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04.01.2014 - 10:30 Uhr


Krug: Profi-Schiris und Video-Beweis "nicht sinnvoll"

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter und heutige Berater der DFL, Hellmut Krug, hält einen Video-Beweis "nicht für sinnvoll", räumt jedoch ein, dass...

...es in dieser Saison schon zwei Fälle gab, "in denen die Torlinientechnologie wohl eine Fehlentscheidung verhindert hätte"

Deniz Aytekin (l.) ist wie viele seiner Kollegen "nur" nebenberuflich Schiedsrichter. Eine Professionalisierung würde laut Krug "den Druck nur noch unnötig erhöhen"

Hamburg - Knapp 80.000 Frauen und Männer sind in Deutschland Wochenende für Wochenende unterwegs, um den Regeln der beliebtesten Nebensache der Welt Geltung zu verleihen, so viele, wie in keinem anderen Land.

42 dieser Schiedsrichter stehen dabei unter ganz besonderer Beobachtung. Keine Entscheidung der 22 Bundesliga- und 20 Zweitliga-Schiedsrichter bleibt unbeobachtet. In mehreren Zeitlupen und aus verschiedenen Blickwinkeln wird seziert, wofür dem Unparteiischen nur der Bruchteil einer Sekunde für eine Entscheidung blieb. Fehler werden oft noch tagelang diskutiert. Und auch von Beobachter- und Lehrstabseite wird jedes Spiel nachbereitet.

Der Zeitaufwand im Profi-Bereich ist so groß, dass die Schiedsrichter "ihre Arbeitszeit reduzieren" müssen. Trotzdem erteilt Hellmut Krug in einem Gespräch mit bundesliga.de der Einführung von Profi-Schiedsrichtern ebenso eine Absage wie dem immer häufiger geforderten Videobeweis.

bundesliga.de: Die Schiedsrichter, die im Profibereich tätig sind, haben sich in der Regel im Beruf freistellen lassen. Sollte man da nicht gleich den Profi-Schiedsrichter einführen?

Hellmut Krug: Nein. Ein Vollprofi würde unserer Meinung nach kaum bessere Leistungen bringen. Der Druck, der auf ihm lastet, wäre noch größer, als er es ohnehin schon ist. Auch ein Vollprofi müsste, wenn er Fehlentscheidungen trifft, damit rechnen, abzusteigen. Und ein Abstieg wäre gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit.

bundesliga.de: Wie sieht eine Woche für einen Schiedsrichter im Profibereich aus?

Krug: An mindestens jedem zweiten Tag Training, dazu die Vorbereitung auf das anstehende Spiel. Die Anreise findet am Tag vor dem Spiel statt. Bei einer weiten Anreise oder einem Abendspiel kann es natürlich auch sein, dass ein Schiedsrichter erst am Tag nach dem Spiel wieder abreist, also insgesamt drei Tage unterwegs ist. Dazu kommen Lehrgänge, Stützpunkte und die eine oder andere außerplanmäßige Veranstaltung.

bundesliga.de: Dazu kommt die Nachbereitung eines Spiels. Wie sieht die aus?

Krug: Nach dem Spiel  kommt der Beobachter in die Kabine und führt eine Nachbesprechung mit dem Schiedsrichter-Team durch. Da kann es dazu kommen, dass Entscheidungen kontrovers diskutiert werden, besonders in Fällen, in denen ein gewisser Ermessensspielraum besteht. Es ist manchmal so, dass es selbst nach Hinzuziehen von TV-Bildern noch unterschiedliche Sichtweisen gibt. Und da es unmöglich ist, während und unmittelbar nach dem Spiel alle wichtigen Sachverhalte zu erfassen, erhält der Schiedsrichter nach jeder Partie eine Spiel-Aufzeichnung, die mit dem Individual-Coach analysiert wird. Auf diese Weise gehen keine Informationen verloren, die für die Entwicklung des Schiedsrichters von Bedeutung sind. Denn auch Kleinigkeiten können die Entwicklung einer Begegnung nachhaltig beeinflussen. Darüber hinaus gibt es noch das Schiedsrichter-Videoportal. Da stellen wir Szenen ein, die für die Lehrarbeit und Information der Schiedsrichter wichtig sind, und jeder Schiedsrichter hat eine eigene Seite, auf der er seine Beobachtungen und Einzelszenen aus seinem Spiel findet, denen er entnehmen kann, wo er sich steigern muss.

bundesliga.de: Steigen, wie bei den Clubs, jede Saison eine bestimmte Anzahl von Schiedsrichtern ab oder auf?

Krug: Nein. Das findet allein nach Leistungskriterien statt. Am Ende der Saison wird innerhalb des Schiedsrichter-Führungsteams herausgefiltert, ob ein Schiedsrichter sich beispielsweise für den Aufstieg von der 2. Bundesliga in die Bundesliga aufdrängt. In dieser Saison hatten wir weder einen Auf- noch einen Absteiger.

bundesliga.de: Die Vereine sind unter dem Dach der Deutschen Fußball Liga (DFL), die Schiedsrichter beim Deutschen Fußballbund (DFB) angesiedelt. Verständigen sich beide Organisationen darüber, welcher Schiedsrichter für welches Spiel angesetzt wird?

Krug: Nein. Die Ansetzungen führt Herbert Fandel in seiner Position als Sportlicher Leiter durch. Die Liga hat da keinen Einfluss.

bundesliga.de: Wie weit entfernt muss ein Schiedsrichter von den Vereinen, für die er angesetzt wird, leben?

Krug: Ein Schiedsrichter darf zu keiner Begegnung angesetzt werden, bei der ein Verein aus seinem eigenen Landes-Verband mitwirkt. Das heißt aber nicht, dass es nicht in unmittelbarer Nachbarschaft sein kann. Die kürzeste Entfernung bei mir waren zwölf Kilometer. Gelsenkirchen, meine ursprüngliche Heimatstadt, und Essen grenzen aneinander. Aber Essen gehört zum Landesverband Niederrhein, Gelsenkirchen zu Westfalen.

bundesliga.de: Die Forderungen nach dem Video-Beweis nehmen zu. Sind Sie ein Anhänger dieser Idee?

Krug: Nein. Das würde eine Vielzahl von Problemen mit sich bringen. Allerdings wird bei der möglicherweise spielentscheidenden Situation "Tor oder kein Tor" ja schon seit Jahren über Torlinientechnologie geredet und bei der WM 2014 auch genutzt.

bundesliga.de: Ein Modell für die Bundesliga?

Krug: DFB, die Liga und die Vereine werden darüber beraten, ob es sinnvoll sein könnte, diese Technologie einzuführen. Man darf ja nicht verkennen, dass es ein sehr hoher Kostenfaktor ist, wenn man gegenüberstellt, wie wenige strittige Situationen es gibt.

bundesliga.de: Gibt es eine Übersicht, wie häufig in der jüngeren Vergangenheit die Nutzung der Technologie hilfreich gewesen wäre?

Krug: Wir hatten in den vergangenen beiden Spielzeiten in beiden Bundesligen acht beziehungsweise 14 Fälle, in denen sich die Frage stellte, ob der Ball drin war oder nicht. Davon ist nur eine Situation falsch entschieden worden, in drei weiteren Fällen war die Entscheidung strittig. In dieser Saison hatten wir allerdings schon zwei Fälle, in denen die Torlinientechnologie wohl eine Fehlentscheidung verhindert hätte.

bundesliga.de: Wie viele deutsche Schiedsrichter sind international aktiv und wer setzt die an?

Krug: Von den 20 Bundesliga-Schiedsrichtern sind zehn international tätig. Drei Nationen haben zehn Schiedsrichter, die anderen maximal sieben. Europapokalspiele werden von der UEFA besetzt. Die FIFA-Schiedsrichter werden in drei Kategorien eingeteilt. Schiedsrichter der Top-Kategorie sind Kandidaten für die Fußball-WM. Das  war bisher höchstens ein Schiedsrichter-Team pro Nation.

bundesliga.de: Wobei natürlich auch jeder deutsche Schiedsrichter vom Finale träumt oder verzichtet er lieber, weil das ja bedeuten würde, die deutsche Mannschaft ist nicht im Finale?

Krug: Mir kann kein Schiedsrichter erzählen, dass er, wenn er die Chance hat, ein WM-Finale zu pfeifen, sich freut, wenn Deutschland ins Finale kommt. Als Schiedsrichter bekommst Du höchstens einmal im Leben die Chance, ein WM-Finale zu leiten.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs

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