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16.04.2014 - 18:00 Uhr


"Korkut hat mein 120-prozentiges Vertrauen"

Hannovers Präsident Martin Kind sieht den Sieg gegen Hamburg noch nicht als endgültige Wende für 96

Der Unternehmer (l.) kündigt nach dem Saisonende eine eingehende Analyse der Spielzeit an

Der Präsident steht voll hinter Trainer Tayfun Korkut, der die Roten seit der Winterpause 2013/2014 betreut

Hannover - Mit dem 2:1-Sieg gegen den HSV hat sich Hannover 96 zunächst einmal Luft im Abstiegskampf verschafft. Im Interview mit bundesliga.de spricht 96-Präsident Martin Kind über die Gründe, warum 96 in dieser Saison so weit unter den Erwartungen geblieben ist, über die Fan-Attacken nach dem Spiel in Braunschweig und darüber, wie ein erfolgreicher Unternehmer mit den Unwägbarkeiten des Profi-Fußballs umgeht.

bundesliga.de: Herr Kind, hat der 2:1-Erfolg gegen den HSV zumindest für den Moment etwas Druck von allen Beteiligten genommen, oder ist die Stimmungslage bei 96 nach wie vor sehr angespannt?

Martin Kind: Vielleicht zunächst ein kurzer Rückblick: Nach den Spielen gegen Hoffenheim, Bremen und insbesondere Eintracht Braunschweig hat sich unsere Lage deutlich kritisch dargestellt. Das führt zwangsläufig zu Unruhe in der Öffentlichkeit, aber auch zu einer angespannten Situation intern. Der Sieg gegen den HSV darf deshalb nur der erste Schritt auf dem Weg zur Entspannung gewesen sein (Tabellenrechner).

bundesliga.de: Noch bei der Niederlage in Braunschweig hat die Mannschaft Einsatz und Leidenschaft vermissen lassen, gegen den HSV war das alles zu sehen; wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Kind: Die Bedeutung des Spiels in Braunschweig mit der spannungsgeladenen Atmosphäre zwischen den Fan-Gruppen war allen Beteiligten im Vorfeld klar. Dementsprechend war die Erwartung an die Mannschaft, dass sie diese Herausforderung annehmen und das Spiel zumindest nicht verlieren würde. Stattdessen aber hat sich das Team leblos gezeigt und eine inakzeptable Leistung abgeliefert. Das hat nach der Rückkehr nach Hannover zu einer massiven Reaktion der Fans geführt. Eine Reaktion, die in diesem Ausmaß Mannschaft und Verantwortliche völlig unvorbereitet getroffen und damit auch betroffen gemacht hat.

bundesliga.de: Wie hat man diese Eindrücke aufgearbeitet?

Kind: Wir haben am Tag nach dieser Niederlage intensive Gespräche geführt, mit dem Sportdirektor, mit dem Trainer und auch mit dem Mannschaftsrat. Dabei wurde die Situation analysiert und die Priorität der Arbeit für die kommenden Tage bis zum Spiel gegen den HSV festgelegt. Um den Druck von außen etwas von der Mannschaft zu nehmen, haben wir uns zu einem dreitägigen Kurz-Trainingslager entschlossen. Dort ging es aber nicht nur darum, hart und konzentriert zu arbeiten. Wir wollten vor allem auch das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Mannschaft sich zwar einerseits in einer äußerst kritischen Situation befindet, andererseits aber bei - zu diesem Zeitpunkt - noch immer zwei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz, nach wie vor aktiver Player ist, der die Lage weiterhin selbst gestalten kann.

bundesliga.de: Offensichtlich hat die Mannschaft das zumindest für das Spiel gegen den HSV begriffen...

Kind: In diesem Spiel haben Leidenschaft, Laufbereitschaft und Zweikampfverhalten von der ersten Minute an gestimmt. Darüber hinaus haben die taktische Ausrichtung und die überraschenden, sehr mutigen Variationen des Trainers sehr geholfen, so dass wir dieses Spiel absolut verdient gewonnen haben (Tabelle).

bundesliga.de: Sie haben kürzlich gesagt, dass die Mannschaft in sich Probleme habe; welche sind das?

Kind: Wir haben uns intern sehr offen und sehr kritisch damit auseinandergesetzt, jede andere Art des Umgangs mit diesen Problemen würde auch keinen Sinn machen. Diese Mannschaft ist bisher in sich nicht so gefestigt, wie das zwingend notwendig wäre. Aber der Mannschaftsrat hat in den Gesprächen ganz deutlich signalisiert "wir nehmen diese Herausforderung an!".

bundesliga.de: Wie unbefriedigend sind für Sie als erfolgreicher, rational agierender Unternehmer auf Dauer die ständigen Unwägbarkeiten des Profi-Fußballs?

Kind: In den 17 Jahren, die ich bei Hannover 96 in der Verantwortung bin, gewöhnt man sich daran. Mittlerweile kenne ich alle Variablen, die im Fußball vorkommen können. Selbstverständlich aber waren unsere Planungen ganz anders ausgelegt als sich die Situation aktuell tatsächlich darstellt. Aber ich habe zum Glück auch gelernt insbesondere in schwierigen Situationen - und hier zeigt sich nach meinem Verständnis Führungsstärke - absolute Ruhe zu bewahren. Also habe ich - aus Überzeugung - dem Trainer und der Mannschaft das Vertrauen ausgesprochen. Und ich denke, das hat sich bestätigt.

bundesliga.de: In den angesprochenen 17 Jahren haben Sie 96 aus der dritten Liga bis in die Europa League geführt; wie sehr schmerzen da die teilweise unflätigen Anfeindungen durch bestimmte Fan-Gruppierungen?

Kind: Diese Zeiten gibt es immer wieder mal, mal mit mehr, mal mit weniger Intensität. Die aktuelle Entwicklung lässt sich wohl nur im Kontext des Braunschweig-Spiels verstehen. Zum einen war es die Niederlage per se gegen einen Lokalrivalen, die unsere Fans nie bereit sind zu akzeptieren. Zum anderen haben die Fans die vom Verein organisierte Anreise per Bus, die an die Eintrittskarte gekoppelt war, offensichtlich als Bevormundung verstanden. Eine notwendige Konsequenz aus den Vorkommnissen bei dem Heimspiel Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig. Zudem konnten rund 600 weitere Fans, die dennoch per Zug und ohne Eintrittskarte angereist waren, das Bahnhofsgelände in Braunschweig nicht verlassen, so dass sie unverrichteter Dinge wieder zurück nach Hannover fahren mussten.

bundesliga.de: All das hat zu den Anfeindungen nach der Rückkehr der Mannschaft nach Hannover geführt...

Kind: Ja. Dort haben diese Fans am Stadion gewartet und die Mannschaft, den Sportdirektor sowie mich beschimpft, obwohl ich selbst nicht vor Ort war. Das war eine Reaktion, die in dieser Form voll umfänglich abzulehnen ist. Insbesondere, wenn diese Fans vorgeben, die einzig wahren 96-Anhänger zu sein. Da habe ich ein völlig konträres Verständnis vom Fan-Sein. In einer Krise sollten Fans ihre Mannschaft stützen und unterstützen, aber gewiss nicht in dieser Form gewalttätig bedrohen. Letztendlich wird diese Kritik aber ohnehin auf meine Person konzentriert, weil ich das Gesicht von 96 bin, und die Fans glauben, dass ich alle Entscheidungen im Alleingang treffe.

bundesliga.de: Kann man sich an diese Angriffe tatsächlich gewöhnen?

Kind: Man darf das nicht persönlich nehmen, und man muss versuchen, immer eine innere Distanz zu wahren. Zudem hilft es, wenn man weiß, dass meine Arbeit für den Klub von 99 Prozent der Menschen in Hannover bzw. der Region Hannover anerkannt wird.

bundesliga.de: Egal wie diese Saison nun ausgehen mag, 96 ist weit unter den eigenen Erwartungen geblieben; ist die erforderliche Analyse bereits im Gange?

Kind: Wir haben die bisherige Entwicklung sehr deutlich und sehr kritisch begleitet, und das ist schon der Beginn der notwendigen Analyse. Zunächst aber haben wir nur eine Priorität, und das ist die Konzentration auf die Herausforderung der letzten vier Spiele. Deshalb wird es vor Saisonschluss auch keine internen Gespräche geben. Wir wollen den Klassenerhalt abwarten und werden dann sehr offen und sehr kritisch die Analyse der abgelaufenen Saison durchführen.

bundesliga.de: Sie haben allerdings bereits erklärt, dass Sie notfalls mit Tayfun Korkut in die 2. Liga gehen würden...

Kind: Das habe ich sehr bewusst gesagt. Der Trainer hat mich voll umfänglich überzeugt. Er ist ein sehr engagierter, sehr fleißiger Trainer und ein guter Motivator und Kommunikator. Ich halte ihn für eine tolle Persönlichkeit, und er hat mein 120-prozentiges Vertrauen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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