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21.11.2013 - 15:15 Uhr


Experte Lopez analysiert FCB und BVB

Der spanische Fußball-Experte Marcos Lopez erwartet am Samstag ein leidenschaftliches Duell zwischen den Teams von Jürgen Klopp und Pep Guardiola

"Sollte Dortmund verlieren, wäre der Punkteabstand schon erheblich und ein psychologischer Vorsprung für die Bayern", sagt Lopez, der die Ausfälle in der BVB-Defensive als "sehr dramatisch" bezeichnet

Über die Münchner unter Guardiola sagt er: "Bayern ist momentan die Referenz in Europa. Sie sind sehr abwehrstark, vorne spielen sie mit einem Höllentempo. Für meinen Geschmack ist es das beste Team Europas."

München - Marcos Lopez, 38, ist Spaniens bekanntester Fußball-Analyst. Er hat den A-Trainer-Schein und war von 2011 bis 2012 Sportdirektor beim AS Rom unter Trainer Luis Enrique. Derzeit arbeitet er unter anderem als Experte bei "Marca", dem Hörfunksender "COPE", dem Sport-Sender "Marca TV" sowie den Privatsendern "La Sexta" und "Antena 3".
Seine Meinung ist in Spanien gefragt, wenn es darum geht, Mannschaften und Spieler einzuschätzen - auch von Seiten von Vereinen. Für bundesliga.de blickt er im Exklusiv-Interview auf das Gipfeltreffen zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München am Samstag (ab 18 Uhr im Live-Ticker) voraus.

bundesliga.de: Herr Lopez , Millionen von fußballbegeisterten Spaniern sahen vor sechs Monaten etwas neidisch das Champions-League-Finale zwischen Bayern und Dortmund vor den Bildschirmen. Nun gibt es in der Bundesliga die Neuauflage dieses Gigantenduells. Wie groß ist das Interesse in Spanien an diesem "Spiel der Spiele", das dort auch live übertragen wird?

Marcos Lopez: Die Freude auf das Spiel ist groß. Sicherlich ist das Interesse etwas geringer als beim Champions-League-Endspiel, aber sowohl die Bayern als auch der BVB werden in Spanien als ganz große Mannschaften angesehen. Jürgen Klopp hat in Spanien ein enormes Interesse geweckt, auf der anderen Seite steht Pep Guardiola, dessen Schritte von Trainerkollegen und spanischen Medien ganz genau verfolgt werden. Dortmund und Bayern sind zwei spektakuläre Mannschaften, die Fußball auf Topniveau garantieren.

bundesliga.de: Nach dem Länderspiel in England gab es zwei weitere Hiobsbotschaften für Dortmund: Mats Hummels wie auch Marcel Schmelzer fallen länger aus, Neven Subotic war schon langzeitverletzt, Lukasz Piszczek ist noch nicht bei 100 Prozent - die gesamte Stamm-Viererkette fällt damit aus. Kann diese dramatische Personalsituation der Dortmunder ausschlaggebend für den Ausgang des Spiels sein?

Lopez: Klar, der BVB befindet sich in einer Notsituation. Dortmund liegt vier Punkte hinten und muss jetzt ausgerechnet gegen Bayern mit einer Viererkette spielen, die so noch nie zusammmengespielt hat. Der BVB ist eine Mannschaft, die sich von hinten aus organisiert und das Spiel aufzieht. Verunsicherungen in der Abwehr können sich auf das gesamte Team auswirken. Klopp muss sich darauf konzentrieren, selbst eine gute Elf aufzustellen und darf nicht darauf achten, mit welcher Mannschaft Bayern auftritt. Sollte Dortmund verlieren, wäre der Punkteabstand schon erheblich und ein psychologischer Vorsprung für die Bayern.

bundesliga.de: Der BVB hat wegen der Verletzungssorgen in der Abwehr den vereinslosen Manuel Friedrich bis Saisonende verpflichtet. Kann er der Borussia mit ihren hohen Ansprüchen helfen?

Lopez: Klopp kennt ihn noch aus gemeinsamen Zeiten beim 1. FSV Mainz 05, das ist ein Vorteil. Nach der Verletzung von Subotic war er eher eine Alternative, mit dem Ausfall von Hummels wird er jetzt sehr wichtig werden. Von seinem Leistungsstand wird kurzfristig das Schicksal der Borussia abhängen. Es ist aber auch eine große Prüfung für Sokratis. Er ist sicherlich erfahren und ein solider Innenverteidiger, aber ihm fehlt der Spielrhythmus. Dass Dortmund gleichzeitig Subotic und Hummels verloren hat, ist sehr dramatisch. Beide zusammen sind kaum zu ersetzen.

bundesliga.de: Wird sich Guardiola etwas Besonderes einfallen lassen, wie in der Vergangenheit in den Clasicos mit Barcelona gegen Real Madrid? Ist er für eine taktische Überraschung gut?

Lopez: Guardiola ist bekannt für neue taktische Elemente in großen Spielen. Das macht er aber nur, wenn er seine Mannschaft sehr gut kennt und wenn seine Spieler seine Philosophie verinnerlicht haben. Er kommt mit vier Punkten Vorsprung nach Dortmund, sein Team ist auf der Erfolgspur - vielleicht wird er auf der einen oder anderen Position etwas verändern. Die Spieler sollen mit seinem Konzept weitere Erfolgserlebnisse einfahren. Guardiola braucht wichtige Erfolge für das Selbstbewusstsein und die mentale Stärke. Andererseits gilt es für ihn, Vergleiche mit der Vergangenheit zu verhindern.

bundesliga.de: Sie halten Vorträge an spanischen Universitäten zusammen mit Ihrem Freund Rafael Benitez, dem aktuellen Trainer des SSC Neapel. Welche Antwort geben Sie einem Studenten, der Sie fragt, wie man gegen Bayern München bestehen oder sogar gewinnen kann?

Lopez: Eine schwere Frage mit einer ebenso komplizierten Antwort. Der Druck der Bayern im gegnerischen Strafraum ist bereits enorm. Der FCB steht für die Fünf-Sekunden-Regel. Wenn die Bayern den Ball verlieren, organisiert sich das Team innerhalb von fünf Sekunden neu und verhindert damit, dass der Gegner überhaupt einen Angriff starten kann. Wenn sie den Ball wieder erobern, nutzen sie blitzschnell die Tiefe des Raumes. Als Gegner darfst du einfach den Ball nicht verlieren. Ich würde meinen Spielern raten, dass sie häufig Eins-zu-eins-Situationen gegen die Bayern-Spieler suchen sollen. Guardiola kann man am besten mit seinen eigenen Waffen schlagen. Aber du brauchst natürlich auch Qualität, du brauchst - im individuellen und im kollektiven Sinne - gute Spieler, um gegen diese spektakulären Bayern bestehen zu können.

bundesliga.de: Viele Topteams in Europa haben stark aufgerüstet, trotzdem reden alle von den Super-Bayern, die für viele Experten der Favorit auf den erneuten Gewinn der Champions League sind. Teilen Sie diese Meinung?

Lopez: Der FC Bayern fasziniert mich. Besonders die Entwicklung der letzten Jahre. Das Projekt begann mit Louis van Gaal, dann verbesserte Jupp Heynckes die Mannschaft und unter Guardiola soll die Qualität noch einmal steigen. Bayern ist momentan die Referenz in Europa. Sie sind sehr abwehrstark und Manuel Neuer bleibt oft ohne Gegentor. Vorne spielen sie mit einem Höllentempo, aber auch der Kollektivgedanke ist sehr ausgeprägt. Für meinen Geschmack ist es das beste Team Europas, ganz gleich ob sie gewinnen oder verlieren. Seit dem AC Mailand von Arrigo Sacchi hat niemand den Landesmeisterpokal zweimal hintereinander gewonnen, einfach wird es also nicht. Es lohnt sich aber, den FC Bayern zu studieren - man kann sehr viel von ihm lernen.

bundesliga.de: Einige Kritiker sehen Guardiola nicht als Weltklassetrainer, er habe davor ja nur den FC Barcelona trainiert. Sie kennen seine Arbeitsmethoden ganz genau. Wie stehen Sie zu solchen Kommentaren?

Lopez: Man darf den Fehler nicht machen, Guardiola nur als Trainer anzusehen. Guardiola ist ein Verrückter des Fußballs. Er studiert alle Bereiche des Spiels, sein Talent, eine Mannschaft zu führen, ist enorm. Man kann sich stundenlang mit ihm über Fußball unterhalten. Er gehört zu den Figuren, die über den Resultaten stehen. Das ist keine Übertreibung. Er hat sich sein Leben lang darauf vorbereitet, den FC Barcelona zu trainieren und mit dem Club die ersehnten Europapokalerfolge zu feiern. Er wollte aus Barcelona ein Siegerteam formen - das ging nur mit seiner riesigen Leidenschaft für den Fußball. Aber auch für Guardiola ist es jetzt eine große Prüfung: Ein neues Land, eine neue Kultur, andere Spieler, ein anderer Stil - alles ist anders. Wenn er Bayern zu weiteren Triumphen führt, werden alle sagen, er sei der beste Trainer der Geschichte. Aber das ist Guardiola egal. Fußball ist für ihn Leidenschaft . Guardiola muss man immer zuhören.

bundesliga.de: Was sagen Sie eigentlich zu Klopp? Er hat sich ja auch in Spanien unter anderem durch die vier Spiele gegen Real Madrid einen Namen gemacht. Könnten Sie sich vorstellen, dass er irgendwann auch mal in Spanien trainiert?

Lopez: Klopp kann jedes Team trainieren, dass er möchte. Er hat tolle Ansätze und einen Stil. Er mag einen überfallartigen Angriffsfußball. Guardiola dominiert das Spiel gerne, Klopp hingegen mag die Reaktion. Guardiolas Mannschaften machen Ansagen, Klopps Teams antworten
darauf - ein leidenschaftliches Duell. Klopp hat gegen Jose Mourinho in taktischer Hinsicht ganz klar gewonnen. Der BVB hat einen Stil und eine Identität, er motiviert sein Team auf ganz starke Weise. Er rotiert weniger als andere Trainer, arbeitet mit einer Basis von 15 bis 16 Spielern. Dem breiten Publikum in Spanien ist er erst seit kurzem bekannt, wir Experten verfolgen seinen Weg seit dem ersten Tag. Ich habe vor einigen Jahren ein Freundschaftsspiel zwischen dem BVB und dem FC Valencia im Signal Iduna Park für das spanische Fernsehen kommentiert. Damals sagte ich schon, dass Dortmund mit Klopp eine Wiedergeburt erleben würde. So war es auch. Er hat enormes Talent, Charisma - er ist eine Persönlichkeit. Und er erreicht seine Spieler.

Das Gespräch führte Miguel Gutierrez
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