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14.02.2014 - 14:27 Uhr


VfB-Legende Müller: "Abstieg wäre eine Vollkatastrophe"

"Wir haben eine sehr schwierige und angespannte Situation", sagt VfB-Legende und Aufsichtsrat Hansi Müller

Taktik und System seien jetzt sekundär, Reife und Charakter hingegen enorm wichtig, sagt Müller

Am Samstag muss Stuttgart bei 1899 Hoffenheim ran - im Hinspiel feierte Thomas Schneider mit dem 6:2-Sieg einen perfekten Einstand als VfB-Trainer

Stuttgart - VfB-Legende Hansi Müller macht sich große Sorgen um seinen Verein. Der Europameister von 1980, der beim VfB Stuttgart im Aufsichtsrat sitzt, analysiert im Interview mit bundesliga.de die Situation der Schwaben vor der Partie gegen hoffenheim (Sa., ab 15 Uhr im Live-Ticker) und fordert von der Mannschaft "das Rüstzeug, die Reife und den Charakter, sich gegen eine weitere Niederlage zu stemmen".

bundesliga.de: Herr Müller, der VfB Stuttgart hat die letzten fünf Bundesliga-Spiele hintereinander verloren. Ist die Lage ernst oder besteht noch kein Grund zur Panik?

Hansi Müller: Sie haben das in der Frage auf den Punkt gebracht. Natürlich sind wir uns in Stuttgart der Lage bewusst und gehen sehr ernst und professionell mit ihr um. Aber auf der anderen Seite darf man nicht die Ruhe verlieren und hektisch werden. Das wäre kontraproduktiv. Wir sind noch nicht kurz vor Ende der Saison. Fakt ist, dass noch 14 Spiele anstehen und 42 Punkte zu vergeben sind. Sicherlich hat der VfB einen Negativlauf. Es kommt aber auch darauf an, wie die Niederlagen zustande kamen. Wenn ich das Augsburg-Spiel ausklammere, in dem nach der ersten halben Stunde einiges nicht funktioniert hat, muss ich sagen, dass die Spieler, die vorher gegen Leverkusen und die Bayern gut gespielt haben, die gleichen waren. Die Mannschaft hat gegen Bayern gezeigt, dass sie einen Punkt absolut verdient gehabt hätte. Sie hat das Spiel erst in der letzten Sekunde aus der Hand gegeben. Auch in Leverkusen war sie nah dran, auch dort einen Punkt zu holen.

bundesliga.de: Also wird die Situation des VfB dramatisiert?

Müller: Nein. In unserer Situation muss man aber nicht nur die Fehler analysieren, sondern auch herausarbeiten, was gut war und worauf aufgebaut werden kann. Das ist nicht wenig. Sicherlich wird Thomas Schneider jetzt in Zusammenarbeit mit dem Trainerteam und Fredi Bobic gucken, wo die Hebel anzusetzen sind. In Hoffenheim werden sicherlich wieder Spieler in die Mannschaft kommen, die mit einer solchen Situation Erfahrungen gemacht hat. Oder wie Oliver Kahn einmal gesagt hat: "Wir brauchen Eier." Es geht darum, Leute auf dem Platz zu haben, die der Situation grundsätzlich gewachsen sind.

bundesliga.de: Sie sprechen die erfahrenen Spieler an. Hat der VfB vielleicht in den letzten Wochen und Monaten zu sehr auf die Jugend gesetzt und die jungen Profis überfordert?

Müller: Man darf jetzt von der Strategie und Philosophie des VfB auch in so einer Situation nicht abweichen. Es ist ja nicht so, dass wir sagen: Es spielen nur die jungen Talente ohne Rücksicht auf Verluste. Wir haben ein paar, die das Zeug haben, allen voran der Timo Werner, auch der Antonio Rüdiger ist ein Eigengewächs. In der Mannschaft stehen aber auch genug erfahrene Leute wie Gentner, der leider gerade verletzt ist, Schwaab, Ibisevic oder Harnik. Das sind gestandene Bundesliga-Profis. Auch ein Moritz Leitner ist kein Greenhorn mehr. Er hat schon seine Erfahrungen in Dortmund gesammelt. Ebenso sind Cacau, Abdellaoue oder Rausch Leute, die zig Bundesliga-Spiele auf dem Buckel haben. (Kader im Überblick) Es ist nicht so, dass beim VfB eine A-Jugendmannschaft aufläuft. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation ist klar, dass der VfB den einen oder anderen jungen Spieler langfristig herausbringen muss. Deswegen waren auch fünf Junioren mit im Trainingslager in Südafrika. Aber jetzt haben wir eine Situation, in der wir alles daran setzen müssen, Punkte zu holen. Dann kann man so eine langfristig angelegte Strategie auch einmal ein Stück beiseite lassen. Nach so vielen Negativerlebnissen muss man alles daran setzen, am Samstag gegen Hoffenheim den Schalter umzulegen. 

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Chancen des VfB, sich aus der angespannten Situation zu befreien?

Müller: Das Prickelnde an unserer Lage ist, dass der VfB jetzt gegen Mannschaften antritt, die in der gleichen Situation sind und sich mit uns auf Augenhöhe befindet. Nach Hoffenheim kommt Hertha. Die Berliner sind noch die Ausnahme, weil sie eine überragende Saison spielen. Aber dann geht’s nach Frankfurt, dann kommt Braunschweig, dann spielen wir in Bremen. Das sind Spiele gegen direkte Konkurrenten. Wenn wir da punkten, zählt das fast doppelt. Der VfB muss es schaffen, von den noch 14 ausstehenden Spielen sechs oder sieben zu gewinnen. (Jetzt im Tabellenrechner tippen!) Das ist ja nicht utopisch. Klar ist, dass wir jetzt anfangen müssen, Punkte zu sammeln. Aber jetzt hektisch zu werden oder anfangen zu wackeln, wäre der total falsche Zeitpunkt.

bundesliga.de: In der Hinrunde hat der VfB unter Thomas Schneider in genau diesen Spielen gepunktet. Haben Sie eine Verbesserung feststellen können, seit er Bruno Labbadia am Anfang der Saison abgelöst hat? Oder stagniert der VfB?

Müller: Es wird immer an Ergebnissen festgemacht. Es ist klar, dass auch momentan Fredi Bobic, Bernd Wahler und Thomas Schneider Kritik abbekommen. Du kannst Dir rund um die Uhr einen Wolf abarbeiten im Club. Wenn die Ergebnisse nicht da sind, bist Du angreifbar. Dann muss man Ruhe bewahren. Der VfB-Präsident Bernd Wahler hat bei öffentlichen Auftritten gesagt: "Wir vertrauen dem Trainerteam." Das Vertrauen des Vereins bis hin zum Aufsichtsrat, dem ich seit drei Jahren angehöre, ist voll da. Gerade in solchen engen und heiklen Situationen ist es noch wichtiger, zusammenzustehen und zu sagen, dass wir von dieser Personalie und der Konstellation absolut überzeugt sind und daran festhalten. Man darf nicht den Kopf verlieren und muss seinen gesunden Menschenverstand einsetzen. Wir haben eine sehr schwierige und angespannte Situation.

bundesliga.de: Wo liegen sportlich die Hauptprobleme des VfB?

Müller: Wir müssen die Abwehr stabiler machen. Es gibt ja Alternativen. Ein Niedermeier oder ein Haggui sind Spieler, die schon gezeigt haben, dass sie im harten Bundesliga-Geschäft bestehen können. Auch ein Cacau zerreißt sich im Training, Harnik hat überragend trainiert. Er hat gemerkt, dass er noch eine Schippe drauflegen muss. Er hat ja schon 17 Kisten in einer Bundesliga-Saison gemacht, er hat das Potenzial. Er muss sich am Riemen reißen, im Training reinhauen und am Samstag wie alle anderen Spieler auch um halb vier Gras fressen. Und Thomas Schneider hat mit Sicherheit in den letzten Tagen ein paar härtere Töne angeschlagen. Intern hat es schon ordentlich gescheppert. Das muss er auch machen, damit der eine oder andere Spieler, der den Ernst der Lage noch nicht richtig erkannt hat, das auch begreift. Als Traditionsverein in die 2. Bundesliga abzuschmieren, wäre für den VfB eine Vollkatastrophe.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Reaktion des bekanntermaßen kritischen Stuttgarter Publikums auf die Krise?

Müller: Das Publikum ist gereizt. Man darf nicht vergessen, dass es in dieser Saison erst zwei Heimsiege gegen Hoffenheim und Hannover gab. Das ist schon starker Tobak. Da werden einige Zuschauer überlegen, ob sie auch im nächsten Jahr eine Dauerkarte kaufen. Die Mannschaft hat es in diesem Frühjahr in der Hand, die nötigen Punkte zu sammeln. Wir spielen jetzt nicht mehr gegen Bayern, Leverkusen oder Dortmund. Die nächsten Gegner heißen daheim Hertha, Braunschweig, Freiburg kommt auch noch. Da müssen wir punkten und den bei den Leuten verspielten Kredit wieder zurückholen. Mit zwei Siegen kann die Stimmung schnell wieder in die andere Richtung gehen. Aber die müssen wir jetzt einfahren. Die Mannschaft hat Substanz und Potenzial und das auch schon bewiesen. Darauf muss sie sich besinnen.

bundesliga.de: Welche Maßnahmen kann Thomas Schneider konkret unternehmen, um die Trendwende einzuleiten?

Müller: Thomas Schneider weiß, was er zu tun hat. Es wird mit Sicherheit einige Veränderungen im Team geben. Meine persönliche Meinung ist, dass jetzt nicht die Positionen der einzelnen Spieler wichtig sind, sondern die Tatsache, dass der, der auf dem Platz steht, nicht nur erfahren sondern auch hundertprozentig konzentriert ist. Und wir müssen die "Unforced Errors", die wir gegen Augsburg zuhauf hatten, abstellen. Die Spieler treffen im Moment zu viele Fehlentscheidungen in ihren Aktionen und haben zu viele unnötige Ballverluste. Im Moment sind die Philosophie, Taktik oder das System sekundär. Wichtig, dass wir elf Mann auf dem Platz haben, die das Rüstzeug, die Reife und den Charakter haben, sich gegen eine weitere Niederlage zu stemmen.

bundesliga.de: Am Samstag kommt es zum Derby gegen Hoffenheim, das Zuhause auch noch keine Bäume ausgerissen hat und nur zwei von zehn Heimspielen gewinnen konnte (Vorschau-Fakten und mögliche Aufstellungen). Wie stehen die Stuttgarter Chancen?

Müller: Ich habe mir die Hoffenheimer Heimbilanz und das Torverhältnis von 23:22 angeguckt. Der VfB hat eine bessere Auswärts- als Heimbilanz. Ich bin zwar kein großer Statistiker. Aber Fakt ist, dass Hoffenheim bei nur zwei Heimsiegen im eigenen Stadion auch nicht brilliert hat. Auch dort ist das Publikum sehr kritisch. Das muss man dann ausnutzen. Wenn das Publikum hypersensibel ist, hat man als Gegner schnell Oberwasser. Das muss dem VfB am Samstag gelingen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

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