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02.08.2013 - 09:14 Uhr


Elgert: "Es entscheidet die mentale Härte"

Er dirigiert seit fast 20 Jahren die Schalker Jugend: U-19-Trainer Norbert Elgert

Das U-19-Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft haben die Schalker verloren, aber das Rückspiel in der Schalker Arena war für die Youngster ein Riesenerlebnis

Elgert holte 2010 mit seinen Jungs aus der "Knappenschmiede" die A-Junioren-Meisterschaft. Mit dabei war beispielsweise Sead Kolasinac

"Talent ist die Grundvoraussetzung. Damit öffnet man die Tür. Mit Einstellung, Persönlichkeit und Charakter kommt man durch die Tür", erklärt Elgert seine Philosophie

"Der Profibereich würde mich schon reizen", sagt Elgert (l.), der als Co-Trainer von Frank Neubarth (r.) 2002/03 bereits die Profis betreute. Hier klatscht er mit Mike Hanke ab

Gelsenkirchen - Höwedes, Özil, Draxler, Kolasinac, Meyer: die "Knappenschmiede", das Leistungszentrum des FC Schalke 04, hat in den vergangenen Jahren viele erfolgreiche Fußballprofis hervorgebracht. Dass der Jugendfußball derzeit immer mehr in den Blickpunkt rückt, hat das U19-Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft zwischen Schalke und dem späteren Titelgewinner VfL Wolfsburg gezeigt. Über 11.000 Zuschauer hatten in der Arena ihren königsblauen Nachwuchs unterstützt.
Für die potenziellen Stars von morgen ein kleiner Vorgeschmack auf das, was künftig auf sie zukommen könnte. Schalkes A-Junioren-Trainer Norbert Elgert spricht mit bundesliga.de über den Austausch mit Jens Keller, Draxlers Perspektive bei S04 - und das, was es neben Talent zum Sprung nach ganz oben braucht: ein gesundes Ego und geistige Klarheit. "Unter höchstem Druck vor 60.000 Zuschauern seinen besten Fußball spielen, dazu der ganze Medienrummel, das kann nicht jeder."

bundesliga.de: Herr Elgert, war das Spiel in der Arena für Ihre junge Mannschaft das absolutes Highlight?

Norbert Elgert: In der Arena auflaufen zu dürfen, wo alle ja später regelmäßig spielen wollen, war schon etwas Besonderes, auch wenn wir im vergangenen Jahr schon vor 14.000 Zuschauern im Finale in Erkenschwick gespielt haben. Zwar hat es diesmal nicht gereicht, dennoch war es ein starker Auftritt von uns. Die Zuschauer hatten ein gutes Gespür für das, was die Mannschaft an diesem Tag und über diein der gesamten Saison geleistet hat.

bundesliga.de: Großen Anteil daran hatte ein Spieler, der bereits bei den Profis Champions-League-Luft geschnuppert hat. Was zeichnet Max Meyer aus?

Elgert: Max hat eine herausragende Technik, ist beidfüßig und kann unter Druck blitzschnell reagieren. Er hat eine sehr hohe Spielintelligenz und kann Situationen gut lösen. Zudem hat er eine ausgeprägte Teamfähigkeit, auf die wir in der Ausbildung viel Wert legen. Auch wenn er schon Champions League gespielt hat und regelmäßig bei den Profis trainiert, wollte er, wann immer es möglich war, bei der U19 mitmachen, weil er die Mannschaft liebt und auf hohem Niveau Spielpraxis sammeln wollte. Denn U19-Fußball ist kein Kinderfußball mehr, sondern Seniorenfußball.

bundesliga.de: Auch Kaan Ayhan steht vor dem Sprung zu den Profis. Wie weit ist er schon?

Elgert: Kaan hatte in diesem Jahr die gleiche Rolle wie Sead Kolasinac im Meisterjahr zuvor. Er war ein exzellenter Kapitän mit enormen Führungsqualitäten. Nebenbei hat er noch sein Abitur gemacht. Er war also in allen Bereichen top. Als Abwehrspieler hat er 15 Tore erzielt. Er ist sehr komplett für einen Spieler seiner Altersklasse. Wenn man ihm und Max die nötige Zeit gibt, dann haben sie sehr gute Chancen gute Profis zu werden. Und das möglichst auf Schalke.

bundesliga.de: Stars wie Benedikt Höwedes, Mesut Özil oder Julian Draxler sind durch Ihre Schule gegangen. Konnten Sie deren Entwicklung damals schon voraussehen?

Elgert: Durch die Erfahrung der Jahre hat man natürlich ein gewisses Gespür dafür entwickelt, wer es ganz nach oben schaffen kann. Aber ich gehöre nicht zu denen, die dann sagen "das habe ich schon immer gewusst". Ich bin grundsätzlich vorsichtig mit Prognosen, denn es gehört so viel dazu.

bundesliga.de: Was genau?

Elgert: Talent ist die Grundvoraussetzung. Damit öffnet man die Tür. Mit Einstellung, Persönlichkeit und Charakter kommt man durch die Tür. In einer Zeit, in der alle immer höher, schneller und weiter gehen, braucht man vor allem Geduld und Durchsetzungsvermögen, um sich in allen Altersstufen zu behaupten. Technisch, taktisch und athletisch muss man heute herausragend sein. Letztlich entscheidet die mentale Härte, wie hoch man spielen kann.

bundesliga.de: Warum schaffen es nur die wenigsten?

Elgert: Unter höchstem Druck vor 60.000 Zuschauern seinen besten Fußball spielen, dazu der ganze Medienrummel, das kann nicht jeder. Spieler wie Höwedes, Draxler oder Özil können das. Dafür braucht es ein gesundes Ego und Teamfähigkeit. Das Spiel ist immer schneller und athletischer geworden. Wir bereiten die Spieler gezielt darauf vor. Sonst hätte es auch Draxler nicht mit 17 Jahren geschafft, bei Felix Magath das Zirkeltraining locker mitzumachen.

bundesliga.de: Die Ausrichtung geht also dahin, die Spieler immer früher auf den Sprung nach oben vorzubereiten?

Elgert: Wir leben in einer Hochgeschwindigkeitswelt. Ich will die Spieler nicht bremsen, aber sie werden immer schneller in die Umlaufbahn geschossen. Genauso schnell kann man da auch wieder rausfliegen. Ich appelliere daher, dass man den Spielern - nicht nur auf Schalke - alle Zeit der Welt gibt. Schließlich wollen wir stabile Profis haben. Ich denke, je länger die Spieler bei mir sind, desto größer ist die Chance, dass sie später stabil auf höchstem Niveau spielen.

bundesliga.de: Viele Jugendliche werden bereits von europäischen Top-Clubs umworben. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Elgert: Man kann sie nicht komplett vor diesem Hype schützen. Wir versuchen allerdings, Ihnen klarzumachen, dass ihr Fußballtalent nicht höher einzuschätzen ist, als das Talent eines Handwerkers oder Ingenieurs. Sie sollen sich eine gewisse Demut erhalten. Das kommt bei den Spielern sehr gut an. Übrigens macht ja auch niemand einen Fehler, wenn er längere Zeit auf Schalke bleibt, weil Schalke selbst ein Topclub ist. Wenn Draxler aber zum Beispiel irgendwann mal eine andere Herausforderung sucht, hätte ich dafür Verständnis. Aber er braucht sich nicht zu beeilen.

bundesliga.de: Wie ist der Austausch mit Jens Keller?

Elgert: Wir tauschen uns regelmäßig und konstruktiv aus, oft auch über den Sportlichen Leiter Oliver Ruhnert. Jens Keller interessiert sich sehr für die Jugendmannschaften.

bundesliga.de: Orientieren sich die Jugendteams taktisch an der Profimannschaft?

Elgert: Wir haben auf Schalke natürlich die gleiche Fußball-Philosophie und sind uns über die Grundausrichtung einig. Alle legen großen Wert auf Gegenpressing bei Ballverlust, Umschaltverhalten und Vertikalspiel. Über all diese Dinge unterhalten wir uns. Anregungen nehme ich gerne entgegen und übernehme Spielformen des Profitrainings in mein Programm. Wie ich meine Mannschaft letztlich spielen lasse, entscheide ich allerdings selbst!

bundesliga.de: Was schätzen Sie an Ihrem Job?

Elgert: Fußball zu lehren macht mir unheimlich viel Freude, weil ich den Fußball liebe. Jungen Menschen dabei zu helfen, Ihre Ziele zu erreichen, sie auf den Profifußball und das Leben vorzubereiten, ist sehr erfüllend und macht viel Spaß. Man bekommt auch sehr viel zurück.

bundesliga.de: Wie sehr sind Sie in Ihrer Funktion auch als Pädagoge und Psychologe gefordert?

Elgert: Jeder gute Trainer muss ein guter Pädagoge sein und sich mit individueller und Mannschaftspsychologie befassen. Er sollte eine Menge Einfühlungsvermögen mitbringen, um auf jeden Spieler einzugehen. Die Jungs müssen lernen, Schwierigkeiten zu überwinden, um daran zu wachsen. Wenn alles immer super leicht war, weiß man ja nicht, wie man in schwierigen Situationen reagieren soll. Darauf bereite ich die Spieler vor. Meinem Mentor, Motivationstrainer Nikolaus B. Enkelmann aus Königstein, habe ich in dieser Hinsicht sehr viel zu verdanken.

bundesliga.de: Ihr Vertrag läuft noch zwei Jahre. Sie wären dann fast 20 Jahre als Ausbilder tätig. Möchten Sie sich danach nochmal verändern?

Elgert: Es gibt verschiedene Überlegungen und Pläne, die gerade reifen. Der Profibereich würde mich schon reizen.

Das Gespräch führte Markus Hoffmann


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