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19.02.2014 - 16:32 Uhr


Zorc: "Sind noch längst nicht am Ende angekommen"

Michael Zorc ist schon seit Juli 1998 Sportdirektor von Borussia Dortmund (© Imago)

Als Spieler hat der heute 51-Jährige insgesamt 463 Bundesliga-Spiele für den BVB absolviert und dabei 131 Tore geschossen (© Imago)

Väter des Erfolgs: Seit der Verpflichtung von Trainer Jürgen Klopp (r.) im Sommer gewannen die Schwarz-Gelben zwei Mal die Meisterschale, den DFB-Pokal und standen im Champions-League-Finale

Dortmund - Noch im Dezember sahen nicht wenige Borussia Dortmund in einem echten Tief. Eine Winterpause und fünf Spiele später steht der BVB im Halbfinale des DFB-Pokals und hat sich in der Liga bis auf einen Punkt an den Tabellenzweiten Bayer Leverkusen herangearbeitet. Und noch eine positive Meldung gab es vom BVB: Sportdirektor Michael Zorc verlängert bis 2019.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Zorc über den Umgang mit der vermeintlichen Krise und lässt seine außergewöhnliche Karriere in schwarz-gelb Revue passieren.

bundesliga.de: Herr Zorc, gerade noch wollte man dem BVB eine Krise einreden - und nur wenig später steht die Elf im Halbfinale des DFB-Pokals und hat sich auch in der Liga wieder sehr gut positioniert. Gab es intern überhaupt so etwas wie Krisenstimmung?

Michael Zorc: Der Dezember ist bis auf das Champions-League-Spiel in Marseille ohne Frage nicht besonders glücklich für uns gelaufen. Es fehlten die Ergebnisse in der Liga und es gab neue Verletzungen. All das haben wir ausführlich analysiert, und ich glaube, dass uns die Pause gut getan hat nach einem sehr intensiven Jahr 2013 mit Spielen beinahe durchgängig im Drei-Tage-Rhythmus. In der Vorbereitung hat der Trainer an einigen Stellschrauben gedreht, etwa beim Spiel gegen den Ball, und die Mannschaft setzt das zunehmend um. Um aber exakt auf Ihre Frage zu antworten: Eine Krise haben wohl eher einige Teile der Medien sehen wollen. Bei uns dagegen war von Krise gewiss keine Rede. Entscheidend ist ohnehin, dass wir selbst vernünftig damit umgehen.

bundesliga.de: Wie geht man aber mit einer Situation um, in der man sich für die Rückrunde viel vorgenommen hat, schon im Trainingslager aber erneut Ausfälle hinnehmen muss?

Zorc: Das soll gewiss nicht als Jammern verstanden werden - aber ich glaube, dass wir durchaus darauf verweisen dürfen, dass wir im vergangenen Jahr unter einer Ballung gerade auch an schweren Verletzungen zu leiden hatten. Ich mache den Job schon einige Zeit und habe zuvor wie Sie wissen auch ein paar Jahre selbst gespielt, aber in dieser Häufung habe ich Verletzungspech noch nicht erlebt. Dennoch benutzen wir die Situation nicht als Alibi, sondern nehmen sie als Ansporn. Und wir bekommen das ganz gut hin. Wenn man etwa bedenkt, dass beim DFB-Pokal-Viertelfinale in Frankfurt sechs Spieler gefehlt haben, die in der Startelf von Wembley (Champions League-Finale 2013 gegen den FC Bayern München; Anm. d. Red.) standen, ist das eklatant. Und dennoch hat die Mannschaft in Frankfurt ein Klasse-Spiel gezeigt.

bundesliga.de: Taugt das Verletzungspech wenigstens als Beweis dafür, dass diese Mannschaft immer noch brennt und stets alles abruft oder führt diese Interpretation zu weit?

Zorc: Auch völlig unabhängig von der Verletzungsproblematik habe ich bei unserer Mannschaft noch nie ein Einstellungs- oder Mentalitätsproblem erkennen können. Dieses Team hat eine hervorragende Mentalität.

bundesliga.de: Sie haben den Drei-Tage-Rhythmus bereits angesprochen: Wird Ihnen angesichts der nach wie vor fehlenden Spieler und der kommenden englischen Wochen ein wenig mulmig?

Zorc: Nein. Zum einen bauen wir darauf, dass der eine oder andere schon bald zurückkehrt. Bei Lars Bender und Marco Reus haben wir es zum Glück mit Verletzungen zu tun, die nur kurzfristiger Natur sind. Auch bei Mats Hummels hoffen wir auf seine baldige Rückkehr. Dass Jakub Błaszczykowski und Neven Subotic diese Saison nicht mehr spielen werden - das wissen wir und haben wir abgehakt. Ein Spezialfall wiederum ist Ilkay Gündogan. Aber ich bin überzeugt, dass wir die anstehenden Aufgaben mit dem aktuellen Kader durchaus bewältigen können.

bundesliga.de: "Spezialfall" - das gilt bei Gündogan nicht nur in Bezug auf seine körperliche Verfassung, sondern auch in Hinblick auf seine Vertragssituation...

Zorc: Es gibt keinen neuen Stand. Ilkay hat gerade ein Interview gegeben, in dem er sehr detailliert seine Gemütsfassung während der langen Verletzungsphase schildert. Dem ist Rechnung zu tragen. Wir wissen, dass wir sein erster Ansprechpartner sind, möchten aber keine Diskussion über seine Zukunft in den Medien führen.

bundesliga.de: Ihre eigene Vertragsverlängerung bis Ende Juni 2019 ist perfekt. Insgesamt 33 Jahre Borussia Dortmund...

Zorc: Da merke ich sofort wieder wie alt ich bin. Mussten Sie das erwähnen (lacht)?!

bundesliga.de: ...die man Ihnen aber selbstverständlich nicht ansieht, und die Sie vor allem auch ehren in einer Zeit, in der manch einer jedes Jahr den Verein wechselt.

Zorc: Das ist doch mal ein Wort! Endlich mal etwas Nettes von einem Journalisten (lacht)!

bundesliga.de: Hat Sie das Ausland nie gereizt?

Zorc: Selbstverständlich hat man gerade als Spieler darüber mal nachgedacht. Je intensiver ich mich aber damit beschäftigt habe, desto mehr hat sich meine Meinung verfestigt, dass der BVB mein Verein ist und dass ich hier am richtigen Ort bin.  Dasselbe gilt auch für meine jetzige Funktion. Gerade zur Zeit macht mir die Arbeit wieder ganz besonders viel Spaß, nicht zuletzt weil ich in Bezug auf die handelnden Personen das Gefühl habe, das passt einfach. Und ich spüre, dass wir längst noch nicht am Ende unseres Weges angekommen sind.

bundesliga.de: Sie waren als Spieler Meister, Champions-League- und Weltpokal-Sieger, als Sportdirektor Meister, Pokalsieger und UEFA-Pokal- sowie Champions-League-Finalist. Ist eine solche Aufgabe nicht irgendwann auch erfüllt?

Zorc: Dieser Zeitpunkt wird sicherlich irgendwann kommen, da haben Sie völlig Recht. Und man sollte mit Bedacht darauf schauen, wann das der Fall ist. Aktuell aber sehe ich uns noch lange nicht in einer Sackgasse angekommen. Im Gegenteil: Wir haben vor, mit dem BVB noch einiges zu bewegen. 2011 und 2012 haben wir die Meisterschaft gewonnen, haben das Double geholt und standen gerade erst im Finale von Wembley. Jetzt sehe ich es als unsere Aufgabe an, den BVB nachhaltig und langfristig in der deutschen Spitze und möglichst auch in der Champions League zu etablieren. Das ist eine große Aufgabe, die wir in den kommenden Jahren erfüllen möchten.

bundesliga.de: In dieser Saison der Pokal-Sieg, der 2. oder 3. Platz in der Liga und das Viertel- oder Halbfinale in der Champions League - wären das weitere Schritte auf dem Weg zu der gewünschten Nachhaltigkeit?

Zorc: Eine gelungene Saison sieht für mich so aus, dass wir uns auf jeden Fall direkt für die Champions League qualifizieren. Und wenn es irgendwie geht, wollen wir Zweiter werden, das ist durchaus unser Anspruch. Was die Champions League betrifft: Da nützt es nichts, wenn man sich zu früh an irgendwelchen ganz großen Zielen orientiert. Unsere Aufgabe heißt jetzt erst einmal Sankt Petersburg. Und selbstverständlich wollen wir nach Berlin. Dafür aber heißt es zunächst einmal den wiedererstarkten VfL Wolfsburg zu schlagen.

bundesliga.de: Wenn Sie zurückblicken, was war der schönste Moment, was der Tiefpunkt in Ihrer Zeit beim BVB?

Zorc: Titel sind natürlich immer die Höhepunkte! Wobei man das als Spieler noch unmittelbarer, ausgelassener, ja intensiver erlebt. In meiner jetzigen Funktion nimmt man solche Erfolge mit Genugtuung und auch mit ein wenig Stolz wahr. Dabei aber muss man auf das Ausmaß aufpassen: Zu viel Stolz schadet nur, weil er schläfrig macht!

bundesliga.de: Und der Tiefpunkt?

Zorc: Tiefpunkte sind immer schmerzvolle Niederlagen und in der aktiven Zeit selbstverständlich auch langwierige Verletzungen. In meiner aktuellen Funktion war die tiefgreifende und für den BVB existenzbedrohende Krise 2005 selbstverständlich der absolute Tiefpunkt. Umso schöner ist die Zeit, die wir jetzt gemeinsam erleben dürfen!

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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