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19.01.2014 - 10:30 Uhr


Schatzschneider: Egoisten funktionieren nicht

96-Scout Dieter Schatzschneider ist für Hannover stets auf der Suche nach neuen Talenten und weiß worauf es besonders ankommt: "Der Spieler muss Charakter haben" (© Imago)

Ein Büro hat "Schatz" (l.) nicht: "Man muss raus auf die Wiese. Ich schaue mir alles an, will über alles informiert sein" (© Imago)

Der 96er (r.) wurde 1978 selbst als Talent zum HSV geholt. Ihn entdeckte jedoch ein Journalist, der ihn als "jungen Schlacks, der nicht viel läuft, aber viele Tore macht" beschrieb (© Imago)

Hannover - 1978 kam Dieter Schatzschneider vom Lokalrivalen OSV zu Hannover 96. Entdeckt hatte ihn ein Journalist, der die Roten darauf hinwies, dass im Sturm des OSV "ein junger Schlacks" sei. "Der läuft nicht viel, aber macht viele Tore."

Das schaffte "Schatz" auch im Trikot der 96er. 1982/83 war er Torschützenkönig der 2. Liga und ist bis heute Hannovers Top-Torschütze im Unterhaus. Insgesamt traf er in 178 Spielen für die Niedersachsen 134 Mal. Kein Wunder, dass die Fans an der Leine ihn heute noch lieben.

Als Scout sorgt er heute dafür, dass Talente wie er eines war dem Club nicht durch die Lappen gehen. Im Interview mit bundesliga.de beschreibt der 55-Jährige seine Aufgaben als Scout und worauf er bei jungen Spielern besonders achtet und was Hannovers Nachwuchsarbeit noch verbessern kann.

bundesliga.de: Herr Schatzschneider, Sie sind als Scout in Ihrer Heimatstadt für Hannover 96 tätig. Sind Sie als junger Spieler zu Beginn Ihrer Karriere auch von einem Scout entdeckt worden?

Dieter Schatzschneider: Nein. Hannover spielte damals in der 2. Liga und Geld, einen Stürmer zu kaufen, hatte der Verein nicht. Ein Journalist rief beim Präsidenten an und erzählte, da ist vorne so ein junger Schlacks beim OSV (Schatzschneider spielte beim Lokalrivalen OSV Hannover; Anm.d.Red.). Der läuft nicht viel, aber macht viele Tore. Da hat man mich zum Probetraining eingeladen. Ich glaube, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, hätten sie jemand anderes geholt. Aber sie hatten halt keine Kohle. Und es ist ja häufig so, dass Vereine erst mal in Not geraten müssen, um auf die Idee zu kommen, dass man eventuell auch Talente in der Umgebung hat.

bundesliga.de: Das fällt ja heute in Ihr Ressort. Sie sind für Ihren alten Club als Scout tätig. Was sind Ihre Aufgaben?

Schatzschneider: Dafür muss man unterwegs sein. Man muss raus auf die Wiese. Aber das ist auch meine Welt. Ich habe zum Beispiel bei 96 kein eigenes Büro. Das brauche ich nicht. Ob in Duisburg ein Lehrgang ist, in Bad Pyrmont ein Länderspiel…Ich schaue mir alles an, will über alles informiert sein.

bundesliga.de: Klingt, als ob Sie für den deutschen Raum zuständig sind…

Schatzschneider: Ich mache deutschlandweit alles was anfällt.

bundesliga.de: Reizt es Sie nicht, auch mal in Südamerika oder Asien zu schauen?

Schatzschneider: Ich hatte solche Flugangst und habe gesagt, dass ich den Job nicht machen kann. Aber 96 wollte mich unbedingt und hat gefragt, ob ich denn außer Deutschland nicht zumindest noch das benachbarte Ausland bereisen könne. Ich sehe mich also auch mal in Belgien oder Frankreich um, aber das mache ich mit dem Auto. Aber Brasilien oder so - da hätte ich meine Schwierigkeiten.

bundesliga.de: Worauf achten Sie besonders, wenn Sie Spieler beobachten?

Schatzschneider: Ich habe gewisse Werte auf die ich schaue. Auf Charakter zum Beispiel wurde früher überhaupt nicht geachtet. Das halte ich für eine ganz wichtige Eigenschaft, die ein Spieler mitbringen sollte. Ohne geht es nicht. Wenn man so einer ist, wie ich früher war, ein totaler Egoist: Das würde heute nicht mehr funktionieren. Egoisten können sich vielleicht Bayern München oder Borussia Dortmund leisten. Aber nicht Mannschaften wie Hannover 96. Das geht auf keinen Fall. Außer der Egoist macht 20 Tore (lacht).

bundesliga.de: Hannover ist bemüht, Talente aus der Region an den Verein zu binden und lehnt es in seiner Ausbildungs-Philosophie ab, Talente von zu weit weg von ihren Familien zu trennen. Was halten Sie davon, schon 12- bis 14-Jährige aus Südamerika nach Europa zu holen?

Schatzschneider: Die haben alle einen Schuss. Aber wir haben in Hannover andere Probleme.

bundesliga.de: Welche?

Schatzschneider: Es gibt genug Talente in der Region, aber wir kriegen sie nicht, weil wir einfach nicht die Infrastruktur haben, um Eltern davon zu überzeugen, ihre Jungs zu uns zu geben.

bundesliga.de: Hannover hat im Gegensatz zu vielen Vereinen noch kein Internat...

Schatzschneider: Richtig. Bei uns sind die Jungs in Familien untergebracht. Das ist ja alles lieb gemeint, aber dieses familiäre Eingebundensein bringt nichts. Die Jungs wollen unter sich sein. Die haben ihre eigene Familie. Und die Eltern sagen - mit Recht - wir wollen das Beste für unseren Sohn. Und das können wir im Moment nicht bieten. Aber da wollen wir hin. In Kürze beginnen wir, ein Trainingszentrum zu bauen. Dafür will der Verein 26 Millionen Euro investieren. Damit wir auch in diesem Punkt endlich bundesligatauglich werden. Das sind wir einfach nicht. Aber dafür machen wir gute Arbeit. Wir haben ein paar richtig gute Talente, um die uns ganz Deutschland beneidet. Aber es könnten mehr sein.

bundesliga.de: Kommen wir zur sportlichen Situation. Zweimal in Folge konnte sich 96 für die Europa League qualifizieren. Im Vorjahr knapp gescheitert. Aktuell nur Rang 13. Vor allem auswärts hapert es. Da konnte noch kein Punkt geholt werden. Haben Sie eine Erklärung?

Schatzschneider: Da habe ich keine große Erklärung. Es waren ja Spiele dabei, die wir hätten gewinnen müssen. Aber ab der 60. Minute passiert immer irgendwas. Ich habe den Eindruck, dass bei einigen die Kraft nachlässt. Der eine läuft nicht mehr für den anderen. Das sind zwei Welten zwischen der Anfangsphase und so nach einer guten Stunde. Und wir sind ein Team, das über die Mannschaft kommen muss. Zu Hause funktioniert das. Da haben wir unser tolles Publikum. Aber auswärts ist es nicht, wie man sich das vorstellt. Das ist für mich die ganz große Enttäuschung.

bundesliga.de: Spielt sich nach so einer Durstrecke nicht auch vieles im Kopf ab, dass man so etwas wie eine Auswärtskomplex bekommt?

Schatzschneider: Das ist immer so leicht gesagt. Man muss ergründen: Warum läuft es auf einmal nicht? Warum sind die Spieler nicht bereit, den einen oder anderen Weg zu machen? Das ist eine der Aufgaben für den neuen Trainer.

bundesliga.de: Die WM steht vor der Tür. Glauben Sie, dass Deutschland eine Chance hat, den Titel zu holen?

Schatzschneider: Wenn wir wirklich Weltmeister werden wollen, dann müssen wir eine Taktik beherrschen  - und das ist das Pressing? Und das hat die Nationalmannschaft immer noch nicht drauf. Tut mir leid.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs

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