Historie
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22.06.2009 15:02:29
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Teil2: Nach dem Mauerbau

Sie nannten ihn den "Lok-Totengräber": Hans Siemensmeyer (Quelle: Hannover 96)
Nach dem Mauerbau 1961 folgte eine Eiszeit, ehe im Zuge der Annäherung von Ost und West in den 70er Jahren wieder mehr offizielle Freundschaftsspiele vereinbart wurden. In der DDR wurden diese Begegnungen als "internationale Vergleiche" bezeichnet. Die dortigen Fans nutzten die wenigen noch politisch geduldeten deutsch-deutschen Spiele und umlagerten trotz aller Sicherheitsvorkehrungen die Teams aus der Bundesrepublik. Für sie waren die Partien eine Möglichkeit, ihre Idole aus dem Westen aus der Nähe zu sehen.


Die SED stand diesen deutsch-deutschen Begegnungen skeptisch gegenüber. Könnten sie bei DDR-Bürgern doch den Wunsch nach mehr Reisefreiheit wecken. Entsprechend akribisch bereitete die Stasi die "politisch-operative Sicherung" der Spiele vor. Ziel war es, Kontakte der Zuschauer zu Spielern und deren wenigen angereisten Anhängen zu verhindern. Die gelang aber nur selten komplett. Für die DDR-Fußballer galt die Vorgabe, Kontakte auf das Sportliche zu beschränken. Selbst Gastgeschenke durften sie nicht annehmen.

Duell im Intertotocup

Das Losglück bescherte Hannover 96 in dieser schweren Zeit ein deutsch-deutsches Duell. Im Intertotocup 1967 wurden die Roten in eine Gruppe mit Lok Leipzig gelost. Das Hinspiel im Eilenriedestadion am 1. Juli 1967 sahen nur 4.500 Zuschauer, die sich über den 2:1-Heimsieg ihrer Mannschaft gegen den deutlich stärker eingeschätzten Gast aus der DDR überrascht zeigten. Beim Rückspiel am 21. Juli 1967 erlebten die Spieler von Hannover 96 dann andere Zuschauerverhältnisse als in der Heimat. Zum Auftritt des Bundesligisten in Sachsen strömten 35.000 Zuschauer ins Leipziger Bruno-Plache-Stadion, das damit aus allen Nähten platzte. Sie bereuten ihr Kommen nicht, denn sie erlebten ein spannendes, schnelles und spielerisch herausragendes Spiel.

Zur Halbzeit führte die Lok-Elf glücklich mit 1:0 nachdem Keeper Horst Podlasly einen von der Latte zurück springenden Kopfball von Leipzigs Kapitän Frenzel ins eigene Tor abfälschte. "Uns war klar, dass wir bei einem zweiten Gegentor keine Siegeschance mehr gehabt hätten und daher setzen wir gleich nach der Pause auf Angriff, um schnell den Ausgleich zu erzielen", sagte 96-Coach Horst Buhtz nach dem Spiel.

Torjäger Hans Siemensmeyer erzielte in der 57. Minute auch prompt das 1:1 und sorgte nur drei Minuten später für den 1:2-Endstand. Auch 96-Neuzugang Jupp Heynckes zeigte den Zuschauern in Leipzig sein Können. "Ich habe noch viele Erinnerungen an die Spiele gegen Lok", gesteht der damalige Kapitän Hans Siemensmeyer. "Ich habe in Hin- und Rückspiel alle vier Tore erzielt. Kurz vor der WM 2006 traf ich den Leipziger Kapitän Frenzel wieder. Er nannte mich den Lok-Totengräber", schmunzelt Siemensmeyer.

Regeln für die Profis

"Vor der Einreise wurden wir von den 96-Offiziellen gebeten, uns bei der Grenzkontrolle ruhig zu verhalten. Auch der Busfahrer sollte die Geschwindigkeits-Begrenzungen unbedingt einhalten. Wir Spieler sollten uns im Mannschaftshotel nicht negativ über die DDR äußern", erinnert sich der Kapitän der Roten an die Regeln. "Als wir die Autobahn nach der üblichen Grenzkontrolle verließen und auf der vorgeschriebenen Transitstrecke über die Landstraßen Richtung Leipzig fuhren, sah man deutlich, dass dort noch vieles im Argen lag. Ich dachte an meine Kindheit, als nach dem Krieg bei uns im Westen noch viel kaputt war - so sah es dort mehr als 22 Jahre nach Kriegsende immer noch aus."

Aber auch der überaus schlechte Straßenzustand und die zahlreichen Verkehrskontrollen der Volkspolizei sind Siemensmeyer im Gedächtnis geblieben. "Bei unserem Gegner, der Vizemeister der DDR war, waren namhafte Spieler wie zum Beispiel der Torschützenkönig der DDR-Oberliga Hennig Frenzel und der spätere 96-Trainer Jörg Berger aktiv. Wir hatten aber keinen Kontakt rund um die Spiele und es gab auch kein offizielles Bankett.

Dafür hatten wir umso mehr Kontakt zu den Fans aus der DDR. Nach dem Abpfiff strömten Sie auf das Feld und rissen mir Trikot und Mannschaftsführerbinde herunter. Dann wurden wir alle auf den Schultern der Fans vom Platz getragen und es dauerte sehr lange bis wir unter die Dusche waren", zeigt sich der 96er noch heute verwundert. Danach begann für ihn der emotionalste Teil der Reise.

"Als ich aus der Kabine kam, fragte mich eine ältere Frau, ob ich ihr einen Gefallen tun könnte. Vorsichtig erkundigte ich mich, ob der Kontakt für Sie nicht gefährlich sein könne. Sie winkte ab und erklärte, im Stadion sei für eine lückenlose Überwachung zu viel Trubel. Sie bat mich, ihre in Hannover lebende Tochter zu grüßen und ihr eine Nachricht zu überbringen. Ich sagte zu und verstaute schnell den kleinen Brief, den sie mir zusteckte. Als wir dann das Stadion verließen, winkten uns die Menschen im gesamten Stadtgebiet zu. Als ich nach der Rückkehr in Hannover die Tochter aufsuchte und ihr die Nachricht und die Grüße überbrachte, weinte sie und freute sich zugleich, von ihrer Mutter im Osten eine Nachricht zu erhalten."

Hier finden Sie weitere Artikel zum Thema:

Teil1: Die Anfänge nach der Teilung

Teil3: WM 1974 und die Zeit danach…

Die Geschichte von Hannover 96

Die Geschichte des DDR-Fußballs: Zwischen Ideologie und Propaganda