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29.05.2014 - 20:05 Uhr


Der gereifte Debütant

Der Linksverteidiger Bosniens: Sejad Salihovic freut sich auf seine erste WM

"Dass wir es nun doch noch geschafft haben, zeugt von einer großen Moral", sagt Salihovic (r.), der zuvor in der Relegation an Portugal gescheitert war

Vorne sorgen bei den Bosniern der ehemalige Wolfsburger Edin Dzeko (l.) und Vedad Ibisevic vom VfB Stuttgart für die Tore

Sinsheim - Sejad Salihovic fiebert auf den 15. Juni 2014 hin: Mit Bosnien und Herzegowina spielt der Bundesligaprofi von 1899 Hoffenheim an diesem Tag gegen die Auswahl Argentiniens. Bei einer Weltmeisterschaft! Im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro! Bei der ersten WM-Teilnahme des Balkanlandes! Ein Traum sei das, klar, sagt Salihovic. Und außerdem: Man habe keinen Druck, meint er, nichts zu verlieren gegen das Argentinien mit Messi, den großen Favoriten in der Gruppe, in der außerdem noch Iran und Nigeria um den Einzug ins Achtelfinale streiten.

Wenn Salihovic von einem Traum spricht, dann darf man ihm das abnehmen. Nicht nur, weil ein WM-Spiel für jeden Fußballer die Erfüllung eines Kindheitstraums ist. Wie andere Kollegen aus der Nationalmannschaft aber ist auch Salihovic' Biographie geprägt vom Bosnienkrieg (1992-1995).

Flucht aus Bosnien mit sieben Jahren

Als Salihovic sieben Jahre alt war, musste er 1992 seine Heimat verlassen, serbische Soldaten nahmen der Familie alles weg, das neue Haus, die Existenz. Die Familie schlug sich nach Berlin durch, Sejad begann bei Hertha BSC seine Laufbahn als Fußballer, Trainer Ralf Rangnick lockte ihn 2006 zu 1899 Hoffenheim, für die er seither 211 Bundesligaspiele bestritten, 59 Tore erzielt und alle Höhen und Tiefen des Clubs mitgemacht hat.

Die Beziehung zur Heimat Bosnien und Herzegowina ist weiter eine "ganz Besondere", sagt Salihovic. "Ich liebe das Land." Dass er nach der erfolgten WM-Qualifikation in Sarajevo mit zigtausenden Mitbürgern diesen Erfolg feiern konnte, sei für ihn unvergesslich, erzählt er.

Die Mannschaft, in der mit Vedad Ibisevic, Ermin Bicakcic, Sejad Kolasinac, Mensur Mujdza, Emir Spahic, Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic weitere aktuelle und ehemalige Bundesligaprofis stehen, hat sich diese WM-Teilnahme hart erarbeiten müssen. Zwei Mal ist Bosnien und Herzegowina zuvor in Relegationsspielen an Cristiano Ronaldos Portugal an der Qualifikation für ein Großturnier gescheitert. "Dass wir es nun doch noch geschafft haben, zeugt von einer großen Moral", sagt Salihovic. "Wir glauben an uns und spielen guten, offensiven Fußball."

Lage im Land noch fragil

Für den Teamgeist verantwortlich zeichnet sich auch Trainer Safet Susic, ein ehemaliger Profi. "Er ist eine Legende, ihn respektiert jeder", erzählt Salihovic. Und vielleicht noch wichtiger: "Susic coacht mit sehr ruhiger Hand." Auch das ist wichtig in einem Land, in dem die Lage nach wie vor fragil ist.

Während im bosnischen Teil die Bevölkerung tagelang ihre Nationalmannschaft feierte, nahm man in der mehrheitlich von Serben bewohnten Republik Srpska die WM-Teilnahme zwar wahr, aber feiern wollte in Banja Luka niemand. Die Bestrebung der Republik Srpska, eine eigene Nationalmannschaft zumindest für Freundschaftsspiele aufzubieten, teilte die FIFA erst jüngst doch noch in letzter Minute eine Absage. Dies würde dem Versöhnungsprozess zuwider laufen, warnten Politiker und Beobachter. Über Politik will Salihovic, der in Gornji Sepak in der heutigen Republik Srpska geboren wurde, nicht sprechen. Er spüre keinen politischen Druck, sagt er, und will sich auf den Sport konzentrieren, nichts als Fußball spielen in Brasilien.

In der Nationalelf jahrelang Linksverteidiger

Der aus der Bundesliga als feiner Techniker im Mittelfeld bekannte Salihovic wird bei der WM linker Verteidiger spielen. Als sein Vereinstrainer Markus Gisdol Salihovic in der vergangenen Saison aus der Not heraus ein paar Mal als Linksverteidiger aufbot, sorgte das noch für Verwunderung. In der Nationalmannschaft spielt Salihovic diese Position schon Jahre lang.

Nationaltrainer Susic sehe in auf dieser Position und habe ihm das in einem Gespräch mitgeteilt, erzählt der 29-Jährige: "Mittlerweile habe ich mich an die Position gewöhnt." Und als er hinzufügt, seine Hauptaufgabe in der Nationalmannschaft sei das Verteidigen, muss er schmunzeln.

Gruppenphase "machbar" - und dann?

Es ist übrigens auch nicht selbstverständlich, dass der beste Freistoßschütze der Bundesliga die Freistöße schießt im Nationalteam. Aber auch das macht er angesichts von anderen Könnern wie Misimovic und Dzeko klaglos.

Die wilden Zeiten, in denen er einst in Berlin in der Gruppe mit den Boateng-Brüdern noch seinen Weg suchte, hat Salihovic längst hinter sich. Er ist ein reifer Fußballer im besten Alter und will bei der Weltmeisterschaft für Überraschungen sorgen, auch um die von der Flutkatastrophe auf dem Balkan gebeutelte Bevölkerung seines Heimatlandes zumindest für kurze Momente vom Leid abzulenken. Seine ganze Familie wird in Brasilien vor Ort verfolgen, erzählt Salihovic. Die Gruppenphase hält er für "machbar". Und dann, sagt er, sei alles möglich.

Tobias Schächter

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