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19.09.2013 - 12:07 Uhr


Strutz: "Ich muss mich schon kneifen"

Harald Strutz ist seit 1988 Präsident des FSV Mainz 05 und blickt auf erfolgreiche 25 Jahre Amtszeit zurück

2009 feierte Rechtsanwalt Strutz mit den Mainzern den Wiederaufstieg - zuletzt 2004 - in die Bundesliga. Seitdem hat sich der Club im Fussballoberhaus fest etabliert

Strutz (l.) beschreibt die Verpflichtung von Christian Heidel (r.) im Jahre 1992 als seine "wichtigste Entscheidung"

Der Präsident pflegt ein enges Verhältnis zur Mannschaft und den Anhängern: "All das, was wir in den vergangenen 25 Jahren erreicht haben, müssen wir gemeinsam mit unseren Fans auch in der Zukunft bewahren"

Mainz - Harald Strutz ist seit dem 19. September 1988 Präsident des 1. FSV Mainz 05. In den 25 Jahren gelang den Mainzern der Aufstieg von einer grauen Zweitligamaus zum bunten Bundesligaclub. Strutz, 62, ist der dienstälteste Vereinschef der Bundesliga.
Im Interview mit bundesliga.de spricht der Lokalpolitiker und Rechtsanwalt, der in seiner Freizeit Leadsänger einer Rockgruppe ist, über die Geheimnisse des Mainzer Aufstiegs.

bundesliga.de: Herr Strutz, Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, Präsident von Mainz 05 zu werden?

Harald Strutz: Ich ging 1988 zu der Mitgliederversammlung und hatte nicht die Absicht, ein Amt zu übernehmen. Es ist dann etwas turbulent geworden und der damalige Vorsitzende wurde im ersten Wahlgang in geheimer Abstimmung nicht gewählt. Da waren alle etwas ratlos. Da hat Jürgen Doetz, der damalige Geschäftsführer von SAT.1, zu mir gesagt: "Wenn Sie es machen, steigen wir mit 250.000 D-Mark als Hauptsponsor ein." Dann habe ich es halt gemacht, es war eine Bauchentscheidung.

bundesliga.de: Was war Mainz 05 damals für ein Club?

Strutz: Wir standen unmittelbar vor der Insolvenz und hatten eine Million D-Mark Verbindlichkeiten. Aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin da mit sehr viel Gottvertrauen rangegangen, ohne die wirtschaftlichen Hintergründe genau zu kennen.

bundesliga.de: Hatten Sie in der Zeit nie den Gedanken, wieder alles hinzuschmeißen?

Strutz: Nein, nicht ein einziges Mal, der Verein ist ja dann immer gewachsen.

bundesliga.de: Was für eine Idee von Mainz 05 hatten Sie damals?

Strutz: Wir wollten in der Stadt in ein anderes Fahrwasser kommen und den Klub wirtschafts-und gesellschaftsfähig machen. Ich wollte mit meinem Namen und meinem Beruf dabei helfen. Das war die Idee. Von der dann später einsetzenden sportlichen Entwicklung haben wir nicht geträumt.

bundesliga.de: Müssen Sie sich ein Vierteljahrhundert später nicht kneifen, wenn Sie sich die Entwicklung anschauen?

Strutz: Gerade in diesen Tagen meines Jubiläums werde ich darauf angesprochen und es stimmt: Ich muss mich schon kneifen. Als ich anfing, hatten wir anderthalb Angestellte in der Verwaltung, heute 70. Mitglieder hatten wir 1000, heute sind es 14 000. Wir spielen jetzt in der fünften Saison hintereinander Bundesliga mit über 30 000 Menschen bei Heimspielen in einem neuen Stadion. Das ist einfach unfassbar.

bundesliga.de: Hand aufs Herz: Fällt Ihnen eine gravierende Fehlentscheidung in den letzten 25 Jahren als Nullfünf-Vorsitzender ein?

Strutz: Ganz ehrlich: Abgesehen von einzelnen Trainern oder Spielern, bei denen wir falsch gelegen haben, fällt mir keine ein. Was die strategische Ausrichtung angeht, haben wir alles richtig gemacht. Sonst hätte die Erfolgstory von einem fast insolventen Verein zu einem blühenden Unternehmen nie stattfinden können. Wir haben das alten Bruchwegstadion zum richtigen Zeitpunkt ausgebaut und dann schon mit der Planung für die neue Arena begonnen, die nun auch schon in die dritte Saison geht.
Ohne die, wären wir langfristig nicht in der Lage, in Mainz Erstligafußball zu gewährleisten.

bundesliga.de: Was war Ihre wichtigste Entscheidung in all den Jahren?

Strutz: Meine wichtigste Entscheidung war sicher, 1992 Christian Heidel als Manager zu holen. Mit ihm sind alle sportlichen Erfolge der letzten zehn Jahre verbunden. Man muss da natürlich auch Glück haben, aber mit den Trainern Jürgen Klopp und nun Thomas Tuchel hatten wir riesigen Erfolg. Thomas Tuchel garantiert uns ja jetzt schon die fünfte Runde Bundesliga hintereinander.

bundesliga.de: Was ist denn das Erfolgsgeheimnis von Mainz 05?

Strutz: Nachhaltigkeit ist ja an sich nichts Spektakuläres, aber die Kontinuität in der Zusammensetzung der maßgeblichen Leute ist schon entscheidend. Wir arbeiten im Vorstand bei Mainz 05 ja seit nahezu 20 Jahren in der gleichen Zusammensetzung zusammen. Es ist ein Glück, dass Menschen zusammenkommen, die über einen so langen Zeitraum das gleiche wollen. Und man darf nicht vergessen: Wir kommen alle aus Mainz, die Identifikation mit der Stadt und mit dem Verein ist deshalb besonders stark ausgeprägt.

bundesliga.de: Ist ein Aufstieg wie Mainz 05 ihn gemacht hat, heutzutage überhaupt noch vorstellbar?

Strutz: Nein, eine Erfolgsgeschichte wie die von Mainz 05 ist heute nicht mehr denkbar. Man darf ja nicht vergessen: Alles was hier entstanden ist, haben wir aus uns selbst geschaffen. Der Fußball hat sich ja völlig verändert. Ohne Investor oder einen Mäzen geht das so nicht mehr.

bundesliga.de: Sie sind auch als Vizepräsident des DFB und im Ligaverband der DFL aktiv. Was liegt Ihnen da besonders am Herzen?

Strutz: Es gibt da zwei Punkte. Erstens halte ich es für sehr wichtig, dass wir den spannenden Wettbewerb in der Liga erhalten und keine spanischen Verhältnisse bekommen, das wäre ein Trauma. Wenn nur zwei Vereine die Liga dominieren, ist das nicht gut für die Fans. Wir müssen den Interessenausgleich und den damit verbunden finanziellen Spagat beibehalten. Zweitens müssen die Vereine ihre gesellschaftliche und politische Verantwortung nicht nur auf dem Papier zu Ausdruck bringen, sondern diese auch leben.

bundesliga.de: Wo sehen Sie Mainz 05 in Zukunft?

Strutz: Es geht hier nicht darum, von der ständigen Europa-League zu träumen. Wir haben mit Mainz 05 Unfassbares erreicht, Mainz ist nicht mehr nur ZDF und Karneval. Wir sind ein wichtiger Faktor für die Stadt geworden. All das, was wir in den vergangenen 25 Jahren erreicht haben, müssen wir gemeinsam mit unseren Fans auch in der Zukunft bewahren.

Das Gespräch führte Tobias Schächter
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