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10.04.2014 - 16:03 Uhr


Fjörtoft: "Gefährlich wird es für Hamburg und Stuttgart"

Über den Abstiegskampf in der Bundesliga sagt der ehemalige Spieler und heutige "Sky"-Experte Jan Aage Fjörtoft: "Das wird ein unglaublich spannendes Finale" (© imago)

52 Spiele (14 Tore) machte Fjörtoft für Frankfurt. Mit seinem Last-Minute-Treffer gegen den FCK (5:1) am letzten Spieltag der Saison 1998/99 rettete er die Eintracht vor dem Abstieg

"Der Trainer übernimmt eine ganz wichtige Rolle im Abstiegskampf", sagt der Norweger und erinnert sich dabei an Jörg Berger als "absoluter Ruhepol" zurück

München - Im Kampf gegen den Abstieg geht es so eng zu wie seit 33 Jahren nicht mehr. Die Mannschaften zwischen Platz 13 und 18 trennen nur vier Punkte. Nie zuvor lagen die Teams seit Einführung der Drei-Punkte-Regel so dicht zusammen. Die Bundesliga erlebt den spannendsten Abstiegskampf aller Zeiten!

bundesliga.de hat deshalb bei Jan Aage Fjörtoft nachgehakt. Der Norweger ist als Experte beim Fernsehsender "Sky" tätig und kennt das Gefühl, erst in letzter Sekunde den Klassenerhalt zu sichern. Am 34. Spieltag der Saison 1998/99 erzielte Fjörtoft in der 90. Minute das entscheidende 5:1 für Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Kaiserslautern. Frankfurt blieb ob der besseren Tordifferenz erstklassig, der 1. FC Nürnberg stieg in die 2. Bundesliga ab, obwohl der "Club" vor dem letzten Spieltag auf Rang 12 platziert war.

Im Interview spricht Fjörtoft über das Drama von damals, welche Teams aktuell besonders gefährdet sind und welche Eigenschaften Trainer sowie Spieler der betroffenen Mannschaften in so einer brenzligen Situation haben müssen.

bundesliga.de: Herr Fjörtoft, Sie haben in der Saison 1998/99 Eintracht Frankfurt mit einem Tor in letzter Minute vor dem Abstieg bewahrt. Dieses Jahr stehen die Teams sogar noch enger beisammen. Glauben Sie, dass es wieder ein ähnliches Herzschlagfinale geben wird?

Jan Aage Fjörtoft: (lacht) Ja, damals gab es vor dem letzten Spieltag viele Theorien. Aber was dann tatsächlich passiert ist, damit hatte niemand gerechnet. Ob das in dieser Saison ähnlich wird, hängt davon ab, welche Mannschaft jetzt einen Lauf starten kann. Es wird zwar immer viel über dieses 5:1 gegen Kaiserslautern gesprochen, aber viel wichtiger war, dass wir die letzten vier Saisonspiele gewonnen und damit zwölf Punkte geholt haben. Deshalb ist aktuell noch alles drin: Wenn Nürnberg drei Spiele gewinnt, dann sind sie da. Und das macht es dieses Mal so spannend, weil von Hannover bis Braunschweig alles passieren kann. Das ist unglaublich, was da los ist. Der Kampf gegen den Abstieg ist der neue Meisterschaftskampf.

bundesliga.de: Welche Teams müssen richtig zittern?

Fjörtoft: Gefährlich wird es für Hamburg und Stuttgart. Das sind große Vereine mit großen Hoffnungen. Die finden sich in einer Situation wieder, mit der sie vor der Saison nicht gerechnet hatten. Der HSV-Sieg am Wochenende gegen Leverkusen war überlebensnotwendig. Trotzdem ist es immer ein Problem, wenn sich eine namhafte Mannschaft im Abstiegskampf beweisen muss. Eintracht Braunschweig und der SC Freiburg wissen, dass es nur über den Kampf geht. Das hat auch Augsburg in den vergangenen beiden Spielzeiten gezeigt. Man muss sich herauskämpfen. Im Abstiegskampf gelten so viele andere Gesetze. Da entscheidet jeder Punkt, sogar jede Aktion. Ein weggeschenkter Einwurf und die restliche Saison kann kippen und in die falsche Richtung gehen.

bundesliga.de: Welche Eigenschaften braucht man noch?

Fjörtoft: Man muss kämpfen können - und zwar physisch und mental. Das merkt man bei Eintracht Braunschweig. Wenn die Braunschweiger den Klassenerhalt schaffen, feiern sie das wie eine Meisterschaft. Ganz anders sieht es beim HSV aus. Für die Hamburger ist die Saison, verglichen mit den Erwartungen, sowieso verloren. Sie haben viele Nationalspieler, die keine gute Saison gespielt haben. Und auch die Freiburger wissen, was es braucht, auch wenn sie es in der vergangenen Saison bis in die Europa League geschafft haben. Das konnte man im Spiel gegen Nürnberg deutlich sehen: Diesen Willen, für jede Aktion zu kämpfen. Ich weiß nicht, ob die Stuttgarter und Hamburger diesen Willen auch haben.

bundesliga.de: Der VfB hat vor wenigen Wochen mit Huub Stevens einen Kämpfertypen als neuen Trainer verpflichtet. Welche Eigenschaften muss ein Trainer vorweisen, um sein Team vor dem Abstieg zu bewahren?

Fjörtoft: Der Trainer übernimmt eine ganz wichtige Rolle. Bei uns war das damals Jörg Berger. Er war ein absoluter Ruhepol. Wir lagen am 33. Spieltag auf Schalke mit 0:2 hinten. Ich mache vor der Pause noch das 1:2 und in der Kabine blieb Berger total ruhig und meinte nur: "Das schaffen wir schon, das wird alles kommen." Diese Ruhe war unglaublich und am Ende haben wir tatsächlich 3:2 gewonnen. Das war eine wichtige Komponente. Auf der einen Seite muss der Coach hart sein, auf der anderen Seite muss er es schaffen, dass die Spieler die richtige Balance finden. Die Situation in der Tabelle kann sich schnell ändern, auch wenn es zu Beginn nicht rund läuft. Das muss immer im Hinterkopf verankert sein. In der Saison 1998/99 wussten wir natürlich, wie es auf den anderen Plätzen steht. Das war eine Nervensache deluxe. Da ist diese mentale Balance entscheidend.

bundesliga.de: Wussten Sie, dass Ihr Treffer Ihrem Team den Klassenerhalt beschert?

Fjörtoft: Ich habe gewusst, dass wir noch ein Tor brauchten. Ich wusste nicht genau, wofür wir es brauchten (lacht). Wir haben zwar in den Medien alle möglichen Szenarien gelesen, aber dass dieses Tor Nürnberg zum Absteiger machte, wusste ich in dem Moment nicht. Das hatte niemand auf der Rechnung. Es lag nur an der Tordifferenz. Das Schlimme war: Wir haben nach meinem Tor noch ein, zwei Minuten gespielt und durften kein Gegentor mehr kassieren. Das wussten wir und das war schrecklich.

bundesliga.de: Was haben Sie kurz vor dem vermutlich wichtigsten Tor Ihrer Karriere gedacht?

Fjörtoft: Ich war 32 Jahre alt und ein erfahrener Spieler. Als ich auf Andreas Reinke (Torhüter Kaiserslautern, Anm. d. Red.) zulief war ich ganz ruhig. Ich wusste genau, was ich machen wollte. In solchen Situationen braucht es immer jemanden, der sich in den Vordergrund drängt. Bei Nürnberg ist das derzeit Josip Drmic, bei Braunschweig ein Domi Kumbela. Der HSV hat mit Pierre-Michel Lasogga so einen Typen, die in dieser Phase absolut wichtig sind. In Krisensituationen treten plötzlich Spieler in den Vordergrund, denen man diese Eigenschaften nicht zugetraut hätte. Im Abstiegskampf entscheiden Spieler, die sich steigern, wenn sie unter Druck stehen. Die Mannschaft mit den meisten dieser Spielertypen wird es am Ende schaffen.

bundesliga.de: Und welches Team wäre das?

Fjörtoft: (lacht) Das ist schwierig zu sagen. Es kann noch so viel passieren und es hängt auch vom Restprogramm ab. Nürnberg hat die schlechteste Tordifferenz und eine kleine Formkrise, da sieht es momentan problematisch aus. Im Gegensatz dazu ist es sensationell, was Braunschweig zeigt. Die Eintracht hat nur noch zwei Punkte Rückstand auf den Relegationsrang. Sie hat eine unglaubliche Moral gezeigt. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer in der Liga bleibt. Das einzige, was ich sagen kann: Ich habe um die großen Teams wie dem HSV und Stuttgart Angst. Die haben zu viele Spieler, die nicht wissen, wie sie im Abstiegskampf spielen müssen.

bundesliga.de: Wird der Abstiegskampf wieder durch einen Treffer in der letzten Minute entschieden?

Fjörtoft: Das kann passieren. Also wenn man auf die Tabelle schaut und die Konstellation am letzten Spieltag bedenkt, wird das sehr interessant. Stuttgart muss in München ran, Hamburg in Mainz und Nürnberg in Gelsenkirchen. Außerdem spielt Hannover gegen Freiburg. Das ist so eine Partie, in der jeder gewinnen muss, um drin zu bleiben. Das wird ein unglaublich spannendes Finale.

Das Gespräch führte Michael Sapper

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