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29.12.2013 - 19:25 Uhr


Das Gedächtnis der Eintracht

Matthias Thoma ist seit 2007 Leiter des Museums von Eintracht Frankfurt

Das Museum veranstaltet häufig Vorträge mit ehemaligen Spielern oder zu vereinshistorischen Gegenständen

Frankfurt/Main - Ein lebendiges Geschichtsbuch hat nicht jeder Verein. Eintracht Frankfurt schon: Matthias "Matze" Thoma ist der Leiter des Museums der Hessen und weiß fast alles über seinen Herzensverein. Im Interview mit bundesliga.de erzählt er von seiner Leidenschaft, besonderen Ausstellungsstücken und der Entwicklung des Museums zur Kultstätte.

bundesliga.de: Herr Thoma, Sie gelten als das Gedächtnis von Eintracht Frankfurt. Wann wurde Ihr Interesse an der SGE geweckt?

Matthias Thoma: Mein erstes Spiel war 1983 gegen Werder Bremen. Wir verloren 0:1, aber diese Massenveranstaltung, diese Atmosphäre und diese Emotionen haben mich begeistert. Von da an wollte ich immer wieder ins Stadion gehen. In meiner Klasse gab es unheimlich viele Bayern-Fans, für mich war ab diesem Zeitpunkt aber klar, dass ich nur noch Fan von Eintracht Frankfurt sein kann.

bundesliga.de: Zu der Zeit waren Sie noch ein kleiner Junge und konnten noch nicht alleine ins Stadion, oder?

Thoma: Ja, ich musste meinen Vater überreden, dass er mit mir hingeht. In den G-Block zu den treuesten Fans durfte ich natürlich auch nicht und ich bin nur mal für 20 Minuten über den Zaun geklettert. Rotz und Wasser geheult habe ich 1988, als ich nicht zum Pokalfinale nach Berlin fahren durfte. Damals habe ich noch gedacht, dass ich beim nächsten Titelgewinn dabei bin und hätte nie geglaubt, dass ich dafür so lange warten muss.

bundesliga.de: Inzwischen wissen Sie alles über Eintracht Frankfurt ...

Thoma: Das stimmt nicht ganz. Es gibt eine Sache, die wir bis heute nicht rausgefunden haben: Den Torschützen der Eintracht beim 1:4 gegen den 1. FC Nürnberg 1945. Ein Ligaspiel von dem es kaum Informationen gibt. Da fehlt der Torschütze bis heute.

bundesliga.de: Von dieser Ausnahme abgesehen sind Sie bestens informiert und Geschäftsführer des Museums von Eintracht Frankfurt geworden. Ein Traumjob für jeden Fan. Wie ist es dazu gekommen?

Thoma: In den 90ern habe ich angefangen, für das Eintracht-Magazin "Fan geht vor" zu schreiben. Da ich historisch sehr interessiert bin, habe ich die nostalgischen Themen übernommen. Alte Spielberichte und kleine Geschichten. Zum 100. Geburtstag hat die Eintracht dann ein Archiv am Riederwald eingerichtet. Das war ein sehr kleiner Raum, in dem wir alle Pokale und viele historische Dinge gesammelt haben.

bundesliga.de: Und wie kam es dann zu einem richtigen Museum?

Thoma: Das entwickelte sich 2004 zum 45-jährigen Jubiläum der ersten und einzigen deutschen Meisterschaft von Eintracht Frankfurt. Die Übergabe einer Replik der Meisterschale an unsere Helden von 1959 im Römer war so ein großer Erfolg, dass die Pflege der Vereinshistorie als bedeutend erkannt wurde. Nachdem das neue Stadion 2005 fertig war, haben wir die Chance genutzt und nach der Weltmeisterschaft Räumlichkeiten in der Arena übernommen und bis 2007 umgebaut. Inzwischen ist unser Museum dort eine feste Instanz. 

bundesliga.de: Sie haben viele Utensilien gesammelt. An welche Dinge kommen Sie besonders schwer ran?

Thoma: Alles aus der Vorkriegszeit ist schwierig zu bekommen. Viele Aufzeichnungen sind verloren gegangen oder gar nicht erst archiviert worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir inzwischen eine gute Dokumentation. Da ist viel Material vorhanden.

bundesliga.de: Aus welchen Quellen erhalten Sie denn die Ausstellungsstücke?

Thoma: Ich halte immer die Augen offen und die Klassiker sind, wenn ein Dachboden aufgeräumt wird und Stücke zum Vorschein kommen, die schon fast in Vergessenheit geraten sind. Mit vielen privaten Sammlern gibt es eine gute Zusammenarbeit.

bundesliga.de: Sicherlich gehört oft auch Glück dazu, besondere Sammlerstücke zu erhalten?

Thoma: Da gibt es einige Geschichten. Ein Beispiel ist die Weinflasche von dem Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932. Die Eintracht verlor mit 0:2 gegen den FC Bayern München. Das war deren erste Meisterschaft. Ein paar Wochen davor haben wir die Bayern noch im Finale um die süddeutsche Meisterschaft besiegt. Jedenfalls gab es für die Frankfurter eine Weinflasche und die stand in einer Wohnung gefüllt mit Kleingeld rum. Gott sei Dank hat die Besitzerin gemerkt, dass es eine besondere Flasche ist und sie nicht einfach weggeschmissen.

bundesliga.de: Inzwischen ist eine Vielzahl von Ausstellungsstücken dazu gekommen. Wie hat sich denn das Eintracht-Museum generell entwickelt?

Thoma: Wir sind ein fester Bestandteil des Vereins geworden. Wir bieten hier regelmäßig Veranstaltungen zu verschiedenen Themen rund um den Verein an. Ehemalige erzählen von besonderen Spielen, wir feiern Jubiläen und veranstalten Kindergeburtstage. Und das ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Wir sind auch für viele ausländische Fans ein Ort, an dem die Geschichte des Vereins erlebt werden kann. Auch das öffentliche Interesse wird immer größer und wir beantworten viele Medienanfragen oder stellen Verbindungen zu ehemaligen Spielern her.

bundesliga.de: Und wie sehen Sie die Entwicklung der Wahrnehmung für die Geschichte des Fußballs insgesamt?

Thoma: Inzwischen gibt es ein Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen Vereinsgeschichte. Tradition ist heute ein wichtiges Element, auch bei der Vermarktung der Vereine. Dabei geht es in erster Linie um das bewahren und vermitteln der Historie. Geschichten wecken Emotionen, die an den Verein binden. Diese Pflege der Fußballkultur begeistert mich, auch wenn ich dafür auf das ein oder andere Spiel der Eintracht inzwischen verzichten muss.

 

Das Gespräch führte Alexander Dionisius

 

Hier geht es zur Homepage des Eintracht-Museums

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