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03.04.2013 - 21:12 Uhr


Als Hoffnungsträger zurück zu den Wurzeln

Markus Gisdol (l.) betreute zwischen 2009 und 2011 die zweite Mannschaft der TSG und ist mit dem Verein daher sehr gut vertraut

Dass Gisdol (r., mit Julian Draxler) mit jungen Spielern kann, zeigte er schon bei "Königsblau". Auch in Hoffenheim möchte er Talente aus der Jugend in den Lizenzspielerkader befördern

Gisdols (l., mit Ralf Rangnick und Seppo Eichkorn) größter Triumph war der Gewinn des DFB-Pokals mit dem FC Schalke im Jahr 2011

München - Eine Reise zu den eigenen Wurzeln ist oftmals mit Schmerzen und verdrängten Erinnerungen verbunden. Nicht so bei Markus Gisdol. Am Dienstag kehrte der 43 Jahre alte Fußball-Lehrer nach Hoffenheim zurück. Als Nachfolger von Marco Kurz ist Gisdol sofort der Hoffnungsträger bei der abstiegsbedrohten TSG. Und genau dort ist er kein Unbekannter.
Von 2009 bis 2011 trainierte Gisdol die zweite Mannschaft von 1899. Dabei lernte der damalige Profi-Coach Ralf Rangnick die Dienste des Blondschopfs kennen und schätzen. Diese Wertschätzung verhalf Gisdol zum Karrieresprung. Unter Rangnick wurde Gisdol Co-Trainer bei Schalke.

Der "Taktik-Flüsterer"



Rangnick und Gisdol verbindet ein starkes Faible zu taktischer Finesse. Die "Bild"-Zeitung versah Gisdol sogar mit dem Spitznamen "Taktik-Flüsterer", da Rangnick und er sich während der Spiele anhand der Taktiktafel den letzten Feinschliff für ihre Mannschaft überlegten. Auch nach dem Ausscheiden Rangnicks wegen Burn-Outs blieb Gisdol in Gelsenkirchen. Rangnick-Nachfolger Huub Stevens wusste die Dienste seines Assistenten ebenfalls zu schätzen, ehe beide am 16. Dezember 2012 wegen ausbleibenden Erfolges freigestellt wurden.

Dabei war Gisdol selbst in der Verlosung, dem Niederländer als Trainer nachzufolgen. Doch Manager Horst Heldt entschied anders. "Wir wollten jetzt eine klare Hierarchie und das wäre mit ihm nach unserer Meinung nicht möglich gewesen."

In Hoffenheim ist es möglich! Gisdol bekam einen Vertrag bis zum Sommer 2016 und trifft auch noch auf drei Spieler, die er einst in der zweiten Mannschaft der TSG coachte - Jannik Vestergaard, Tobias Jaisle und Keeper Jens Grahl. Doch nicht nur dieses Trio wird die Möglichkeit bekommen, sich unter dem Nachfolger von Marco Kurz anzubieten. "Jeder wird eine neue Chance erhalten, egal wer." Das Fördern von Talenten hat sich Gisdol dabei ebenso auf die Fahnen geschrieben. "In der A- und B-Jugend gibt es einige Talente, die direkt den Sprung in den Lizenzspieler-Kader schaffen können", sagte Gisdol.

TSG-Philosophie in Fleisch und Blut



In seiner eigenen Trainerkarriere musste der neue Coach lange auf seine Chance warten. In Hoffenheim wurde er zuerst angeblich als direkter Nachfolger Ralf Rangnicks übergangen, trotz der Empfehlung seines einstigen Förderers. Er war zu dieser Zeit zudem noch nicht im Besitz der erforderlichen Fußballlehrer-Lizenz.

Die hat er nun längst und ist nach Markus Weinzierl (Augsburg) und Michael Wiesinger (Nürnberg) der dritte Lehrgangsteilnehmer des Jahres 2010, der in Bundesliga als Chefcoach werkt. Im vergangenen Sommer gab es dann Gerüchte um ein Interesse aus Paderborn, im Winter aus Fürth - und Hoffenheim. Ex-Manager Andreas Müller entschied sich aber für den erfahreneren Marco Kurz. Zunächst.

"Ich habe die Philosophie in Hoffenheim in Fleisch und Blut. Deshalb bin ich hier", stellte sich Gisdol am Dienstag bei der Pressekonferenz in Zuzenhausen schon mal selbstbewusst vor. Kein Wunder: Im Kraichgau kennt er sich aus und man kennt ihn. In Zukunft soll die TSG wieder für "ehrlichen, guten Fußball stehen", sagte Gisdol. "Große Sprüche sollen der Vergangenheit angehören. Sachen rauszuposaunen, ist nicht Teil unserer Identität."

Der Glaube an den Klassenerhalt lebt



Kurzfristig zählt aber nur das Hier und Jetzt. Der Einstieg könnte dem neuen Übungsleiter dadurch erleichtert werden, dass er Verein und Leute bereits kennt. Gisdol selbst übernimmt dabei auch gleich die Rolle des Hoffnungsträgers. "Wir haben noch eine realistische Chance auf den Klassenerhalt", lässt Gisdol keinen Zweifel am Saisonziel zu. Momentan beträgt der Rückstand auf den Relegationsplatz vier Punkte.

Doch egal, ob Bundesliga oder 2. Bundesliga. Für den Sommer hat Gisdol bereits fixe Pläne. "Wir werden nach der Saison jeden Stein umdrehen." Immer mit dem Ziel, die TSG wieder näher an die eigenen Wurzeln heranzuführen.

Gisdol selbst ist dafür das beste Beispiel. Er ist angekommen als Chefrainer in der Bundesliga. Nach einer langen Reise mit einigen Umwegen. Und gleich ist er der Hoffnungsträger - genau dort, wo seine seine eigenen Wurzeln liegen.

Von Beginn an gehörig unter Druck



Als Spieler kam Markus Gisdol nicht über die Niederungen des baden-württembergischen Amateurfußballs hinaus. Einen ersten Schritt mit 1899 Hoffenheim in genau diese Richtung möchte der neue Trainer mit aller Macht verhindern. Und schon am Freitag geht es für den 43-Jährigen und den Krisenclub schon fast um alles oder nichts. Sieben Spieltage vor Saisonende hält nur ein Sieg gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf die Hoffnungen des Tabellenvorletzten auf den Klassenerhalt am Leben. Gisdol weiß selbst, dass er sich sputen muss.

Dass der neue Mann an der Linie in der wenigen ihm bleibenden Zeit das Hoffenheimer Spiel nicht von Grund auf verändern kann ist klar, dennoch will Gisdol einige Probleme aus der Welt schaffen. Ob es dann im so wichtigen Spiel gegen die Fortuna mit dem Befreiungsschlag klappt, vermag der Coach nicht zu beurteilen. "Es kommt darauf an, wie schnell die Dinge greifen, die wir angehen und wie schnell ich an die Spieler rankomme."

Der gebürtige Geißlinger ist in Hoffenheim ein Hoffnungsträger, tritt jedoch ein schweres Erbe an. Ein Trainerwechsel bedeutet für einen Verein zudem nicht immer die sofortige Trendwende. In Hoffenheim konnte beispielsweise bisher noch keiner der fünf Bundesliga-Trainer sein Premierenspiel gewinnen. Und auch in der gesamten Bundesliga ist die Statistik nicht unbeding rosig: In den letzten sechs Jahren gewannen nur 39 Prozent der insgesamt 46 neu eingestellten Übungsleiter ihre erste Partie mit dem neuen Club, 28 Prozent spielten Remis und 33 Prozent verloren zum Auftakt sogar.

Christoph Gailer
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