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03.08.2013 - 12:34 Uhr


Hier hat Ginter alles gelernt

Koordinationsschulung im Kraftraum der Freiburger Fußballschule: Man beachte, worauf dieses Talent steht

Markus Kiefer (r.) ist einer der pädagogischen Leiter der Fußballschule. Hier führt er Kinder eines Ferien-Fußball-Camps durch die Anlage

Wohnen im Stadion: Die 2001 eröffnete Fußballschule mit 16 Internatsplätzen wurde in die unter Denkmalschutz stehende Tribüne des Mösle-Stadions integriert

Und hier wollen sie alle hin: Das Freiburger Erstliga-Stadion. Matthias Ginter (l.) zeigt bundesliga.de-Reporter Maximilian Lotz seinen Arbeitsplatz

In 36 Bundesliga-Spielen erzielte Ginter zwei Tore - sein erstes direkt beim Debüt

U21-Natioanlspieler Ginter (l.), der in der D-Jugend sogar mal im Tor stand, begann auf dem Feld zunächst in der Offensive, fühlt sich aber mittlerweile in der Innenverteidigung am wohlsten

Freiburg - Die Arme der Kids schießen in die Höhe. "Oliver Baumann! Dennis Aogo! Sascha Riether!" Die Namen sprudeln nur so aus den Elf- bis 13-Jährigen heraus. Als der pädagogische Leiter Markus Kiefer die Teilnehmer eines Ferien-Fußball-Camps bei ihrem Besuch im Mösle-Stadion in der Freiburger Fußballschule nach bekannten Absolventen fragt, ist der Name Matthias Ginter natürlich auch nicht weit.
Der gebürtige Freiburger kam schon als Elfjähriger zum SC, erzielte bei seinem Profidebüt mit 18 gleich das Siegtor und ist mit 19 schon eine feste Größe im Team von Christian Streich. Zuletzt wurde er zweimal in Folge zu Deutschlands talentiertestem Kicker gewählt - das gelang zuletzt Mario Götze. bundesliga.de war bei Ginter und "seiner" Freiburger Fußballschule zu Gast, bevor es für den Abwehrspieler wieder zurück in den Bundesliga-Alltag geht.

"Das ging schon ganz schön schnell. Ich habe das in der Form auch nicht erwartet", sagt Ginter nach 36 Bundesliga-Einsätzen in eineinhalb Jahren. Bereits im Alter von vier Jahren begann er beim SV March das Fußballspielen - der Traum von der Bundesliga wurde schnell zum konkreten Ziel: "Wenn man beim SC in der Jugend spielt, will man natürlich irgendwann bei den Profis ankommen."

Zwölf Millionen für ein Trainingszentrum: Ein Risiko, das sich gelohnt hat

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Die Idee einer Fußballschule reicht so weit zurück, da war Ginter (Jahrgang 1994) noch gar nicht auf der Welt. Als der SC Freiburg unter Volker Finke 1993 erstmals in die Bundesliga aufstieg, wuchs der Gedanke, konsequent auf den eigenen Nachwuchs zu setzen statt teure Spieler zu kaufen, um Freiburg als Bundesligastandort langfristig zu sichern. 2001 wurde zu diesem Zweck das Mösle-Stadion, die einstige Heimat des Stadtrivalen Freiburger FC, für zwölf Millionen Euro in ein Trainingszentrum mit 16 Internatsplätzen umgebaut. Ein finanzielles Risiko, das sich für den kleinen Club aus dem Breisgau aber bezahlt gemacht hat.

Auch im Fall von Ginter, der zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag seinen großen Auftritt hatte: Am 21. Januar 2012 wurde er gegen Augsburg in der 70. Minute eingewechselt und erzielte gleich den 1:0-Siegtreffer. "Das hätte man sich nicht besser erträumen können", sagt Ginter. Aber abheben kommt für ihn nicht infrage. "Er ist ein angenehmer, geerdeter Typ", erzählt der Pädagoge Kiefer, der Ginter bei seinem rasanten Aufstieg von der A-Jugend direkt zu den Profis begleitet hat. Die zweite Mannschaft hat Ginter übersprungen.

Vier Talente pro Jahr zu den Profis



Das Prinzip des Ausbildungsvereins lässt sich auch auf die Mitarbeiter übertragen. Chefcoach Christian Streich begann 2001 als U19-Trainer beim SC, auch sein Team um Lars Voßler, Patrick Baier und Simon Ickert war lange Zeit in Doppelfunktion für den Nachwuchs und die Profis tätig. "Der ganze Verein ist von der Fußballschule durchdrungen", sagt Andreas Steiert, der zusammen mit Kiefer im organisatorischen Bereich der Fußballschule tätig ist.

Die Übergänge von der Schule zu den Profis sind fließend. Seit der Gründung 2001 schafften im Schnitt vier Talente aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung in die erste Mannschaft. Zehn Spieler des aktuellen Profikaders wurden in der Fußballschule ausgebildet.

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Freizeit? Fehlanzeige



Eine wichtige Rolle im dualen Konzept spielt neben der sportlichen Förderung die schulische Ausbildung - auch für den Fall, dass es mit der Profikarriere nicht klappt. "Schule geht vor", sagt Kiefer. "Bevor jemand sitzen bleibt, wird das Training reduziert." Die Fußballschüler besuchen ganz normale Schulen in Freiburg - da erfordert es viel Disziplin, beides unter einen Hut zu bringen.

"Ich habe mir Prioritäten gesetzt", erklärt Ginter, der im vergangenen Jahr nebenbei noch das Abitur machte. "Es gab nur Fußball und Schule. Ich hatte kaum Freizeit. Mein Tagesablauf bestand aus: aufstehen, Schule, Training, essen, schlafen, das war's!"

Teamgedanke statt Hall of Fame



Aber der "positive Stress", wie Kiefer diese Zeit bezeichnet, hat sich gelohnt. In diesem Jahr wurde Ginter zum zweiten Mal in Folge mit der Fritz-Walter-Medaille als bester Nachwuchsspieler seines Jahrgangs ausgezeichnet. Ihn als Aushängeschild der erfolgreichen Nachwuchsarbeit zu bezeichnen, würde jedoch der Philosophie des Vereins widersprechen.

"Wir haben keine Hall of Fame", sagt Steiert und verweist lieber auf die mannschaftlichen Erfolge. Im Flur der Fußballschule hängt unter anderem der Banner vom letztjährigen DFB-Pokalsieg der U19 - auch Ginter war im Finale gegen Hertha BSC dabei. "In den Freiburger Jugendmannschaften steht der Teamgedanke über allem", sagt Ginter.

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Streich achtet auf den Charakter



Bei den Profis ist das nicht anders, Stars sucht man unter Christian Streich vergebens. Ginters ehemaliger A-Jugendtrainer und jetziger Chefcoach Streich habe "nicht nur bei mir, sondern auch bei allen Jugendspielern, die jetzt bei den Profis sind, einen sehr großen Einfluss gehabt." Für Streich seien auf dem Platz alle Spieler gleich, egal wie alt sie sind. Die Youngster habe er dennoch besonders im Auge - abseits des Platzes: "Er erkundigt sich nach der Schule. Und er achtet darauf, wie wir charakterlich miteinander umgehen."

Bei Ginter jedenfalls scheinen die Methoden von Kiefer, Streich und Co. bestens gefruchtet zu haben. Und Ginter selbst sieht sich längst noch nicht am Ende seiner Entwicklung: "Man versucht, sich in jedem Spiel weiterzuentwickeln und ich hoffe, dass es noch ein bisschen weiter geht." Und falls Ginter doch einmal das Nest verlässt und bei einem Topclub eine neue Herausforderung sucht: An jungen Talenten mangelt es in Freiburg sicher nicht.

Aus Freiburg berichtet Maximilian Lotz


Nachwuchsarbeit im Fokus
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