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25.12.2012 - 18:00 Uhr


Spurensuche Bökelberg: Die Legende lebt weiter

Wo einst auf dem Rasen Geschichte geschrieben wurde, stehen heute Wohnhäuser

Das Bökelbergstadion im August 1996: 34.500 Zuschauer hatten Platz

Herbert Laumen im Borussia-Park mit einem Modell des Bökelbergstadions

Seitfallzieher waren auch früher schon en vogue: Herbert Laumen im Juli 1966

Die jungen Fohlen vom Bökelberg 1967: Werner Waddey, Herbert Wimmer, Herbert Laumen, Günter Netzer und Klaus Ackermann (v.l.)

Cola-Dose mit Bedeutung: Beim 7:1 gegen Inter Mailand 1971 traf sie Inters Roberto Boninsegna

Abriss des Bökelbergstadions im Januar 2006

Mönchengladbach - Wo sich die frühere Bundesliga-Kultstätte befand, lässt sich nur noch erahnen. Lediglich einige erhaltene Rasenhänge und Stufen der alten Tribünenwälle erinnern noch an den berühmten "Bökelberg". Wo einst Günter Netzer, Jupp Heynckes, Berti Vogts und Herbert Laumen den Mythos der Gladbacher "Fohlenelf" begründeten, befindet sich heute ein schmuckes Wohngebiet. Am 22. Mai 2004 fand in dem alt-ehrwürdigen "Fußballtempel" das letzte Bundesligaspiel statt. Zwei Jahre später beendeten die Abrissbagger eine rund 85-jährige Ära. Geblieben sind die Erinnerungen an goldene 70er Jahre, Pfostenbruch, Büchsenwurf und zweistellige Ergebnisse.
Als hätte sie sich standhaft gegen den Abriss wehren wollen, waren im März 2006 zwei Versuche nötig, um die alte Haupttribüne des Bökelbergs zu sprengen. Ein Anblick, der Herbert Laumen seinerzeit schlagartig die alten Bilder wieder ins Gedächtnis rief. "Es war ein trauriger Moment, in dem ich an die Übergabe der Meisterschale 1970 gedacht habe", erinnert sich der ehemalige Torjäger der Borussia. Beim Treffen mit bundesliga.de in einer Loge des Borussia-Parks, dem "Bökelberg-Nachfolger", denkt der 69-Jährige wehmütig an den Ort seiner größten Erfolge zurück.

Naturstadion in Kiesgrube



Nach einer Modernisierung 1962 erhielt das 32.000 Zuschauer fassende Gladbacher Stadion den Namen "Stadion am Bökelberg". 1919 hatte der Verein sein erstes eigenes Stadion eingeweiht, eine von steilen Hängen, die als Steh-Tribünen dienten, umgebene Kiesgrube am Bökelberg. Ein Naturstadion, das ab 1920 den Namen "Westdeutsches Stadion" trug und 40.000 Besuchern Platz bot. Im Volksmund wurde es nur kurz "dä Kull" genannt. Bis in die 60er Jahre.

"Der Name Bökelberg ist für mich untrennbar mit den Erfolgen der Fohlen-Elf, vor allem in den 70er Jahren verbunden", sagt Laumen, der Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre selbst maßgeblichen Anteil am Beginn der Gladbacher Erfolgsstory hatte. Gemeinsam mit Günter Netzer und Jupp Heynckes schaffte er 1965 unter Trainer Hennes Weisweiler den Aufstieg in die Bundesliga. 1970 und 1971 feierte er mit den "Fohlen" die Deutsche Meisterschaft.

Bereits als kleiner Knirps, wie er sagt, hatte ihn das Stadion auf dem Bökelberg in seinen Bann gezogen. "Mit acht Jahren bin ich zu Fuß zum Bökelberg gelaufen, in der Hoffnung, dass mich ein netter Onkel mit zum Spiel hinein nimmt."

"Fußball war damals alles für mich", sagt Laumen, der mit neun Jahren erstmals die Schuhe für "seine" Borussia schnürte, während Netzer, Heynckes und Co. bei anderen Gladbacher Vereinen mit dem Fußball begannen.

Legendäre Spiele und Momente



Gut erinnert er sich an die Naturtribünen in "dä Kull", die bei Regen matschig wurden und schon mal eine "Menschenlawine" auslösen konnten. Die Stimmung war von jeher besonders. "Das Stadion war eng und steil, die Fans laut und leidenschaftlich und ganz nah dran". Viele legendäre Spiele - wie 1967 das 11:0 gegen Schalke, bei dem der Schalker Friedel Rausch, so Laumen, mit den Worten "hört bitte damit auf" um Gnade flehte - und Kuriositäten hat der ehrwürdige Bökelberg gesehen. Für eine davon war Laumen höchstpersönlich verantwortlich.

"Ich erinnere mich, dass ich eine Flanke mit dem Kopf verpasst habe, mit vollem Schwung ins Tor gefallen bin und wie ein Fisch im Netz hing. Dabei ist der Pfosten abgeknickt." So geschehen am 3. April 1971 im Spiel gegen Bremen, das schließlich am grünen Tisch für Werder gewertet wurde. Am Ende der Saison sicherte sich Gladbach dennoch die Meisterschaft. Erstmals hatte damit eine Mannschaft ihren Titel in der Bundesliga verteidigt. Laumen, der sich in der ewigen Bundesliga-Torjägerliste mit 121 Treffern in 267 Partien gemeinsam mit Miroslav Klose und Lothar Matthäus Platz 27 teilt, erzielte in dieser Spielzeit 20 Tore.

Büchsenwurf und Schauspielerei



Danach hieß es Abschied nehmen. Laumen wechselte zu Werder Bremen und verpasste somit die weiteren Erfolge der Gladbacher in Meisterschaft und UEFA-Pokal. Nicht allerdings den berühmten "Büchsenwurf". Das 7:1 gegen Inter Mailand 1971 war Borussias bestes Europapokal-Spiel aller Zeiten. Unglücklicherweise war der grandiose Sieg am Ende wertlos. Der "Bremer" Laumen verfolgte die Partie auf Einladung von Hennes Weisweiler im Stadion am Bökelberg und wurde so Zeuge der "Schauspieleinlage" von Roberto Boninsegna, der sich - offenbar von einer Cola-Dose getroffen - "schwer verletzt" vom Platz tragen ließ. Das Rückspiel verlor Gladbach 2:4, das Hinspiel wurde annulliert, das Wiederholungsspiel in Berlin endete 0:0, Gladbach war ausgeschieden. 41 Jahre später (2012) ist die Büchse aus Arnheim (der holländische Schiedsrichter hatte sie damals mitgenommen) nach Gladbach zurückgekehrt und befindet sich in einer Vitrine im Raum "Büchsenwurf" der Gladbacher Stadion-Sportsbar.

Stimmung am Bökelberg vermisst



Den Wechsel zu Werder Bremen bezeichnet Laumen rückblickend sportlich als Fehler. Finanziell habe er sich indes ausgezahlt. Als unbezahlbar stellte sich jedoch die Atmosphäre am Bökelberg heraus, die Laumen fortan schmerzlich vermisste. "Die Stimmung in Bremen war mit der in Gladbach nicht zu vergleichen".

Der Bökelberg, auf dem ab 1977 Gladbachs berühmtester Fan "Manolo" mit seiner Trommel für den richtigen Takt sorgte, erlebte im Laufe der Jahre noch einige Highlights wie das Uefa-Cup-Finale 1980 gegen Frankfurt, die DFB-Pokal-Halbfinals 1984, 1992 und 1995, den Abstieg 1999 und die Rückkehr in die Bundesliga 2001. Allerdings war der Fußball-Tempel in der Zwischenzeit in die Jahre gekommen und schließlich nicht mehr zeitgemäß. Während im Nordpark die neue Arena fertiggestellt wurde, schoss Arie van Lent beim 3:1-Sieg gegen 1860 München 2004 das letzte Bundesliga-Tor für die Borussia.

Abschied und Neubeginn



Danach zog die "Elf vom Niederrhein" für den Beginn einer neuen Ära in den modernen Borussia-Park um. Der Bökelberg war dem Abriss geweiht. Für viele Borussen-Fans immer noch ein trauriger Umstand. "Es ist schade, dass man vom alten Bökelberg nichts mehr sieht. Auf der anderen Seite haben wir nun ein fantastisches Stadion, in dem ich auch gerne noch gespielt hätte", sagt Laumen, während er in das weite Rund der modernen Arena blickt.

Was den Fans bleibt sind die immer währenden Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit der "Fohlenelf", den Mythos und die Legenden, die in der Fußball-Kultstätte am Niederrhein entstanden sind. Dagegen sind auch Abrissbagger machtlos.

Markus Hoffmann


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