im selben Kraftraum gearbeitet. Trotzdem fällt es schwer zuzuschauen, wenn die anderen raus auf den Rasen gehen und man selbst stattdessen an den Maschinen schuften muss. Da ist es in der Tat eine Hilfe, wenn man dort nicht ganz allein ist, sondern sein Schicksal teilen kann. So konnten wir uns immer Mut machen und uns pushen. Und wenn mal einer einen ganz schlechten Tag hatte, haben ihn die drei, vier anderen und die Reha-Trainer sofort wieder aufgerichtet. An dieser Stelle ein großes Lob an unsere Reha-Trainer. Sie haben einen super Job gemacht und viel Abwechslung ins Programm gebracht.

bundesliga.de: Trainer André Schubert nennt Sie "Mentalitätsmonster"; woher kommt diese Mentalität?

Hahn: Die hatte ich schon immer. Ich bin nicht der größte Techniker, der Hacke, Spitze, eins zwei drei spielt. Ich komme über Lauf- und Kampfbereitschaft und über unbändigen Ehrgeiz. Dieses Selbstverständnis hat mich überhaupt erst in die Bundesliga und zur Borussia gebracht. Vielleicht aber sind diese Faktoren dann ein Stück weit verloren gegangen. Es ist nicht so, als ob ich nicht immer versucht hätte alles zu geben. Aber irgendetwas hat zu Saisonbeginn gefehlt. Möglicherweise waren der Wille und die Bereitschaft immer auch noch einen weiteren Schritt zu machen nicht mehr ganz so groß wie zuvor.

bundesliga.de: So viel offene Selbstkritik ist in dieser Branche selten...

Hahn: Mag sein. Aber es muss Gründe gegeben haben, warum ich zu Saisonbeginn kaum Einsätze hatte. Und vielleicht habe ich diese Gründe zunächst woanders gesucht. Das war ein Fehler. Dabei war es nicht so, als wäre der Trainer wirklich unzufrieden mit mir gewesen. Im Gegenteil, er schien zufrieden mit mir. Aber wenn man dennoch nicht spielt, muss einem irgendwann klar werden, dass wohl doch irgendetwas fehlt. Dann muss man bei sich selbst suchen. Man muss wieder anfangen wirklich alles rauszuhauen, bis zu dem Punkt, wo, wie es immer so schön heißt, der Trainer gar keine andere Wahl mehr hat als einen aufzustellen.

bundesliga.de: "Laufen und kämpfen, das geht immer" haben Sie mal gesagt...

Hahn: Das ist mein Motto! Es kann immer mal einen Tag geben, an dem man keinen Pass an den Mitspieler bringt oder an dem einem jeder zweite Ball verspringt. Aber man kann der Mannschaft auch dann immer noch helfen, wenn man bereitet ist bis zum Umfallen zu kämpfen. Und als Stürmer hat man zudem den Vorteil mit nur einer einzigen gelungenen Aktion ein Spiel entscheiden zu können.

bundesliga.de: Fast müssten Sie nach dieser Rückkehr ein wenig traurig sein, dass die Saison nun zu Ende ist...

Hahn: Im Grunde schon. (lacht) Aber was könnte schöner sein als sich so, mit diesem Glücksgefühl, in die Sommerpause zu verabschieden?! Für mich bedeutet das aber auch eine Verpflichtung. Ich möchte in der kommenden Saison erneut auf diesem Niveau spielen und werde in der Pause hart an mir arbeiten.

bundesliga.de: Sind Sie enttäuscht, dass der Bundestrainer Sie nicht in das vorläufige EM-Aufgebot berufen hat?

Hahn: Nein. Okay, ich hatte zuletzt einen Lauf. Aber das darf man nicht überbewerten. Der Bundestrainer konnte und kann auf enorm viele gute Spieler zurückgreifen, und ich habe bisher überhaupt nur einmal für die Nationalmannschaft gespielt. Das aber liegt bereits zwei Jahre zurück. Ich habe auch nie zum etablierten Stamm der Mannschaft gehört und bin kein Bastian Schweinsteiger, der nach einer langwierigen Verletzung automatisch wieder dabei ist. Für mich ist es besser, wenn ich meine Situation realistisch betrachte und stets auf dem Boden bleibe.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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