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01.01.1970 - 01:00 Uhr


"Wichtig ist die Schnelligkeit im Kopf"

Er kennt sich aus im Jugendbereich: Rainer Zietsch, Leiter des Nürnberger Nachwuchsleistungszentrums

Zietsch (M.) lief als Profi für Stuttgart, Uerdingen und den FCN in der Bundesliga auf (© Imago)

"Die Anforderungen haben sich auf allen Positionen verändert", sagt Zietsch. So ist bei Innenverteidigern eine gute Spieleröffnung gefragt. Mats Hummels (r.) vom BVB ist sicher ein Paradebeispiel dafür

Von einheitlichen Spielsystemen aller Jugendteams, wie es in Barcelonas Jugendakademie "La Masia" (hier Pep Guardiola, r., mit dem Neu-Bayer Thiago) praktiziert wird, hält Zietsch nichts

Für essenziell hält Zietsch die Handlungsschnelligkeit. Diese kann trainiert werden, wenn die Synapsenbildung angeregt wird. Beim Life-Kinetik-Training ist dies der Fall

Nürnberg - Rainer Zietsch leitet das Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Nürnberg. Im Interview mit bundesliga.de erklärt ehemalige Abwehrspieler, wie die Jugend-Fußballer auf die veränderten Anforderungen in der Bundesliga vorbereitet werden.
Zietsch, der für den FCN, Uerdingen und Stuttgart in 265 Bundesliga-Spielen 15 Tore erzielte, spricht über den großen Stellenwert der Handlungsschnelligkeit und veränderte Anforderungen vom Stürmer bis zum Torwart. Er erklärt, warum einheitliche Spielsysteme in allen Jugendteams nicht unbedingt nötig sind, spricht über verwöhnte Jugendliche - und legt dar, warum es die Youngster heute viel schwerer haben als noch vor 20 Jahren.

bundesliga.de: Herr Zietsch, die Cheftrainer der Profivereine können auf immer jüngere Talente zurückgreifen. Woran liegt das?

Rainer Zietsch: Vor allem daran, dass sich die Qualität der Ausbildung in den letzten Jahren stark verbessert hat.

bundesliga.de: Inwiefern?

Zietsch: Das hat viele Gründe. Die Trainer sind im Schnitt besser als vor 20 Jahren, die Ausbildungsschwerpunkte sind andere als noch vor fünf Jahren. Man hat großen Wert auf die Handlungsschnelligkeit gelegt, auf die Aktionsschnelligkeit. Wichtig ist generell die Schnelligkeit im Kopf. Wer eine Situation schnell erfasst und intuitiv richtig reagiert, kann dadurch eventuell kompensieren, dass er die hundert Meter ein paar Zehntel langsamer läuft als der Gegenspieler.

bundesliga.de: Wie lässt sich das trainieren?

Zietsch: Unter anderem, indem die Synapsenbildung im Kopf angeregt wird, zum Beispiel mit Hilfe von Life-Kinetik-Training. Eine gute Übung ist es, mit eingeschränktem Gesichtsfeld, etwa mit einer Maske auf der Nase, kleine Bälle zu fangen.

bundesliga.de: Überhaupt hat sich das Spiel ja stark geändert. Welche Trainingsmethoden sind noch hilfreich?

Zietsch: Das das schnelle Weiterverarbeiten der Bälle ein wichtiger Trainingsinhalt, das Überzahlspiel, aber auch mannschaftstaktische Elemente. Viele Mannschaften attackieren heute bereits weit in der gegnerischen Hälfte konsequent.

bundesliga.de: Weswegen in einem System mit einer Spitze der Angreifer nach Ballverlust zum vordersten Verteidiger wird.

Zietsch: Es reicht eben nicht mehr, gute Qualitäten im Strafraum zu haben, wie sich auch die Anforderungen an andere Positionen deutlich verändert haben. Der Torwart muss fußballerisch gut sein, der Innenverteidiger die Spieleröffnung beherrschen - und zwar am besten mehrere Varianten. Und der eigentliche Spielmacher ist heute auf der Sechs zu Hause.

bundesliga.de: Wie wichtig ist ein einheitliches Spielsystem in allen Jugendmannschaften eines Vereins?

Zietsch: Das klingt immer gut, andererseits ist es natürlich wichtig, dass wir die Jungs umfassend ausbilden, das heißt, sie sollten für alle Spielsysteme taktisch geschult sein. Aber klar ist auch: Spätestens die U23, also die höchste Ausbildungsstufe der Jugend, sollte das gleiche System wie die Herren spielen. Das ist beim 1. FC Nürnberg auch der Fall.

bundesliga.de: Schon im alten Rom wurde auf die Jugend geschimpft, anno 2013 klagen viele Jugendtrainer, ihre Spieler seien verwöhnt. Was sagen Sie dazu?

Zietsch: Kann ich zum Teil nachvollziehen, wobei man als Verein durchaus gegensteuern kann. Ich muss schließlich für einen 17-Jährigen keinen Fahrdienst organisieren, wenn die Bushaltestelle direkt vorm Trainingszentrum ist.

bundesliga.de: Klingt einleuchtend.

Zietsch: Zumal wir überrascht sind, wenn wir feststellen, dass mancher Junge Schwierigkeiten dabei hat. Wir legen frühzeitig Wert auf Selbständigkeit. Eins ist aber auch klar: Die Jugendlichen haben es heute viel, viel schwerer als die Spielergeneration aus den Neunzigern.

bundesliga.de: Wieso?

Zietsch: Früher war der Trainer die Bezugsperson, und zwar die wichtigste. Heute müssen schon 16-Jährige damit umgehen, dass verschiedene andere Akteure - Medien, Eltern, Spielerberater - etwas von ihnen wollen. Wer da seinen Weg konsequent geht, hat höchsten Respekt verdient.

Das Gespräch führte Christoph Ruf


Nachwuchsarbeit im Fokus
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