Bundesliga

13.10.2016 - 09:00 Uhr


Andre Hahn: "Wir sind eine Mannschaft, die den FC Bayern ärgern kann"

Mönchengladbach - Während Borussia Mönchengladbach zuhause eine Macht und der Borussia-Park eine Festung ist, läuft die Fohlenelf den eigenen Ansprüchen auswärts trotz häufig ansehnlicher Spielweise hinterher. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Angreifer André Hahn so aufgeräumt und gradlinig, wie seine Spielweise ist, über die Gründe für die Schwäche auf fremden Plätzen, über den Hamburger SV und den FC Bayern München und über die Renaissance des Mittelstürmers.

bundesliga.de: Herr Hahn, mit dem Hamburger SV kommt eine stark verunsicherte Mannschaft in den Borussia-Park, die mit nur einem Punkt Tabellenletzter ist. Wie bereiten Trainer und Mannschaft sich auf dieses Spiel vor, um den Gegner unterbewusst nicht doch zu unterschätzen?

André Hahn: Wir gehen dieses Spiel an wie jedes andere auch. Das heißt, dass wir den HSV ebenso wenig unterschätzen wie z. B. vor einigen Wochen den SV Werder Bremen, der ebenfalls in einer sehr schwierigen Situation war. Nach nur sechs Spieltagen sagt der Tabellenstand zudem nur wenig aus über die tatsächliche Qualität einer Mannschaft. Dennoch ist klar, dass die Hamburger unter Druck stehen und bei uns punkten müssen. Aber wir spielen im Borussia-Park. Und es ist kein Geheimnis, dass wir zuhause eine Macht sind.

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bundesliga.de: Der HSV hat in Person von Markus Gisdol einen neuen Trainer. Macht man sich als Spieler Gedanken darüber, was das für die Partie bedeuten könnte, oder empfindet man das eher als Randnotiz?

Hahn: Natürlich nimmt man den Trainerwechsel zur Kenntnis und weiß aus Erfahrung, dass ein Trainerwechsel bedeutet, dass sich jeder Spieler neu beweisen und anbieten kann. Das motiviert und weckt neues Feuer. Dennoch empfindet man eine solche Nachricht eher als Randnotiz, auch weil es für uns ohnehin relativ egal ist, wie der Gegner das Spiel angehen will. Wir wollen immer unser Spiel durchziehen und unseren attraktiven Fußball spielen. Und wir haben nach dem 0:4 auf Schalke auch noch etwas gutzumachen.

bundesliga.de: Sie sprechen die Niederlage auf Schalke und damit auch die Auswärtsschwäche der Borussia an. Die bedeutet, dass Heimsiege beinahe Pflicht sind...

Hahn: Das ist richtig. Wir müssen die Punkte zuhause unbedingt holen, solange wir auswärts nicht punkten. Dabei spielen wir auch auswärts immer wieder guten Fußball mit viel Ballbesitz...

bundesliga.de: ...statistisch sogar mehr als zuhause...

Hahn: Genau. Aber wir belohnen uns nicht dafür. Die brutale Qualität, die wir zuhause vor dem gegnerischen Tor haben, zeigen wir auswärts noch nicht in demselben Maße.

bundesliga.de: Woran liegt das?

Hahn: Analysiert man das Spiel auf Schalke, muss man zunächst sagen, dass weder Schalke noch wir in der ersten Halbzeit besonders gut gespielt haben. Also stellt der Trainer in der Pause um, und wir nehmen wir uns viel vor für die zweiten 45 Minuten. Und tatsächlich läuft es in den ersten Minuten richtig gut, wir spielen plötzlich genau den Fußball, den wir uns schon von Beginn an vorgenommen hatten. Dann aber bekommen wir den Elfmeter gegen uns. Schalke geht zwar in Führung, wir aber versuchen sofort zurückzuschlagen...und dann ist innerhalb von sechs Minuten im Grunde alles vorbei! Du guckst auf die Anzeigetafel, liest "3:0 für Schalke" und fragst dich "Was ist denn jetzt los, wir haben es eigentlich doch richtig gut gemacht und hatten das Spiel im Griff?!" Aber das ist eben Fußball.

bundesliga.de: Die Borussia schießt zwar viele Tore, kassiert aber auch viele. Hat die Mannschaft nicht nur ein Auswärts-, sondern ein grundsätzliches Defensivproblem?

Hahn: Wir sind sehr offensiv ausgerichtet, da kann es passieren, dass wir uns hinten auch mal einen Treffer fangen. Grundsätzlich wollen wir aber immer mindestens einen Treffer mehr erzielen als der Gegner. Das gelingt leider nun einmal nicht immer. Dennoch haben wir ganz sicher kein grundsätzliches Defensivproblem. Unsere Qualität ist auch in der Defensive sehr gut. Aber wir spielen jetzt mit einer Dreierkette, und unsere Außenverteidiger stehen enorm hoch...

bundesliga.de: ...gefühlt fast am gegnerischen 16-Meter-Raum, könnte man sagen.

Hahn: Genau. Und wenn wir dann in einen Konter geraten, weil der Gegner gut durchs Mittelfeld kombiniert und wir nicht rechtzeitig verschieben, kann es schon mal passieren, dass man hinten etwas offen ist. Die drei in der Kette müssen es dann meist ausbügeln und haben es deshalb bisweilen nicht immer leicht mit der Art wie wir spielen.

bundesliga.de: Dreier- oder Viererkette - darüber wird aktuell im Umfeld von Borussia diskutiert. Macht sich ein Stürmer, der – räumlich betrachtet – ein Stück weit entfernt agiert, darüber Gedanken?

Hahn: Auf jeden Fall. Denn mit der Umstellung von einer Dreier- auf eine Viererkette ändert sich die grundsätzliche taktische Ausrichtung, so dass dann offensiv eine regelmäßige Anspielstation, die uns Stürmer sonst zur Verfügung steht, vielleicht fehlt.

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bundesliga.de: Fasst man unabhängig von taktischen Überlegungen oder der Attraktivität der Spielweise Borussias bisherige Bilanz zusammen stehen drei Heimsiegen zwei Auswärtsniederlagen und ein Unentschieden gegenüber, bei einer Tordifferenz von 10:10. Ist Borussia aktuell also nur Mittelmaß?

Hahn: Borussia hat in den vergangenen Jahren mit ihrer Art Fußball zu spielen, selbst dafür gesorgt, dass man den aktuellen Stand auf den ersten, oberflächlichen Blick als Mittelmaß bezeichnen könnte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es Clubs gibt, die nach wie vor weit größere finanzielle Möglichkeiten haben als Borussia. Von Bayern München und Borussia Dortmund brauchen wir da gar nicht zu sprechen, vom VfL Wolfsburg, vom FC Schalke 04, von Bayer 04 Leverkusen und vielleicht auch von RB Leipzig aber schon. Also wären wir nach dieser Tabelle nur Sechster oder Siebter, vielleicht auch nur Achter, je nachdem wer noch eine gute Saison spielt. Tatsächlich aber haben wir einige der genannten Clubs in den vergangenen Jahren hinter uns lassen können.

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bundesliga.de: Was einmal mehr zeigt, dass die Kontinuität, der man sich bei Borussia verschrieben hat, Früchte trägt...

Hahn: Und deshalb denke ich, dass wir durchaus dort oben hingehören, wo wir zuletzt gestanden haben - auch wenn wir im Augenblick nur Neunter sind. Die Tabelle ist jetzt aber noch unglaublich eng. Hätten wir auf Schalke gewonnen, wären wir Zweiter, und manch einer würde vielleicht davon sprechen, dass wir Bayern-Jäger sind - was natürlich auch Blödsinn wäre. Erst nach dem 13., 14. oder 15. Spieltag wird man halbwegs sagen können, wohin die Reise geht. Auf jeden Fall aber müssen wir jetzt gegen den HSV gewinnen. Gelingt das, und punkten wir auswärts endlich wieder, sieht alles bereits wieder ganz anders aus.

bundesliga.de: Wobei das nächste Auswärtsspiel in München ist. Aber an den FC Bayern haben gerade Sie persönlich ja beste Erinnerungen...

Hahn: Das stimmt. In den vergangenen zwei Jahren habe ich gegen den FC Bayern nicht verloren. (lacht) Und in der vergangenen Saison ist mir in München der Ausgleich zum 1:1-Endstand gelungen. Wir wissen also, dass wir eine Mannschaft sind, die den FC Bayern schon einmal ärgern kann.

bundesliga.de: Erkennen Sie bereits einen Unterschied zwischen den Guardiola- und den Ancelotti-Bayern?

Hahn: Ich habe in dieser Saison noch kein komplettes Spiel der Bayern gesehen. Deshalb fällt es mir schwer, ein Urteil abzugeben. Was ich aber von Kollegen bisher gehört oder in den Medien gelesen habe, scheint dafür zu sprechen, dass Ancelottis Handschrift bereits zu erkennen ist. Im Moment mache ich mir darüber allerdings noch gar keine Gedanken. Ich bin sicher, dass uns der Trainer in der kommenden Woche bei der Analyse der Bayern alles Notwendige aufzeigen wird.

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bundesliga.de: Ihr damaliger Treffer gegen die Bayern war nur einer von sechs, die Ihnen in fünf aufeinander folgenden Spielen saisonübergreifend gelungen sind. Seit dem Saisonauftakt gegen Leverkusen aber haben Sie nicht mehr getroffen. Woran liegt es?

Hahn: Ich spiele jetzt Mittelstürmer und weiß, dass ein Mittelstürmer vor allem an Toren gemessen wird - zumal, wenn man zuvor einen tollen Lauf hatte. Trifft man dann vier Spiele lang nicht und hat auch weniger Einsatzzeiten, ist es normal, dass Kritik aufkommt. Zudem habe ich gerade auf Schalke sicher nicht mein bestes Spiel gemacht. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen und stecke sicher nicht in einer Krise. Wenn ich spiele, versuche ich immer für die Mannschaft zu arbeiten. Und im Training haue ich mich voll rein, um mich für die erste Elf anzubieten. Das ist mein Naturell. Wir haben gerade auch in der Offensive große Qualität. Aber ich glaube, die habe ich auch und habe sie schon häufig gezeigt. Und ich bin überzeugt, dass die Selbstverständlichkeit zurückkommt, sobald ich wieder einmal getroffen habe. Weitere Treffer werden dann wie von selbst folgen.

bundesliga.de: Sie sagen im Brustton der Überzeugung „Ich spiele jetzt Mittelstürmer“. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre das Dasein als Mittelstürmer kaum ein Grund zur Freude gewesen.

Hahn: Da haben Sie Recht. Ich glaube, mit dem Mittelstürmer verhält es sich so, wie mit vielen Dingen gerade auch in der Mode. Eine Zeitlang ist etwas en vogue. Irgendwann aber beginnt man es für überholt und altmodisch zu halten, und vielleicht verschwindet es eine Zeitlang sogar ganz. Plötzlich aber kommt es zurück und gilt sogar wieder als schick. So ähnlich könnte es zum Beispiel auch mit Barcas Tiki-Taka sein, das manche bereits für ein Auslaufmodell halten. Wer aber weiß heute denn schon, ob Tiki-Taka in 15 oder 20 Jahren nicht wieder das ganz große Ding im Fußball sein wird.

bundesliga.de: Die Mittelstürmer-Position liegt Ihnen also mehr als die Außenbahn, die Sie bei Lucien Favre und in Augsburg innehatten?

Hahn: Über diese Flexibilität bin ich sehr froh, weil sie meine Chancen in einem qualitativ sehr hochwertig bestückten Kader erhöht. Auf jeden Fall aber freue ich mich auch sehr darüber, dass der Mittelstürmer nun wieder eine größere Rolle spielt. Auf dieser Position habe ich von klein auf gelernt. Und man hat z. B. auch im Spiel der Nationalmannschaft gegen Tschechien gesehen, dass plötzlich wieder lange, klug Diagonalbälle in die Spitze gespielt werden statt sich nur auf das Kurzpass-Spiel zu verlassen. Oder nehmen Sie Mario Gomez. Plötzlich ist sein Typ wieder sehr gefragt. Ja, man kann wirklich sagen, dass der Mittelstürmer wieder angekommen ist in der Bundesliga.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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