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17.01.2013 - 20:57 Uhr


Bescheidenes Genie

In der Öffentlichkeit präsentiert sich der fußballbesessene Perfektionist Pep Guardiola als ruhig und introvertiert

Nach vier Jahren als Cheftrainer des FC Barcelona war der Katalane ausgebrannt, zog mit seiner Familie nach New York und gönnte sich ein Sabbatical

Bei Barca schätzten seine Spieler Guardiola als guten Kommunikator und großen Motivator

München - Selten, eigentlich nie hat eine einzige Meldung die Bundesliga, ja ganz Fußball-Europa so sehr in Aufregung versetzt wie die Pressemitteilung des FC Bayern München am frühen Mittwochabend, wonach Pep Guardiola ab diesem Sommer Chef-Trainer des Rekordmeisters wird.
Seinem ersten Arbeitstag, dem 1. Juli 2013, fiebern seitdem nicht nur die deutschen Fans entgegen, sondern auch die Bayern-Spieler. "Wir können uns darauf freuen", sagte Manuel Neuer am Donnerstag und Kapitän Philipp Lahm ergänzte, dass es "etwas Besonderes" sei, unter dem als ruhig geltenden Spanier zu trainieren. Ein ruhiger Trainer mitten im Medienrummel, der um den FC Bayern München herrscht - geht das gut? Ja, denn Guardiola hat schon in seiner Jugend gezeigt, dass er sich durchsetzen kann.

Schmächtiger Leitwolf



Zwar galt der am 18. Januar 1971 in der Gemeinde Santpedor im zentralen Katalonien geborene Josep Guardiola i Sala, so Pep Guardiolas voller Name, schon damals als introvertiert. Beim Fußballspiel und im Kreise seiner Freunde präsentierte er sich jedoch schon immer ganz anders. "Er ist viel extrovertierter als es bei Pressekonferenzen den Anschein hat", versichert Toni Valverde, ein Freund aus Jugendzeiten, "er ist ein sehr offener Mensch."

In seiner Clique war er der Leitwolf - auf dem Platz der Dirigent: Das dritte von vier Kindern übernahm gerne das Kommando und lenkte das Spiel - Qualitäten, wegen derer er schließlich die Aufmerksamkeit des FC Barcelona auf sich zog. Jorge Naval, ein ehemaliger Schiedsrichter und Scout der Katalanen, entdeckte den damals Elfjährigen, dessen Spielweise er mit der "eines Engels" verglich.

Doch Guardiolas Mutter Dolores stimmte dem Umzug nach La Masia, in Barcas Jugendakademie, nicht zu. Erst zwei Jahre später wechselte der Mittelfeldspieler zu dem Traditionsverein, wo ihn all seine Jugendtrainer zwar stets als schmächtig, unauffällig und schwach, aber auch immer als irgendwie genial charakterisierten. In den Nachwuchsteams glänzte Guardiola als "Pivote", als spielmachender Sechser - eine Position, die der damalige Cheftrainer Johan Cruyff extra für ihn schaffen ließ - mit Führungsqualitäten und Handlungsschnelligkeit kam er unter dem Niederländer im Alter von 19 Jahren zu seinem ersten Einsatz in der Primera Division.

Feste Größe in Cruyffs "Dreamteam"



Seit diesem Tag ging die Karriere des beidfüßig ausgebildeten Strategen bergauf. Das im Alter von 18 Jahren begonnene Jura-Studium gab er bald auf und konzentrierte sich nur noch auf den Fußball. Mit 21 Jahren war er bereits fester Bestandteil des "Dreamteams" um den Dänen Michael Laudrup und den Niederländer Ronald Koeman, das 1992 den Europapokal der Landesmeister und dazu sechs nationale Meisterschaften gewann.

Im Alter von 31 Jahren verließ der Pivote jedoch den FC Barcelona. Über Brescia Calcio ging es zum AS Rom und weiter nach Katar. Seine aktive Karriere beendete der 47-fache spanische Nationalspieler bei Dorados de Sinaloa in Mexiko. Dort besuchte er anschließend die Trainerschule Axopocan.

Über Barcas Zweite an die Weltspitze



Im Jahr 2007 kehrte Guardiola als Coach der zweiten Mannschaft zum Futbol Club Barcelona zurück. Nachdem er die Reserve direkt im ersten Jahr zum Aufstieg führte, löste er zur Saison 2008/09 Frank Rijkaard als Chefcoach ab und hatte Großes vor. In den ersten Trainingseinheiten mit seiner Mannschaft, die aus jungen La-Masia-Talenten und einigen Verstärkungen wie Gerard Pique, Seydou Keita und Aliaksandr Hleb bestand, versprach er, dass sie sämtliche Titel gewännen, wenn sie ihm und seiner Philosophie folgten.

Die Spieler ließen sich auf Guardiola und seine Ideen ein - und waren schließlich nicht mehr zu stoppen. Am Ende seiner ersten Saison als Profi-Trainer hatte Guardiola den FC Barcelona zu insgesamt sechs Titeln geführt, darunter die Meisterschaft und der Champions-League-Titel.

Wert auf Teamwork



"Er war ein junger, guter Trainer, unter dem wir viel erreicht haben", erinnerte sich Hleb im Gespräch mit bundesliga.de an seinen ehemaligen Trainer, den er als "sehr nett" beschreibt. "Er war stets positiv und hat immer versucht, eine gute Atmosphäre in der Mannschaft zu schaffen." Außerdem, so der Weißrusse, der 2003 mit dem VfB Stuttgart deutscher Vizemeister wurde, habe Guardiola in Barcelona "immer betont, dass die Mannschaft zusammenarbeiten muss". Dabei verstehe er sich selbst als einen Teil des Teams, und zwar als "den untersten", wie er selbst sage, da er abhängiger von den Spielern und ihrer Leistung sei als umgekehrt.

Bei ihnen genoss der Perfektionist, der sich zum Videostudium stundenlang mit gedämmtem Licht im Keller einschloss, einen hervorragenden Ruf. Er galt als großer Motivator, der seine Spieler auch "wortlos beeindrucken und anspornen" kann, so sein Musterschüler Xavi.

Ein Mensch wie jeder andere



Dass Guardiola Menschen zu begeistern weiß, hat auch Karl-Heinz Rummenigge schnell gemerkt: "Wenn man mit ihm am Tisch sitzt, dann spürt man nach fünf Minuten, dass das ein super Typ ist, eine unglaubliche Persönlichkeit, die eine unglaubliche Ausstrahlung und Aura hat", meinte Bayerns Vorstandschef.

Dabei macht der Katalane selbst keinerlei Aufhebens um seine Person. "Ich wollte nur meine eigene Geschichte schreiben, meine Arbeit möglichst gut machen, wie jeder andere Mensch auch", sagt der mit 14 Titeln erfolgreichste Trainer der vergangenen vier Jahre fast entschuldigend. Aber so ist Guardiola halt: bescheiden, unauffällig, introvertiert - aber trotzdem genau der Richtige für den FC Bayern.

Gregor Nentwig
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