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Thomas Tuchel: "Wir müssen unser Potenzial ausschöpfen"

Köln - Seit einem halben Jahr trainiert Thomas Tuchel mit großem Erfolg Borussia Dortmund. Der BVB startet von Platz 2 aus in die Rückrunde und ist auch noch in den Pokalwettbewerben aussichtsreich vertreten. Unter Tuchel spielen die Westfalen einen anderen Fußball, der sich durch eine etwas ökonomischere und auf mehr Ballbesitz basierende Spielweise auszeichnet. Im Trainingslager in Dubai traf sich Claudio Luciani für bundesliga.de zum Video-Interview mit dem 42-Jährigen. In der Abschrift lesen Sie, was Tuchel über seine Philosophie, das intensive erste Halbjahr und die Ziele für die Rückrunde sagt.

Frage: Thomas Tuchel, Sie sind jetzt seit einem halben Jahr Trainer von Borussia Dortmund. Wie fällt Ihr Fazit dieser Zeit aus?

Thomas Tuchel: Das halbe Jahr ist mit so vielen Spielen verflogen. Wir hatten zu Beginn viele Reisen und Trainingslager in einer sehr komprimierten Form. Ich bin kein Freund von Fazits. Das liegt mir im Persönlichen nicht, weil ich sehr nach vorne gerichtet bin. Ich denke lieber nach vorne und schaue nicht so gerne zurück. Zurückschauen löst bei mir, auch wenn man auf etwas Gutes zurückschaut, immer einen Reflex aus. Bedeutet es Stillstand, wenn wir uns dafür loben? Diese Dinge sind im Sport vergangen.

Ich bin nach wie vor sehr, sehr dankbar für die Offenheit, mit der mich der Club und alle Verantwortlichen empfangen haben und für das Vertrauen, das sie mir entgegen gebracht haben. Ich bin dankbar für die Offenheit der Mannschaft, sich auf mich und mein Trainerteam einzulassen und so aufzubrechen. Ich habe das Gefühl, dass alle noch einmal die Haltung gestrafft haben, alle haben sich darauf eingelassen. Wir sind jetzt auf dem Weg. Mir wäre es ganz wichtig, dieses Tempo und die Haltung beizubehalten, nicht so viel zurückzuschauen und kein Fazit zu ziehen. Wir sollten uns so verhalten, dass es nahtlos weitergeht.

Frage: Ist also der Weg das Ziel?

Tuchel: Ja, das finde ich schon. Dazu gibt es keine Alternative. Ich kenne jedenfalls noch keine, die mich wirklich überzeugt hätte oder im Leistungssport glücklich gemacht hat. Wir können nicht vorhersagen, was passieren wird, wir können es auch nicht kontrollieren. Wir können aber ganz klar kontrollieren, wie wir uns verhalten, auf das, was passieren wird. Deshalb sind wir wieder bei uns und im Training. Das geht jeden Tag, das gilt es wertzuschätzen. Die Aufgabe für uns ist, das Potenzial auszuschöpfen. Das gilt für uns Trainer, die Mannschaft und den ganzen Club. Das wird letztlich zu den Ergebnissen führen, die wir uns verdient haben und an denen wir uns messen lassen müssen.

Frage: Spielt der Faktor Zufall im Fußball ganz allgemein eine größere Rolle als man denkt?

Tuchel: Ja, ganz sicher. Leider ist der Zufall im Fußball ein Riesenfaktor. Das macht auch den Reiz dieses Spiels aus. Es gibt keine Sportart, in der man aus einer Unterlegenheit so häufig einen Sieg herausholen kann wie im Fußball. Es gehört dazu, das anzuerkennen. Es würde keinen Sinn machen, den Zufall auszublenden. Er spielt eine wesentliche Rolle im Ergebnis des Spiels. Deshalb kümmern wir uns mit allem, was wir haben, und mit voller Konzentration all den Dingen, die wir beeinflussen können.

Frage: Wie gut haben Sie jetzt in der Winterpause vom Fußball abschalten können?

Tuchel: Im Job denke ich die ganze Zeit an Fußball. Es macht auch Freude, die ganze Zeit nachzudenken und sich selbst dabei zu beobachten. Ich will auch in den Gesprächen immer etwas lernen. Es ist allerdings auch mittlerweile so, dass ich in der Winterpause auch wirklich abschalten kann vom Fußball. Ich kann das genießen und habe gelernt loszulassen, um mich wieder aufladen zu können. Ich lasse mich dann im Urlaub komplett auf meine Familie ein. Das gelingt mir auch zuhause immer wieder und natürlich auch besser, wenn die Ergebnisse gut sind. Es muss diese Phasen geben. Es kann nicht 24/7 um dieses eine Ding gehen. Fußball bleibt meine große Leidenschaft und meine große Liebe. Aber ich habe auch den Anspruch, dass er mich nicht komplett in Beschlag nimmt und ich den Urlaub auch genießen kann.

Frage: Inwieweit hängt Ihr Glück im Fußball davon ab, ob Sie Trainer eines Bundesliga-Spitzenvereins sind?

Tuchel: Ich würde kühn behaupten, dass ich mit der gleichen Überzeugung und der gleichen Leidenschaft auch heute noch die U19 im Mainz trainieren würde, wenn es so wäre. Du brauchst auf deinem Weg immer Glück und mutige Leute an deiner Seite, die dir vertrauen und dir die Chance geben, auch auf einem neuen Niveau zu zeigen, was du kannst. So ist es passiert. Ich hinterfrage das nicht so oft und nehme es als Geschenk an. Gleichzeitig bin ich so, wie ich bin und möchte das auch beibehalten. Was ich sagen möchte ist: Ich liebe dieses Spiel, ich liebe meinen Job, ich liebe es, mit den Spielern umzugehen und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich lerne auch von meinen Spielern jeden Tag dazu. Dass jetzt noch mehr Leute zuschauen und noch mehr Kameras aufgebaut sind und wir jetzt ein Gespräch führen, das ist nur eine Begleiterscheinung.

Frage: Mit welchen Gefühlen sind Sie im August Ihr erstes Bundesliga-Heimspiel mit dem BVB angegangen? Wie haben Sie sich selbst darauf vorbereitet?

Tuchel: Ich war als Trainer von Mainz fünfmal zu Gast in Dortmund und dachte, dass es so unterschiedlich nicht sein kann. Aber ich lag komplett falsch, es war alles anders. Die Anfahrt im anderen Bus war anders. Du hast jetzt selbst diese gelbe Kleidung an. Ich habe mich mit der Mannschaft total darauf eingelassen. Alles vorm Stadion war gelb. Die Energie, die Spannung, die in der Luft liegt, knistert. In so einem Spiel liegt eine Dichte drin. Dazu kommt noch die Erwartungshaltung.

Für mich war es wie in eine neue Welt einzutreten, als ich vor dem Spiel zur linken und nicht zur rechten Trainerbank gegangen bin. Ich hatte Gänsehaut und war in der ersten Viertelstunde froh, der Trainer zu sein und nicht spielen zu müssen. Es war eine so dichte Atmosphäre, dass ich nicht hätte spielen können. Ich glaube, dass es eine besondere Leistung für die Spieler ist, ihre Leistung bringen zu können und so in ihren Spieltunnel zu tauchen und in den Flow zu kommen, um sich davon zu lösen. Es herrscht eine wahnsinnige Unterstützung, die nicht zu vergleichen ist, angefangen von der ersten Reihe im Stadion, die nur fünf Meter vom Spielfeld entfernt ist.

Frage:Wie haben Sie die Atmosphäre bei Ihrer Premiere erlebt?

Tuchel: Sie war zum Zerschneiden. Die Mannschaft war voller Energie, um unser erstes Statement zu geben und das erste Ausrufezeichen zu setzen. Wir haben gegen Gladbach gespielt, die beste Rückrundenmannschaft der Vorsaison. Keiner wusste genau, was jetzt passiert. Wir waren schon in der Kabine so voller Energie und konzentriert. Das hat nicht mehr aufgehört bis wir auf dem Platz standen. Es ist eine besondere Atmosphäre und ein Privileg.

Frage: Welche Spielphilosophie verfolgen Sie mit Borussia Dortmund?

Tuchel: Ich bin ein Verfechter des Fußballs, der die Qualitäten der Spieler hervorhebt. Deshalb möchte ich derjenige sein, der den Spielern hilft, das Beste aus sich rauszuholen. Mir war sehr früh in der Vorbereitung klar, dass die Spieler große Lust darauf haben, den Ball zu besitzen und mit ihm zu spielen und dass sie enorme Qualitäten dabei entwickeln können. Deswegen haben sich die Spiele automatisch in diese Richtung verlagert. Mir ist wichtig, dass wir nicht meiner Idee hinterherlaufen, sondern dass wir gemeinsam erkennen, was unsere Qualitäten sind und ihnen vertrauen. Aus dieser Struktur heraus versuchen wir unsere Spiele zu gewinnen.

Das hat die Mannschaft gut gelöst und ihre Qualität gezeigt. Deshalb bin ich ein ganz klarer Verfechter davon, dass wir alles können und immer eine Antwort parat haben müssen. Das Spiel hält so viele Zufälle und Wendungen bereit, dass wir uns nicht auf eine Sequenz versteifen können. Der Ball ist ein Mittel geworden, mit dem wir uns wohlfühlen. Ich glaube, dass kein Kind anfängt Fußball zu spielen, um zu verteidigen. Diese Freude sehe ich hier in den Augen und der Ausdrucksweise der Spieler auf diesem hohen Niveau wieder.

Frage: Die Borussia hat in der Hinrunde bereits 47 Tore erzielt, genauso viele wie in der gesamten Vorsaison. Wie ist es Ihnen gelungen, die Effizienz dermaßen zu steigern?

Tuchel: Es ist ein außergewöhnlicher Wert. Ich weiß, wie schwierig es ist, in der Bundesliga Tore zu erzielen. Je einfacher es aussieht, umso schwieriger sind die Dinge. Ich denke, dass wir in unserem Spiel an einem sehr hohen Level angekommen sind und es auch gegen alle unterschiedlichen Versuche unserer Gegner, dies zu verhindern, auch gehalten haben. Für diese hohe Anzahl der Tore brauchen wir eine gute Struktur und natürlich auch eine hohe Qualität. Deshalb ist es der Qualität der Spieler geschuldet. Trotzdem brauchen wir die Bescheidenheit, auf die Signale zu warten, um die Angriffe strukturiert zu starten, um nicht von einem genialen Moment abhängig zu sein. Wir wollen so viel Druck entfachen, dass uns auch in Serie so viele Tore gelingen.

Frage: Wie bewerten Sie die tabellarische Ausgangssituation vor der Rückrunde? Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Tuchel: Auch wenn das jetzt unglaubwürdig erscheinen mag, weiß ich den genauen Abstand zu den Plätzen 3 und 4 gar nicht. Weil ich ständig auf den Rückstand auf Platz 1 angesprochen werde, kenne ich den allerdings. Der beste Weg ist einfach weiterzumachen und jeden Tag zu wertschätzen. Die Bayern sind einfach seit Jahren letztendlich ein Vorbild dafür, sich alle drei Tage selbst zu prüfen und den höchsten Maßstab an sich zu richten und immer wieder abzuliefern. Diese Konsequenz und natürlich auch die Breite im Kader haben sie uns voraus. Deshalb gilt es, unser eigenes Tempo und Maximum zu finden.

Ich weiß nicht, wo unsere Grenzen sind. Es würde uns limitieren, uns Punkteziele zu setzen. Niemand hätte gesagt, dass wir 47 Tore machen müssen. Wir hätten den Wert wohl niedriger angesetzt. Aber das kann Dich limitieren. Vielleicht kannst Du viel mehr Tore erzielen, als Du Dir zutrauen würdest. Es ist gut, auf Platz 2 zu stehen. Wir haben es auch verdient, dort zu stehen. Wir haben das Gefühl, dass wir sehr verdient diese Punkte geholt haben. Aber ich weiß auch, wie viel wir dafür investiert haben, wie viel Schweiß, wie viel Offenheit bei Videositzungen es erfordert hat. Das gilt es zu wiederholen. Wir müssen so schnell wie möglich unsere Haltung straffen, um uns an diesen Maßstäben wieder messen zu lassen.

Frage:Was erwarten Sie von der Rückrunde?

Tuchel: Ich wünsche mir, dass wir uns die Offenheit und die Lust behalten, weiter die Grenzen zu verschieben. Dazu gehört, auf diesem Weg weiterzugehen und als Gruppe stark zu bleiben. Wir müssen uns die Grenzen offenhalten und uns alles zutrauen. Wir müssen widerstandsfähig bleiben. Es wird so sein, dass viele Klippen auf uns zukommen und uns schwierige Aufgaben gestellt werden. Eine Menge Arbeit liegt vor uns. Wenn wir diese Saison so durchziehen, wie wir sie begonnen haben, können wir sehr zufrieden in den Urlaub fahren.

Video-Interview: Claudio Luciani in Dubai

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