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03.01.2014 - 17:44 Uhr


Frank Mill: "Irgendwann geht die Puste aus"

Frank Mill hält Borussia Dortmund nach wie vor für die stärkste Bundesliga-Mannschaft hinter den Bayern

In den vergangenen Wochen konnte man laut Mill aber sehen, dass bei Robert Lewandowski (M.) und Co. die Kraft nachließ

Durch zahlreiche Verletzungen wie die Neven Subotics ist die personelle Lage beim BVB angespannt

In seiner Karriere spielte Mill für RW Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf in der Bundesliga. Beim BVB blieb er mit acht Jahren am längsten

Dortmund - Der BVB wird in der Rückrunde seinen Negativtrend stoppen - davon ist Frank Mill überzeugt. Acht Jahre lang hat er einst für Borussia Dortmund die Schuhe geschnürt und spricht jetzt mit bundesliga.de über seine Nachfolger im schwarz-gelben Sturm.

47 Tore hat Mill für den BVB erzielt und mit dem Verein 1989 den DFB-Pokal gewonnen. Als Stürmer war er ebenso treffsicher wie abgezockt und "mit allen Abwässern gewaschen", wie Sturmpartner Nobby Dickel es einmal respektvoll ausgedrückt hat. Die Spiele des BVB verfolgt der einstige Publikumsliebling immer noch mit viel Interesse - und glaubt, dabei auch erkannt zu haben, wo der Borussia zuletzt der Schuh gedrückt hat.

Ein Gespräch von bundesliga.de mit "Frankie" Mill über personelle Sorgen und fehlende Kraft, mangelnde Effektivität und psychologische Hilfe - und einen Fehlschuss, der den heute 55-Jährigen nur allzu gut an alte Zeiten erinnert.

bundesliga.de: Frank Mill, der BVB hatte in der Hinrunde mit vielen personellen Problemen vor allem im Defensivbereich zu kämpfen. Erklärt das die magere Punktausbeute zum Ende des Jahres?

Frak Mill: Das Verletzungspech der Borussia ist ohne Frage gravierend. Das hat sich wie ein roter Faden durch die Hinrunde gezogen. Und junge Spieler wie Marian Sarr, Erik Durm oder an anderer Position auch Jonas Hoffmann brauchen halt ihre Zeit. Das Grundproblem beim BVB ist immer noch, dass der Kader an gleichwertigen Spielern eigentlich zu dünn ist. Da hat Bayern München keine Probleme. Aber wenn man als Borussia Dortmund nicht immer die vermeintliche Top-Mannschaft auf den Platz schicken kann, wird es im Verlauf der Saison schwierig. Und wenn man zwei Jahre auf absolutem Top-Niveau gespielt hat, geht irgendwann die Puste aus und die Jungs sind müde.

bundesliga.de: Sie haben die Probleme zum Ende der Hinrunde, als es gleich drei Heimniederlagen in Serie gab, demnach nicht überrascht?

Mill: Das zeichnete sich bereits beim Heimspiel gegen Arsenal London ab. Nach dem Gegentreffer war zwar noch eine halbe Stunde zu spielen, aber im Prinzip ist rein gar nichts mehr passiert. Es gab kein Aufbäumen, kein Anrennen. Da konnte man der Mannschaft schon ansehen, dass sie sehr aufgebraucht und müde war.

bundesliga.de: Die Abwehr stand trotz häufiger Wechsel und Ausfälle oft gar nicht so schlecht, allerdings wurden vorne sehr viele Chancen vergeben.

Mill: In erster Linie muss man sich diese ganzen Torchancen erst einmal erarbeiten. In den letzten Spielen war es allerdings so, dass man gar nicht mehr zu diesen klaren Chancen gekommen ist.

bundesliga.de: Was die Offensivreihe davor teilweise hat liegen lassen, war allerdings schon heftig. Als Lewandowski in Marseille das leere Tor nicht getroffen hat, dürfte das bei Ihnen Erinnerungen geweckt haben?

Mill: (lacht) Oh ja, das kenne ich ja auch. Das war ähnlich wie damals 1986 bei mir in München, als ich vor dem leeren Tor nur den Pfosten getroffen habe. Das ist ja schon legendär. Bei Lewandowski war es aber so, dass er die Szene innerlich schon abgeschlossen hatte. Für ihn war der Ball quasi schon im Tor. Aber das darfst du als Stürmer nie machen. Er hat den Ball dann auch nicht richtig getroffen, statt mit der breiten Seite nur mit der Fußspitze. Und deswegen ist er diese 20 Zentimeter am Tor vorbei gegangen.

bundesliga.de: Sind vergebene Chancen wie diese also in erster Linie ein Problem der Konzentration?

Mill: Es ist in erster Linie eine Frage der Kraft. Wenn die Kraft verloren geht, lässt die Konzentration nach. Und ohne volle Konzentration fehlt es an der nötigen Genauigkeit. So kommt eines zum anderen, es ist ein Kreislauf. Hast du genug Power und Energie, dann machst du die Chancen auch rein, wenn du sie bekommst. Bei Stürmern ist es manchmal auch so, dass sie einfach einen schlechten Lauf haben. Das ist keine Frage der Qualität. Du hast einen schlechten Lauf, und dann triffst du plötzlich wieder doppelt.

bundesliga.de: Was empfiehlt der einstige Stürmer Frank Mill seinen Nachfolgern im Dortmunder Offensivspiel also?

Mill: Die Jungs sollten vor allem viel Torschusstraining machen. Sie müssen sich so viele Erfolgserlebnisse wie möglich im Training holen. Das wirkt Wunder. Sie müssen unbedingt an sich glauben, das ist das Allerwichtigste.

bundesliga.de: Und sonst hilft ein Psychologe weiter?

Mill: Den hatten wir damals auch nicht, und es hat trotzdem geklappt. Was soll er einem auch erzählen? Die Jungs haben einen Trainer, der ihnen schon sagt, wo es lang geht. Und sie haben einen sehr guten Trainer. Man muss jetzt in der Winterpause einfach einen Strich darunter machen und sehen, dass man gut in die Rückrunde startet. Ich bin sicher, dass man den Negativtrend stoppen kann.

bundesliga.de: Welche Rolle kann der BVB in der Rückrunde noch spielen - in der Liga und darüber hinaus?

Mill: Unter normalen Voraussetzungen ist Borussia Dortmund die einzige Mannschaft, die mit den Bayern mithalten kann. Das hat auch der direkte Vergleich in der Hinrunde gezeigt. Das Ergebnis klang mit 3:0 für die Bayern zwar eindeutig, aber der BVB hatte die besseren Chancen und hätte in Führung gehen müssen. Zuletzt allerdings waren aufgrund der beschriebenen Probleme der Dortmunder die Unterschiede zwischen den Mannschaften auf Platz zwei, drei und vier nicht besonders groß. Es wird darauf ankommen, wie der BVB aus den Startlöchern kommt. In der Champions League traue ich Ihnen zu, gegen St. Petersburg eine Runde weiterzukommen und ins Viertelfinale einzuziehen. Und das könnte sich dann sicher sehen lassen.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

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