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04.06.2013 - 19:44 Uhr


Lienen und der aufgeschlitzte Oberschenkel

Nach dem Foul von Norbert Siegmann geht Ewald Lienen (2.v.r.) auf Otto Rehhagel (l.) los

Nach dem Foul von Norbert Siegmann geht Ewald Lienen (2.v.r.) auf Otto Rehhagel (l.) los

Es war die vielleicht spektakulärste Verletzung der Bundesliga-Geschichte. Nie zuvor und nie danach flimmerten die Bilder einer weißen Muskelhülle via TV-Bilder in die Wohnzimmer.
Heute wissen wir: es gibt viel schlimmere Verletzungen, Achillessehnen- oder Kreuzbandrisse, Knorpelschäden und andere. Aber die Szene vom 14. August 1981 ist nach wie vor präsent.

Was war passiert? Ewald Lienen, pfeilschneller Linksaußen der Bielefelder Arminia, trifft im Bremer Weserstadion auf Norbert Siegmann, sprintet in der 18. Minute an ihm vorbei. Siegmann trifft mit ausgestrecktem Bein und den scharfen Aluminium-Stollen voraus den Stürmer am rechten Oberschenkel. Die Stollen schlitzen den Oberschenkel auf, in einer Länge von 25 Zentimetern wird die weiße Muskelhülle sichtbar. Schreckliche Bilder, die an diesem Freitagabend in die Wohnstuben flimmern.

Lienen rennt auf Rehhagel zu


Lienen macht Otto Rehhagel für das Foul verantwortlich, rennt auf ihn zu, packt den Bremer Trainer am Hemd, schüttelt ihn, und schreit: "Du hast ihm doch gesagt, dass er mich umtreten soll." Ein Vorwurf, der sogar die Gerichte beschäftigen sollte.

Schiedsrichter Medardus Luca aus Völklingen trug seinen Teil zur bundesweiten Diskussionen bei: Er zeigte Siegmann die Gelbe Karte, nur Gelb. Wann aber, bitteschön, ist ein Platzverweis mehr gerechtfertigt als nach so einem brutalen Foul? Ganz Deutschland diskutiert.

Lienen wird im Bremer Krankenhaus "Links der Weser“ mit 23 Stichen genäht und erklärt noch im Krankenbett seine Drohungen. Lienen: "Ein paar Minuten vor diesem Foul habe ich deutlich gehört, wie Rehhagel seinen Verteidiger Siegmann aufforderte, jetzt pack ihn dir endlich.“ Das Foul wurde zum Fall für die Justiz.

Kein Verfahren zugelassen



Otto Rehhagel musste sich vor dem DFB und dem Sportgericht verantworten - Freispruch. Die Bremer Staatsanwaltschaft lehnte das angestrengte Strafverfahren mit der Begründung ab, die DFB-Gerichtsbarkeit sei sachkundiger. Dabei hatte Lienen auf "vorsätzliche gefährliche Körperverletzung" zu klagen versucht. Der Fall landet mit einer Beschwerde beim Generalstaatsanwalt in Bremen. Und wird monatelang öffentlich diskutiert: Hat Rehhagel zum Foulspiel aufgerufen? Wie muss so ein grässliches Foul geahndet werden?

Juristisch wurde kein Verfahren zugelassen. Das sportliche Nachspiel gab es beim Rückspiel. Alarmstufe rot in Bielefeld. Rehhagel ließ Siegmann vorsorglich zu Hause, weil es gegen den Verteidiger Morddrohungen gab. Rehhagel selbst saß mit Bleiweste auf der Bank, beschützt von Beamten des Sondereinsatzkommandos (SEK). 400 statt der sonst üblichen 100 Polizeibeamte waren im Einsatz, weil es auch gegen den Bremer Trainer Morddrohungen gab. Der Fußball drohte zu eskalieren.

Auf dem Rasen wurde dann Frieden geschlossen. Auch deshalb, weil Otto Rehhagel seine Spieler mit folgendem Satz aufs Feld schickte: "Entschuldigt euch bei euren Gegenspielern, selbst wenn ihr denen mal unabsichtlich auf die Füße tretet." Bremen siegte 2:0.
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