Bundesliga

24.05.2017 - 19:48 Uhr


Dortmunds Ex-Kapitän Sebastian Kehl: "Eine ganze Stadt fiebert diesem Finale entgegen"

Dortmund - Er ist der letzte BVB-Kapitän, der den DFB-Pokal triumphierend in den Berliner Nachthimmel reckte: Sebastian Kehl feierte 2012 mit Borussia Dortmund das Double aus Meisterschaft und Pokal. Vor zwei Jahren hat er seine aktive Karriere beendet, ist den Schwarz-Gelben aber nach wie vor eng verbunden – und hofft darauf, dass die Dortmunder am Samstag im vierten Anlauf in Folge wieder den Titel holen. Im Interview mit bundesliga.de erinnert sich Kehl an den historischen Tag im Mai 2012, als der BVB den FC Bayern mit 5:2 bezwang. Der langjährige Mannschaftsführer beschreibt die Gefühlslage vor einem solchen Endspiel und legt sich fest, wer den Unterschied ausmachen wird.

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bundesliga.de: Sebastian Kehl, Dortmunds letzter Pokalsieg ist eng mit Ihrem Namen verbunden. Sie waren 2012 der Kapitän der damaligen Doublesieger.

Sebastian Kehl: Natürlich werde ich gerade in diesen Tagen auch ganz oft darauf angesprochen. Der Pokalsieg 2012 war nun einmal das letzte Finale, das der BVB gewinnen konnte. Seither haben die Finalteilnahmen eher hängende Gesichter verursacht. Bei den Menschen in Dortmund herrscht derzeit ein Gefühlschaos. Auf der einen Seite geprägt von den Enttäuschungen der letzten Finalniederlagen, auf der anderen Seite große Hoffnung, den Pokal in diesem Jahr endlich wieder nach Dortmund zu holen.

bundesliga.de: Wie haben Sie diesen 12. Mai 2012 in Erinnerung, als der BVB den FC Bayern München 5:2 besiegte und Sie den Pott in die Höhe stemmen durften?

Kehl: Es sind wunderschöne und vor allem unheimlich emotionale Erinnerungen an diesen Tag. Wir haben nicht nur ein tolles Finale, sondern auch eine überragende Saison gespielt. Dass wir erstmalig in der Vereinsgeschichte das Double für Borussia Dortmund gewinnen konnten, ist etwas, das für alle Zeiten bestehen bleibt. Die Momente selbst kann man leider nicht festhalten, das war damals alles wie ein großer Rausch. Klar weiß ich noch, wie Joachim Gauck mir den Pokal in die Hand gedrückt hat, und wie wir mit dem Pokal und der Meisterschale zu unseren Fans in die Kurve gelaufen sind. Manche Erinnerungen an diesen Abend sind aber nur noch bruchstückartig vorhanden. Alles war getrieben von purer Freude und wahnsinnig viel Emotion. Ein unbeschreibliches Gefühl!

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bundesliga.de: Apropos Rausch: Auch das Spiel verlief für den BVB wie im Bilderbuch. Besser hätte man es sich vorher kaum aussuchen können.

Kehl: Für mich war dieses Spiel der perfekte Abschluss der zwei überragenden Jahre, die wir mit dem BVB gespielt haben. Auch eine gewisse Konsequenz für die Art, wie wir die Liga beherrscht haben. Den Pokal auch noch zu holen, gegen die Bayern, und dann auch noch in dieser Höhe, das gelingt nicht alle Tage. Der Spielverlauf war für uns perfekt. Erst das frühe Tor von Shinji Kagawa nach drei Minuten, dann als Antwort auf den Ausgleich der Bayern noch zwei Treffer vor der Pause – das war schon der entscheidende Schritt Richtung Titel. Wir haben als Mannschaft, aber auch individuell an diesem Tag alles mitgebracht. Es hat alles zusammengepasst in diesem Spiel. Und selbst, wenn die Bayern am Ende das Gefühl hatten, zu hoch verloren zu haben, war der Sieg für uns am Ende mehr als verdient.

bundesliga.de: Das Finale hatte aber auch seine Schrecksekunden, als sich Roman Weidenfeller schon nach einer halben Stunde verletzte und im Tor Platz machen musste für Mitch Langerak.

Kehl: Natürlich ist das erst einmal ein Schock, wenn die Nummer eins und ein so wichtiger Spieler wie Roman verletzt vom Platz muss. Aber auf Mitch konnte man sich immer verlassen, und er hat die Situation großartig gemeistert. Schön war es dann, dass Roman es aus dem Krankenhaus doch noch rechtzeitig zur Pokalübergabe zurück ins Stadion geschafft hat. Das war für ihn, aber auch für die Mannschaft sehr wichtig.

bundesliga.de: War Ihnen damals eigentlich bewusst, dass Sie mit dem Doublegewinn etwas Historisches geschafft hatten?

Kehl: Vor einem solchen Finale wirst du dafür in gewisser Weise sensibilisiert. Und die Geschichte von Borussia Dortmund war mir als Spieler natürlich bekannt. Wir wussten alle, welche Bedeutung dieser Titel für den Verein haben würde. Und auch, auf welche Feierlichkeiten man sich dann einstellen darf. Den Pokal als Kapitän entgegenzunehmen, ist schon etwas Besonderes und hat mich natürlich stolz gemacht. Aber ich war in diesem Moment auch nicht mehr als der Stellvertreter der Mannschaft und des gesamten Vereins, seiner Mitarbeiter und Fans, die sich alle nach diesem Double gesehnt haben.

bundesliga.de: Spieler schwärmen immer von der besonderen Faszination des Endspiels in Berlin. Wie kann man das erklären?

Kehl: Im Grunde genommen arbeitet man die ganze Zeit auf solch ein Saisonfinale hin. Die reguläre Bundesliga-Spielzeit ist zu Ende, viele Mannschaften sind schon im Urlaub. Auf Vereinsebene sind es jetzt die entscheidenden Tage, es geht um Titel! Sei es im DFB-Pokal oder der Champions- beziehungsweise Europa League. Die Vorfreude und Anspannung steigt gleichermaßen. Und speziell in Dortmund fiebert auch eine ganze Stadt diesem Finale entgegen, das saugt man als Spieler förmlich auf. Zehntausende werden sich wie in den letzten Jahren wieder auf den Weg machen und Berlin zum Endspiel in Schwarz-Gelb hüllen. Der BVB hat sich in der Hauptstadt in Sachen DFB-Pokalfinale mittlerweile heimisch gemacht.

bundesliga.de: Diese Konstanz drückt sich im vierten Pokal-Endspiel in Folge aus, was es so vorher noch nie gab. 2013 stand der BVB zudem im Finale der Champions League. Allerdings hat man diese letzten vier Finals auch alle verloren. Ist das ein gewisses Trauma, das die Mannschaft am Wochenende als Gepäck mit nach Berlin nimmt?

Kehl: Von einem Trauma würde ich nicht sprechen. Für mich war es auch nicht so, dass jedes Finale unbedingt den verdienten Sieger gefunden hat. Gerade, wenn ich mich an das Champions-League-Finale in London erinnere. Auf der einen Seite ist es natürlich schade, dass die letzten Endspiele mit einer Niederlage geendet sind. Das war für alle Beteiligten sehr frustrierend. Auf der anderen Seite erhöht es die Wahrscheinlichkeit in diesem Jahr den Pokal wieder nach Dortmund zu holen. Die Spieler werden sich voll darauf fokussieren und nicht mit Negativszenarien beschäftigten. Zudem stehen ja auch einige Spieler im Kader, die die Geschichte der verlorenen Endspiele gar nicht selbst erlebt haben.

bundesliga.de: Wenn Sie heute an den Doublesieg 2012 denken: Waren diese Titel und der hohe Finalsieg über München der Wendepunkt, der die Bayern hat zurückschlagen lassen und letztlich wieder zu der Dominanz der letzten Jahre geführt hat?

Kehl: Ich glaube schon, dass die Dortmunder Erfolge in den Jahren 2011 und 2012 der entscheidende Auslöser dafür war, dass die Bayern wieder so erfolgreich und konstant wurden. Es hat sich danach einiges geändert, nicht nur personell, sondern auch an der Mentalität. Es war der Startschuss für eine sehr erfolgreiche Bayern-Ära in den letzten Jahren, gepaart mit einer unglaublichen Dominanz. Ich sehe auch für die neue Saison nicht viele Teams, die den Bayern in der Bundesliga wirklich gefährlich werden können. Allerdings halte ich diese Dominanz am Ende für alle Beteiligten nicht gerade für gewinnbringend.

Video: BVB-Traumtore gegen Frankfurt

bundesliga.de: Warum ist es dem BVB nicht gelungen, die Bayern in der abgelaufenen Saison mehr unter Druck zu setzen?

Kehl: Für mich war die fehlende Konstanz eines der Hauptkriterien. In der Champions League war man lange sehr erfolgreich, hat aber in der Liga immer wieder unnötige Punkte liegen lassen. Die Mannschaft hat extremes Potential in der Offensive, viele Tore geschossen, aber auch eine Menge Treffer kassiert. 40 Gegentore und die daraus resultierenden sechs Niederlagen in einer Saison sind deutlich zu viel. So kann man am Ende auch nicht Meister werden. Die Mannschaft muss und wird noch dazu lernen. Das Potenzial dazu besitzt sie in jedem Fall. Aber um die Bayern ernsthaft in der Liga zu gefährden, muss man eine überragende Saison spielen. Und das ist dem BVB aus unterschiedlichen Gründen in diesem Jahr nicht gelungen.

bundesliga.de: Sie haben die defensiven Probleme angesprochen, die auch am letzten Spieltag beim 4:3 gegen Werder Bremen sichtbar wurden. Muss einem das als BVB-Fan Sorgen bereiten mit Blick aufs Finale gegen Eintracht Frankfurt?

Kehl: Es war ein Spektakel für alle Zuschauer mit einem glücklichen Ende für die Borussia. Aber es hat an diesem Beispiel deutlich gemacht: Die Mannschaft ist nach vorne mit ihrer Qualität immer in der Lage, ein Tor zu erzielen, aber sie vernachlässigt die Defensivarbeit – und das meint alle Mannschaftsteile und das komplette Umschaltverhalten - und ermöglicht dem Gegner zu viele Chancen. Das wird gerade für das Finale am Samstag ein ganz wichtiger Punkt sein, sicher zu stehen und möglichst ein Gegentor zu verhindern.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Stabilität der Mannschaft nach dem Ausfall von Julian Weigl? Kann Nuri Sahin dies kompensieren?

Kehl: Nuri hat in den letzten Wochen wieder deutlich an Stärke hinzu gewonnen, nachdem er lange verletzt war. Ich habe mich für ihn gefreut, dass er zurück ist. Falls er spielen sollte, lastet auf ihm am Samstag schon allein aufgrund seiner Erfahrung eine hohe Verantwortung. Es wird darum gehen, eine gute Stabilität herzustellen und die Ordnung zu behalten, damit man Frankfurt wenig Gelegenheiten zum Kontern gibt. Ich traue Nuri das zu, aber er alleine wird das nicht schaffen.

bundesliga.de: Im Tor ist Roman Bürki gesetzt, obwohl die ersten Pokalspiele aufgrund einer entsprechenden Absprache noch Roman Weidenfeller bestreiten durfte. Sie kennen ihn gut – nagt es an ihm, ausgerechnet in Berlin nur auf der Bank zu sitzen?

Kehl: Ich hätte es mir für ihn gewünscht, dass er diesen Wettbewerb komplett spielen kann. Er hat während der Verletzung von Roman Bürki auch in der Bundesliga immer wieder gezeigt, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Dass der Trainer jetzt auch im Pokal gewechselt hat, ist für Roman natürlich sehr schade, aber hatte seine Gründe. Ich weiß jedoch, dass Roman seine Rolle im Team angenommen und verinnerlicht hat. Er wird von außen sein Möglichstes tun, damit der BVB am Samstag erfolgreich ist.

bundesliga.de: Einer, der am Samstag den Unterschied machen könnte, ist Pierre-Emerick Aubameyang.

Kehl: Auba hat ohne Zweifel ganz großen Anteil daran, dass die Mannschaft in der Liga auf Platz drei gelandet ist und im Finale steht. Er hat mit seinen Toren in dieser Saison tatsächlich oft den Unterschied gemacht. Sein Wert ist auch in der Mannschaft unbestritten, selbst in der Phase, als er mal nicht getroffen hat, die volle Unterstützung zu bekommen hat ihm extrem geholfen. Das hat sich am Ende für das Team, aber auch für ihn persönlich mit der Torjägerkanone ausgezahlt. Glückwunsch dazu! Ich glaube, dieses Finale schreibt seine persönliche Geschichte fort, und er wird erneut entscheidend treffen. So könnte er seine persönlich tolle Saison auch noch in eine erfolgreiche für die ganze Mannschaft werden lassen.

bundesliga.de: Aubameyang ist nach außen ein sehr extrovertierter Typ, der auf Batman, Bling-Bling und schnelle Autos steht. Tut es einer Mannschaft ganz gut, auch solche Typen im Team zu haben?

Kehl: Eine Mannschaft lebt von unterschiedlichen Charakteren. Die Mischung hierbei ist entscheidend. Man darf jedem Spieler seinen Raum geben, aber es müssen aber Werte und Regeln eingehalten werden. Auba ist, wenn ich an die Maskenaktion beim Derby denke, über das Ziel hinaus geschossen. Aber grundsätzlich ist er ein guter Junge, der einfach Spaß haben will und große Freude am Fußball vermittelt. Ich persönlich glaube jedoch, dass er diese Freude zur neuen Saison in einem neuen Verein zeigen wird.

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bundesliga.de: Ein anderer wichtiger Baustein ist Marco Reus, der auch gegen Bremen wieder ein überragendes Spiel gemacht hat. Welchen Wert hat er für die Mannschaft – gerade als echter Dortmunder Junge?

Kehl: Für mich ist Marco eine ganz wichtige Identifikationsfigur für Borussia Dortmund. Ein Bindeglied zwischen Mannschaft, Verein und den Fans. Er hatte in seiner Karriere viel Pech, ist gerade bei den großen Turnieren immer wieder verletzungsbedingt ausgefallen. Umso mehr wünsche ich ihm endlich seinen ersten großen Titel. Seine Motivation und sein Ehrgeiz in den letzten Wochen sind deutlich erkennbar. Es ist in einer sehr guten Verfassung. Am letzten Wochenende hat er gegen Bremen nicht nur mit seinem Treffer dafür gesorgt, dass die Mannschaft das Spiel noch dreht. Marco ist neben Auba und Dembele sicher der Spieler, der das Spiel gegen Frankfurt entscheiden kann.

bundesliga.de: Von einer Identifikationsfigur des BVB zur anderen: Wird man Sie denn nochmal in Schwarz-Gelb im Stadion sehen? Es soll eventuell noch ein Abschiedsspiel geben...

Kehl: Ich habe damals tatsächlich die Zusage bekommen, noch ein Abschiedsspiel machen zu können. Bisher hat es zeitlich aber nicht gepasst. Nachdem ich zunächst eine ganze Zeit lang unterwegs war, bin ich jetzt in vielen Projekten stark eingespannt. Ich bin zwar sehr viel unterwegs, es macht mir aber eine Menge Spaß. Ich hoffe, es wird die Gelegenheit geben, in diesem Stadion noch einmal mit vielen Freunden und den Fans zusammen einen tollen Tag zu erleben.

bundesliga.de: Sie waren nach der Karriere zunächst auf Weltreise – eine ganz bewusste Entscheidung, um Abstand und Distanz zum Fußball zu bekommen?

Kehl: Dieser Abstand war für mich notwendig und sehr hilfreich, um Dinge zu verarbeiten und den Blick nach vorne zu richten. Jetzt gibt es für mich neue Herausforderungen, auf die ich mich gerne einlasse. Ich sammele wichtige Erfahrungen, habe die letzten zwei Jahre intensiv genutzt, und werde meinen Weg gehen. Weiterentwicklung spielt dabei die entscheidende Rolle und ist für mich der große Antrieb. Ich freu mich sehr auf das was noch vor mir liegt.

bundesliga.de: Sie haben spannende Themenfelder angesprochen. Mögen Sie ein wenig von dem verraten, was Sie ganz aktuell beschäftigt?

Kehl: Ich habe in den letzten zwei Jahren ein Studium im Bereich Sportmanagement bei der UEFA absolviert. Die schriftliche Abschlussarbeit habe ich bereits eingereicht, in der Woche nach dem Pokalfinale folgt die mündliche Prüfung. Darüber hinaus habe ich mit den ersten Teilen der Trainerausbildung begonnen. Zuletzt war ich mehrere Monate beim DFB in der neuen Akademie tätig, habe dort ein Modul verantwortet, das sich Spieler-Mentoring nennt. Ein sehr spannendes Themenfeld. Darüber habe ich auch meine Arbeit bei der UEFA geschrieben. Im Sommer wird es eine Fortsetzung meiner Expertentätigkeit beim ZDF für den Confed-Cup geben. Auch darauf freue ich mich. Langeweile ist also in den letzten Monaten keine aufgekommen.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

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