Historie
Historie
|
02.04.2009 10:24:53
Weiterempfehlen
Drucken
schliessen x

Name des Absenders
E-Mail Adresse
Name des Empfängers
E-Mail Adresse

"Der schlimmste Moment in meinem Trainerberuf"

Das Tor, das Eintracht Frankfurt rettete und den 1. FC Nürnberg zum Absteiger machte: Jan-Aage Fjörtoft trifft zum 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern
Das Stadionheft enthielt bereits die Anträge für Dauerkarten für die neue Bundesligasaison 1999/2000. Der 1. FC Nürnberg hatte die Nichtabstiegsfeier organisiert und Präsident Michael A. Roth wollte seinem Trainer Friedel Rausch schon vor Anpfiff des 34. Spieltages einen Blumenstrauß als kleines Dankeschön für den Klassenerhalt überreichen.


Warum auch nicht, denn der Club war ja so gut wie gerettet. Als Tabellenzwölfter lag doch ein bequemes Drei-Punkte-Polster und ein Fünf-Tore-Vorsprung zwischen dem 16. Platz, von dem die Frankfurter Eintracht in den dramatischsten Abstiegskampf der Bundesliga-Geschichte starten sollte.

Am 29. Mai 1999, dem letzten Spieltag einer Saison, die der FC Bayern mit 15 Punkten Vorsprung als Deutscher Meister beendet, droht fünf Vereinen der Abstieg: Frankfurt (34 Punkte), Hansa Rostock (35), dem SC Freiburg (36), dem VfB Stuttgart (36) und Nürnberg (37). Der VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach stehen als die beiden anderen Absteiger fest.

Rostock vor dem Abgrund

Fredi Bobic schießt Stuttgart ganz schnell aus der Abstiegs-Lotterie, sein Tor nach sechs Minuten bleibt das einzige gegen Werder Bremen und reicht dem VfB. Die übrigen vier Kandidaten sind bis zum Pausenpfiff noch enger zusammengerückt.

Frankfurt würde nach 0:0-Zwischenstand gegen Kaiserslautern und 45 Minuten absteigen. Nürnberg liegt im eigenen Stadion 0:2 gegen Freiburg hinten, während Rostock 1:0 in Bochum führt.

Ab der 70. Minute nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Bochums Peter Peschel (70.) und Stefan Kuntz (73.) schießen Bochum 2:1 in Führung und Rostock auf den Abstiegsplatz. In Frankfurt schafft Thomas Sobotzik das 2:1 (70.) für die Eintracht. Im Klartext: Rostock liegt momentan zwei Punkte hinter dem rettenden 15. Platz.

Nürnberg in Gefahr

Aber nicht lange, Victor Agali gelingt das 2:2 (77.), jetzt ist es nur noch ein Punkt Rückstand auf Frankfurt und Nürnberg. Die Eintracht zieht durch Marco Gebhardt (80.) und Bernd Schneider (82.) auf 4:1 davon, jetzt hat sie sogar das vor Anpfiff um fünf Tore schlechtere Torverhältnis gegenüber Nürnberg aufgeholt.

Dann schockt Slawomir Majak Nürnberg und Frankfurt: Der Pole trifft für Rostock zum 3:2 (83.) und Rostock überholt die beiden Konkurrenten um einen Punkt. Sechs Minuten vor Schluss ist der 1. FC Nürnberg abgestiegen, weil die Eintracht bei gleicher Tordifferenz mehr Tore erzielt hat.

Fjörtofts Schuss ins Glück

Marek Nikls Anschlusstor zum 1:2 (85.) wendet wieder das Blatt, jetzt reicht den Frankfurtern nicht mal der hohe 4:1-Vorsprung gegen die Lauterer, die gleichzeitig ihre mögliche Qualifikation zur Champions League verspielen.

Die letzten Sekunden verstreichen in Frankfurt, als der gerade eingewechselte Christoph Westerthaler in die Lauterer Hälfte stürmt und der Ball nach Zweikampf mit Ciriaco Sforza zu Eintracht-Stürmer Jan-Aage Fjörtoft springt. Nach legendärem Übersteiger schiebt der Norweger zum 5:1 ein (89.).

Baumanns schlimmer Fehlschuss

Die Rettung? Ja, denn fast zeitgleich jagt Nürnbergs Nikl den Ball an den linken Pfosten des Freiburger Tores, den Abpraller erreicht FCN-Abwehrspieler Frank Baumann als Erster und schiebt ihn aus sechs Metern mutterseelenallein in die Arme von SC-Torwart Richard Golz.

Schluss, Ende, Aus: 7000 mitgereiste Rostocker Fans feiern in Bochum ihre Helden, Frankfurt feiert das "Wunder vom Main" und in Nürnberg geht eine Fußball-Welt unter. "Das war das Schlimmste überhaupt. Das darf nicht sein, da nag‘ ich heute noch dran", erinnert sich der damalige Club-Trainer Friedel Rausch noch heute "an das bittere Ende und den schlimmsten Moment in meinem Trainerberuf."

"Die schwärzeste Stunde meiner Karriere"

Den Blumenstrauß vor Anpfiff hatte Rausch zwar abgelehnt, doch den Abstieg hatte er auch nicht wirklich befürchtet: "Wir waren eigentlich gerettet, aber so etwas geht wohl nur im Fußball." Frank Baumann, der nach der Saison 1989/99 zu Werder Bremen wechselte, fürchtete nach seinem fatalen Fehlschuss: "Das wird mich Zeit meines Lebens verfolgen." Für den gebürtigen Franken sollte es "die schwärzeste Stunde meiner Karriere" werden.

In Frankfurt hätte man Jan-Aage Fjörtoft und Trainer Jörg Berger am liebsten ein Denkmal gebaut. Von Fjörtoft stammte dann auch der Satz, der ebenso wie das Abstiegsdrama 98/99 in die Bundesliga-Geschichte eingehen sollte: "Jörg Berger ist so ein guter Trainer, der hätte sogar die Titanic gerettet!"

Stefan Kusche

Hier finden Sie weitere Hintergründe zum Thema:

Abstiegskrimis Teil2: "Totenstill im Stadion"

Abstiegskrimis Teil3: "Schöner als der Aufstieg"

Tabelle und Spieltage der Saison 1998/99

Die 1990er Jahre: TV-Boom, Einheit und Dortmunder Dominanz

Tore, Titel, Tabellen: Die wichtigsten Statistiken im Überblick