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29.11.2012 - 19:21 Uhr


"Die Bayern müssen noch aufpassen"

Der erfolgreichste Trainer der Liga-Geschichte, Udo Lattek (acht Meistertitel), fiebert dem Spitzenspiel entgegen

Der heute 77-jährige Lattek (r., mit Lothar Matthäus) arbeitete in zwei Amtszeiten als Trainer ingesamt neun Jahre für den FC Bayern, gewann sechs Meistertitel und drei Mal den DFB-Pokal

Letzte Station: Lattek (r.) führte Dortmund in der Spielzeit 1999/2000 in Zusammenarbeit mit Matthias Sammer zum Klassenerhalt, danach war er als TV-Experte tätig

München - Der FC Bayern ist bereits Herbstmeister, bevor das Gipfeltreffen gegen Titelverteidiger Borussia Dortmund am Samstagabend steigt. Das nimmt dem Topspiel, das der BVB in der Liga zuletzt vier Mal für sich entschied, aber kaum etwas von seiner Brisanz.
Auch Udo Lattek fiebert wieder mit, der einst beide Topvereine gecoacht hat. Die Trainerlegende - unter anderem holte er acht Meistertitel mit Bayern München und Borussia Mönchengladbach - warnt im Interview mit bundesliga.de aber davor, den BVB bereits abzuschreiben.

bundesliga.de: Herr Lattek, während die anderen patzen, marschiert Bayern München als Herbstmeister mit großem Vorsprung durch die Bundesliga. Trauen Sie dem Braten schon?

Udo Lattek: Die Herbstmeisterschaft wäre mir relativ wurscht. Ich würde versuchen, so viele Punkte wie möglich zu holen. Es kann immer noch irgend etwas passieren, Verletzungen und dergleichen.

bundesliga.de: Sind Sie dennoch beeindruckt von den Rekord-Bayern?

Lattek: Was ich im letzten halben Jahr von Bayern München gesehen habe, war sehr gut. Die Mannschaft kann auch zwischendurch einmal einen Durchhänger haben. Sie muss das Recht haben, auch einmal ein Spiel zu verlieren, ohne dass gleich die Welt untergeht.

bundesliga.de: Kann am Samstag beim Topspiel schon eine Vorentscheidung im Meisterschaftsrennen fallen? Bei einem Sieg wären die Bayern der Konkurrenz aus Dortmund mit 14 Punkten davon gezogen.

Lattek: Das wäre sicherlich schon ein Riesenpolster. Wenn ich sehe, wer alles auf der Ersatzbank sitzt, muss ich sagen: Die würden gar nicht merken, wenn zwei, drei Spieler ausfallen würden. Die spielen ihren Stiefel in hohem Tempo runter. Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die über so viele Minuten so viele Möglichkeiten hat, Tore zu machen. Die ausgewechselten Spieler verhalten sich auch gut. Es scheint auch im Moment keiner da zu sein, der versucht, eine miese Sache abzuziehen. Wenn eine Mannschaft so spielt wie Bayern München wäre es schade, wenn sie nicht Deutscher Meister werden würde. Ich hänge auch an Dortmund, aber noch ein bisschen mehr an den Bayern. Ich möchte am liebsten Trainer von beiden Mannschaften sein.

bundesliga.de: Macht die Stärke der Bayern in dieser Saison vor allem die Breite des Kaders aus? Im vergangenen Jahr fehlten Trainer Jupp Heynckes in den entscheidenden Momenten die Alternativen.

Lattek: Solche Alternativen hatte ich bei Bayern München nicht. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Wir hatten damals dieses Potenzial nicht kaufen können oder wollen. Heute haben sie die Möglichkeiten. Trotzdem ist es mir noch ein bisschen zu früh zu sagen, dass die Bayern Meister werden. Dafür bestehen noch zu viele Möglichkeiten, hektische Nebengeräusche einzubauen.

bundesliga.de: Borussia Dortmund schien ins Rollen gekommen zu sein. Dann kam das 1:1 gegen Düsseldorf. Wie schwer wiegt der Rückschlag?

Lattek: Das zählt alles nichts. Sie müssen jetzt das Spiel in München gewinnen und auch in den anderen Spielen immer möglichst drei Punkte holen.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Entwicklung des BVB?

Lattek: Als Jürgen Klopp nach Dortmund ging, habe ich anfangs gedacht, dass das wahrscheinlich nicht gut gehen kann. Sie hatten keine Mannschaft, sie mussten so schnell wie möglich alles neu aufbauen. Sie haben dann schnell ein Mannschaftsgerippe gefunden. Was mich berührt, ist, dass die Borussia richtig gut Fußball spielt. Schnelligkeit, Ausdauer, Raumaufteilung, alles passt. Diese Mannschaft kann mehr Titel holen. Nach dem 1:1 gegen Fortuna Düsseldorf werden die Spieler jetzt aber untereinander reden. Sie fragen sich: Was kann jetzt noch passieren? Können wir noch Meister werden? Die Gedankenwege sind noch sehr weit. Die Bayern müssen noch aufpassen.

bundesliga.de: Dortmund hat nach den Abgang von Shinji Kagawa weggesteckt und ihn durch Marco Reus gut ersetzt. Die Mannschaft scheint nicht schwächer zu sein als im vergangenen Jahr.

Lattek: Das ist wunderbar. Die Schnelligkeit der einzelnen Spieler ist beeindruckend. Die Möglichkeit den Meistertitel zu gewinnen, ist immer noch vorhanden. Das hat man im vergangenen Jahr gesehen, als die Borussia in der Tabelle weit zurücklag. Und doch haben sie am Ende verdientermaßen den Titel geholt. Mit dieser Mannschaft ist alles machbar.

bundesliga.de: Wie lautet Ihr Tipp für die Meisterschaft?

Lattek: Da gibt es eine dumme Antwort: Wer am Ende die meisten Punkte hat. Aber ich hatte auch einmal mit Bayern 18 Punkte Vorsprung. Es ging auch gut aus, aber bei so vielen Punkten wird man leicht überheblich. Eine Meisterschaft durchzuziehen, ist nicht so einfach. Die Basis haben sie. Wenn sie jetzt noch den Titel verlieren würden, würde mir das persönlich sehr weh tun. Aber wer beim Tippen etwas gewinnen will, sollte nicht mich um Rat fragen. Da geht es mir wie Franz Beckenbauer. Meistens liege ich falsch.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski
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