offizielle Webseite

Liveticker

Bundesliga

23.03.2013 - 17:46 Uhr


"Die Bundesliga hat einen hohen Stellenwert"

Pierre Littbarski versuchte 1993 sein Glück in der japanischen J-League

Zurzeit ist "Litti" (r., neben Diego) Chefscout beim VfL Wolfsburg

Zwei Japaner, die den Sprung in die Bundesliga geschafft haben: Nürnbergs Hiroshi Kiyotake (r.) und Takashi Inui von Eintracht Frankfurt

Makoto Hasebe ist der dienstälteste japanische Profi in der Bundesliga

Wolfsburg - Bei jedem zweiten Bundesligisten steht mittlerweile ein Japaner unter Vertrag. Shinji Kagawa begann bei Borussia Dortmund eine Weltkarriere, Makoto Hasebe wurde mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister und reifte bei den "Wölfen" zum Kapitän der japanischen Nationalmannschaft.
Pierre Littbarski ging 1993 den anderen Weg und ließ seine Karriere im "Land der aufgehenden Sonne" ausklingen. Der Weltmeister von 1990 hat als Spieler und Trainer maßgeblich zur Entwicklung des japanischen Fußballs beigetragen. Die Auswahl des ostasiatischen Landes ist mittlerweile regelmäßig bei der WM dabei.

Im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de erzählt der 52-Jährige vom Stellenwert der Bundesliga in Japan, dem Scouting der Bundesligaclubs in Fernost und warum in der 2. Bundesliga bislang kaum japanische Profis zu finden sind.

bundesliga.de: Herr Littbarski, was sind Schwächen im Spiel der Japaner?

Littbarski: Nun, eine Stärke kann auch gleichzeitig Schwäche sein. Weil sie unheimlich leistungsbewusst leben und alles in Frage stellen, kann eine schlechte Phase, in der sie vielleicht nicht eingesetzt werden, ganz schön am Selbstvertrauen nagen. Das versuchen sie dann durch noch mehr Einsatz im Training wettzumachen. Und wenn der Spieler auch dann nicht weiterkommt, kann es für ihn schon sehr deprimierend sein.

bundesliga.de: In Japan hat ja die englische Premier League einen hohen Stellenwert. So war für Shinji Kagawa Dortmund ja auch das Sprungbrett zu Manchester United. Europäisch hat die Bundesliga in den letzten Jahren sehr aufgeholt. Wie hoch ist der Stellenwert in Japan?

Littbarski: Das hat natürlich mit der Berichterstattung zu tun. Teilweise wurde die Bundesliga übertragen, aber das war wenig im Vergleich zur Premier League, auf die sehr viel Wert gelegt wurde. Und da natürlich besonders auf ManUnited, weil sie auch regelmäßig in der Champions League dabei waren. Das hatte natürlich Einfluss auf die Jugendlichen. Aber wenn ich mir heute die Zeitungen ansehe, dann hat die Bundesliga mittlerweile einen sehr hohen Stellenwert. Man ist überrascht, wie sich die Bundesliga gewandelt hat. Früher wurde von der "jâman damashi" (deutsche Kampfkraft, Anm. d. Red.) geredet. Jetzt wird in der Bundesliga sehr guter Fußball gespielt. Das erkennen die Japaner natürlich auch.

bundesliga.de: Wie ist die Bundesliga in Japan aufgestellt, was das Scouting angeht?

Littbarski: Da ist sie gut aufgestellt. Ich bin sicher, dass die Vereine da schon ein Auge drauf haben, weil ja auch bekannt ist, was die Japaner leisten können. Alles andere wäre auch fahrlässig.

bundesliga.de: Der Südkoreaner Heung-Min Son kam schon als Jugendlicher ins Jugendinternat des Hamburger SV. Würden japanische Eltern so etwas auch mitmachen?

Littbarski: Nein, ich glaube nicht. Die Japaner gehen nicht gern großes Risiko. Die Schulausbildung ist ihnen sehr wichtig. Und man muss die Liga betrachten. Die J-League ist gut, aber nicht so gut, dass man die Ausbildung vernachlässigen würde, um sich allein auf den Fußball zu konzentrieren. Die Japaner denken sehr wirtschaftlich. Und wenn sich Sponsoren zurückziehen, werden auch die Spielergehälter zusammengestrichen. Es gibt nicht mehr so viel zu verdienen wie zu meiner Zeit. Und nur auf das Ausland zu setzen, würden sie nicht machen.

bundesliga.de: Sie haben die J-League angesprochen. Wie ist denn der Stellenwert der Liga?

Littbarski: Der Schnitt dürfte so bei 15.000 Zuschauer liegen. Die Ausnahme bilden die Urawa Red Diamonds. Die sind so etwas wie das Bayern München Japans. Die haben immer 30.000, 40.000 Besucher. Aber insgesamt haben sie den Fußball gut etabliert. Kein Vergleich zu meiner Zeit, als wir acht oder zehn Mannschaften hatten. Sie haben die WM im eigenen Land genutzt und mit der zweiten und dritten Liga einen guten Unterbau geschaffen. Und die Nationalmannschaft ist ja auch regelmäßig bei der WM dabei. Insgesamt ist das spielerische Niveau recht gut.

bundesliga.de: Wie ist die Stimmung in den Stadien im Vergleich zur Bundesliga?

Littbarski: Es sind permanent immer die gleichen Anfeuerungsrufe, nicht so wie bei uns, wo die Leute auch mal spontan reagieren. Meistens sitzen sich die Fans gegenüber und es wird getrommelt. Aber es ist nicht so, dass man auf die Situation reagiert und bei einem harten Foulspiel beispielsweise auch mal aufspringt.

bundesliga.de: Gibt es weitere Unterschiede?

Littbarski: Ja. Schiedsrichterentscheidungen werden akzeptiert. Da wird nicht so viel diskutiert wie in der Bundesliga.

bundesliga.de: Warum spielen nicht auch mehr Japaner in der 2. Bundesliga?

Littbarski: Die Verdienstmöglichkeiten in der J-League dürften eher besser sein als hier in der 2. Bundesliga. Und die 2. Liga ist natürlich kein Zuckerschlecken. Da ist die Zunft der technisch starken Spieler eher rar gesät.

bundesliga.de: In der Hälfte der Bundesliga-Kader steht zumindest ein japanischer Spieler. Würden Sie den anderen Vereinen auch empfehlen, Japaner zu holen?

Littbarski: Man muss sich natürlich klar machen, auf was man sich einlässt. Wie ich ja schon gesagt habe: Wenn man einen Japaner holt, muss man ihn adäquat einsetzen, damit er nicht an sich zweifelt. Das beste Beispiel ist Takashi Inui. Der hat bei Bochum stark angefangen, aber als es dann mal nicht so lief, ist er eine ganze Zeit verschwunden und hat lange gebraucht, wieder Selbstvertrauen zu kriegen und zu der Form zu kommen, die er jetzt in Frankfurt zeigt. Wenn es passt, ist ein japanischer Profi aber immer eine Verstärkung.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews

Verwandte Artikel

Fan-Newsletter

Bundesliga
Service
Partner

© 2014 DFL Deutsche Fußball Liga GmbH