Historie
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31.03.2009 16:49:33
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Albtraum in Unterhaching

Der Anfang vom Ende: Leverkusens Michael Ballack (liegend) trifft nach 21 Minuten zum 1:0 für Unterhaching ins eigene Netz
Eigentlich konnte doch nichts mehr schief gehen. Eine Mannschaft mit Jens Nowotny, Michael Ballack, Emerson, Bernd Schneider, Zé Roberto, Ulf Kirsten und Oliver Neuville konnte unter Trainer Christoph Daum am letzten Spieltag in Unterhaching doch keinen Drei-Punkte-Vorsprung und die Deutsche Meisterschaft verspielen.


Doch, sie konnte, und bei Bayer Leverkusen kann man bis heute nicht fassen und erklären, was sich am 20. Mai 2000 im "Stadion Am Sportpark" zu Unterhaching abspielte. Alles war gerichtet für die erste Meisterfeier der Leverkusener, auch die Meisterschale lag schon bereit zur Übergabe im Sportpark.

Schließlich hätte Bayer 04 nur einen Punkt gegen den Tabellenzehnten gebraucht, nachdem der härteste Verfolger am 30. Spieltag gepatzt hatte. Der FC Bayern verlor ausgerechnet das Derby gegen München 1860 mit 1:2, während Bayer zeitgleich Arminia Bielefeld mit 4:1 überrannte.

Fernduell in Rufweite

73 Punkte holte Leverkusen bis zum 34. Spieltag, 70 der FC Bayern, und so konnte das Fernduell um die Meisterschaft beginnen. Ein Fernduell fast in Rufweite, denn die Bayern trafen im nur wenige Kilometer entfernten Münchner Olympiastadion auf Werder Bremen.

Ottmar Hitzfelds Mannschaft erledigte seine Pflicht im Schnellverfahren. Carsten Jancker (2) und Paulo Sergio schossen die Bayern bis zur 16. Minute 3:0 in Führung, die Anzeigetafel und unzählige Radios spielten ab sofort die Hauptrolle für die Bayern-Fans.

Und die frohe Kunde ließ nicht lange auf sich warten. Zwar hieß der Torschütze Michael Ballack, doch es war ein Eigentor des späteren Bayern-Stars, das die Spielvereinigung Unterhaching nach 21 Minuten 1:0 in Führung und die Bayern wegen des besseren Torverhältnisses an die Tabellenspitze brachte.

"Butterweich geflankt"

Zur Pause waren die Bayern Meister, doch schon der Ausgleich hätte Leverkusen gereicht. Auf den erhofften Sturmlauf der Bayer-Elf warteten die mitgereisten Leverkusener Anhänger im mit 11.300 Zuschauern ausverkauften Sportpark vergebens. Wie gelähmt und mit bleischweren Beinen bewegten sich die Gäste über den Rasen, selbst die Einwechslung der drei Angreifer Paulo Rink, Thomas Brdaric und Robson Ponte half nichts.

Hachings Markus Oberleitner zerstörte mit seinem Kopfballtor (72.) endgültig den Traum von der ersten Deutschen Meisterschaft für Leverkusen und verwandelte gleichzeitig das Olympiastadion in ein Tollhaus.

"Wir haben aus der eigenen Hälfte gekontert, dann kam der Ball zu Jochen Seitz auf die linke Seite. Er hat butterweich geflankt und ich brauchte nur noch den Kopf hinzuhalten. Der Ball sprang dann vom Innenpfosten ins Tor", erinnert sich der Torschütze im Gespräch mit bundesliga.de.

"Das lockerste Spiel des Jahres"

Für Oberleitner war die Partie gegen Leverkusen "das lockerste Spiel des Jahres. Das war ein absolutes Highlight für uns und Unterhaching, ganz Fußball-Deutschland schaute damals auf uns. Das kam in Haching sonst nicht so oft vor und es war schön für uns, auch mal im Fokus zu stehen."

Warum den Leverkusenern in diesen entscheidenden 90 Minuten nichts gelingen wollte, liegt für den gebürtigen Münchner Oberleitner auf der Hand. "Das ist so ein Phänomen im Fußball, das man zwar schwer erklären kann, aber immer wieder vorkommt.

So eine Drucksituation kann die Beine und Füße so schwer machen und wenn dann noch ein früher Rückschlag wie das Eigentor von Michael Ballack dazukommt, geht einfach nichts mehr. Wenn wir irgendwann im Laufe der Saison gegen Leverkusen gespielt hätten, hätten die uns sicher aus dem Stadion geschossen."

Um sieben Tore besser

Der Schlusspfiff löste krasse emotionale Gegensätze in München und Haching aus: Hier die Tränen der Freude nach dem 16. Meistertitel, dort die bitteren Tränen der Enttäuschung. "Wir haben uns natürlich wahnsinnig gefreut, dass wir gewonnen haben. Wir hatten eine sehr charakterstarke Mannschaft, die in jedem Spiel 100 Prozent gegeben hat. Aber man hatte schon Mitgefühl, als man Christoph Daum mit seinem Sohn im Arm weinen sah", erinnert sich Oberleitner.

Sieben Tore gaben letztlich den Ausschlag zugunsten der Münchner. Die Rekordzahl von 73 Punkten für einen Vizemeister bedeutete einen ganz schwachen Trost für Bayer 04, das auch schon die Vorsaison als Zweiter hinter den Bayern abgeschlossen hatte.

Furchtlos über Scherben

Vor der Saison 1999/2000 hatten die Leverkusener Verantwortlichen kaum etwas unversucht gelassen, um den Bayern Paroli zu bieten. Unter dem damalige Manager Reiner Calmund und Teammanager Rudi Völler wurden Michael Ballack aus Kaiserslautern, Bernd Schneider aus Frankfurt und Oliver Neuville von Hansa Rostock verpflichtet.

Christoph Daum ließ seine Spieler während der Saisonvorbereitung in Zusammenarbeit mit Motivationstrainer Jürgen Höller barfuß über Glasscherben laufen, um die mentale Stärke zu fördern. Geschnitten hat sich zwar keiner. Aber Daum musste damit leben, dass Haching-Trainer Lorenz-Günther Köstner seine Profis vor dem entscheidenden Spiel gegen Leverkusen ebenfalls über Scherben gehen ließ. Furchtlos und in Fußballschuhen.

Stefan Kusche


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