Historie
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22.06.2009 15:00:58
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Teil 1: Die Anfänge nach der Teilung

Mit diesem Bus fuhren die "Roten" in den 50ern durch Dresden (Quelle: Hannover 96)
Fußballer und Fans versuchten ab 1945 häufig, die politische Teilung zu umgehen. 1947 und 1948 waren hier beispielsweise die so genannten "Zonenspringer" aktiv. In den 50er Jahren gab es dann einige deutsch-deutsche Freundschaftsspiele im Fußball. Jedoch wurden diese Begegnungen stets von propagandistischem Beiwerk der DDR begleitet. Vor jedem Spiel gab es für deren Sportler eine Schulung und meist auch ein eigenes Trainingslager.


Die Begegnungen fanden unter einer strengen Überwachung statt. Da diese politischen Auswirkungen überhand nahmen, wurde der Sportverkehr am 21. September 1952 vom DSB der Bundesrepublik kurzzeitig abgebrochen. Unvergessen ist aber die gemeinsame Begeisterung über den WM Titel 1954 jenseits aller politischen Unterschiede und Grenzen. Danach schwenkte die SED radikal um. Die ostdeutschen Fußballer sollten am Spielfeldrand ihren westdeutschen Kollegen die "Zwei-Staaten-Theorie" näher bringen.

Erster Auftritt in der DDR

1956 reiste 96 erstmals in den Osten. Die "Roten" traten am 6. August 1956 in Dresden vor mehr als 50.000 Zuschauern gegen BSG Einheit Dresden an. Im Vorfeld dieses historischen Spiels berichteten die Zeitungen in Hannover: "Wenn man weiß, welchen Wert man jenseits der Zonengrenze auf das Abschneiden seiner Mannschaften gegen Teams aus der BRD legt, kann man sich denken, dass die Dresdner nicht nur mit Technik und Spielwitz, sondern auch mit großem Schneid aufspielen werden."

Im Heinz-Steyer-Stadion besiegte das Team von Trainer Fiffi Kronsbein den Tabellenfünften der DDR-Oberliga mit 2:1 (1:1). Die Hannoverschen Zeitungen berichteten nach dem Spiel: " Die Aufnahme der 96er geschah überaus gastfreundlich. Die Zuschauer waren objektiv und sparten nicht mit Beifall".



"Für uns war das eigentlich ein ganz normales Freundschaftsspiel. Wir reisten mit einem Mannschaftsbus an und hatten einige wenige Fans mit an Bord. Kurz vor Dresden mussten wir unseren Bus stehen lassen und in einen Bus der Gastgeber umsteigen", ruft sich 96-Akteur Rolf Gehrcke die erste Reise in die DDR in Erinnerung. "Wir bekamen einige ständige Begleiter zugeteilt und das Programm war streng geplant. Die Fahrtrouten zu den touristischen Orten wie dem Zwinger oder zum Stadion waren peinlich genau ausgesucht worden, damit wir nur die positiven Seiten zu sehen bekamen. Am Abend vor dem Spiel besuchten wir noch eine Theateraufführung. Insgesamt hatten wir aber kaum Kontakt zu den Dresdnern", so Gehrcke.

Heinz Elzner stimmt ihm zu: "Die ständigen Begleiter erschwerten uns den Kontakt zu der Dresdner Bevölkerung. Wir sahen in der Stadt viele aufgeräumte Trümmerfelder. Aber wir waren doch sehr erstaunt, dass nur wenig wieder aufgebaut worden war. Die Zuschauer waren aber wirklich unvoreingenommen und man spürte ihr Verlangen, mit uns aus dem Westen in Kontakt zu kommen."

Gewehre im Anschlag

In der Partie ging Hannover 96 durch einen vom Dresdner Läufer Nicklisch abgefälschten Ball in Führung. Als 96-Verteidiger Geruschke mit einem Dresdner Stürmer zusammenstieß, entschied der einheimische Schiedsrichter auf Elfmeter, den die BSG Einheit Dresden zum 1:1-Halbzeitstand verwandelte. Mitte der zweiten Hälfte erzielte Heinz Wewetzer das entscheidende Tor für 96.

Rolf Gehrcke erinnert sich noch ein einen kleinen Zwischenfall: "Die Reise war sehr anstrengend. Zehn Stunden Hinfahrt im Bus und knapp neun Stunden gleich nach dem Spiel zurück, das war sehr anstrengend. Kurz vor den Grenzsperranlagen kamen wir in einen Stau. Wir wollten uns kurz die Beine vertreten und verließen den Bus. Da tauchten wie aus dem Nichts Grenzsoldaten in Tarnuniform und mit Gewehren im Anschlag vor uns auf und machten uns sehr deutlich, dass wir sofort wieder in den Bus zurückkehren sollten", erinnert sich Gehrcke.

Reserve-Elf im Rückspiel

Am 19. Mai 1957 kam es zum Rückspiel gegen die Dresdner, das Hannover 96 auf der Radrennbahn erneut mit 2:1 gewann. Die "Roten" nahmen das Spiel nicht so wichtig, am Tag vorher spielten sie noch gegen Sheffield United. Gegen die Gäste aus der DDR trat 96 mit einer besseren Reserve Elf an - Trainer Kronsbein verzichtete auf elf Stammkräfte.

So wurde Ersatzkeeper Ewald Stiller zum Held der Begegnung vor knapp 5.000 Zuschauern. Einige tolle Paraden bewahrten die Hannoveraner vor dem Rückstand. Hannes Tkotz erzielte bereits nach 15 Minuten die 1:0-Führung nach einem Alleingang. Mit einem "Bombenschuss" erzielte der Dresdner Läufer Losert den Ausgleich bevor kurz vor der Pause Wilfried Schott den 2:1-Siegtreffer für Hannover 96 markierte.

Deutlicher Sieg in Halberstadt

Das nächste Spiel der Roten in der DDR fand während der Berlin-Krise statt, in der sich das politische Klima deutlich verschärft hatte. Am 25 Juni 1958 spielte Hannover 96 im Rahmen des Halberstädter Heimatfestes gegen die DDR-Oberligaelf SC Turbine Erfurt. Der DDR Meister von 1954 und 1955 galt als starker Gegner, denn er konnte auf das DDR-Leistungszentrum in Erfurt zurückgreifen. Der sportliche Höhepunkt des Turn- und Sportfestes vor 15.000 erwartungsfrohen Zuschauern im ausverkauften Friedensstadion endete für den DDR-Klub aber mit einer herben Enttäuschung.

Das 96-Team gewann durch Tore von Gresens (2), Wieczorek, Tkotz und Paetz deutlich mit 5:2 (3:1). Die Hannoveraner machten dabei die Defensivschwächen der Gastgeber mehr als deutlich. Nachdem 96 bereits nach 30 Minuten mit 3:0 in Führung lag, steckten die Erfurter auf, obwohl sie durch ihren Mittelstürmer Vollrath noch auf 3:2 verkürzen konnten.

"Ich erinnere mich noch genau an dieses Spiel. Da ich zwei Jahre zuvor in Dresden nicht dabei war, wollte ich selbst erleben, wie es in der anderen Hälfte Deutschlands aussah", berichtet 96-Stürmer Hans Tkotz über den Besuch hinter dem eisernen Vorhang. "Ich habe dabei leider schnell festgestellt, dass die DDR-Propaganda die Menschen belogen hat. Ich war sehr erschrocken, wie viel dort noch im Argen lag und das man dort noch viel Aufbauarbeit leisten musste", so der Meister von 1954.

"Zur Anreise nutzten wir fünf Privatwagen und reisten über den Grenzkontrollpunkt Marienborn in die DDR ein. Dabei wurden wir wie jeder andere überprüft. Ab Marienborn erhielten wir dann eine Eskorte - wir sollten uns wahrscheinlich nicht verfahren. Nach der Ankunft in Halberstadt wurden unsere Autos auf einem nicht einsehbaren Fabrikhof am Stadtrand eingeschlossen. Trotzdem strömten die Leute heran, um sich unsere Pkws anzusehen - so etwas kannten Sie ja leider nicht", erinnert sich auch Rolf Gehrcke.

"Vor dem Spiel bekamen wir Blumensträuße mit der Vorgabe, diese im Stadion an die Zuschauer zu verteilen. Es gab nur wenig Kontakt zu den Turbine-Spielern. Ich erfuhr beim anschließenden Essen, dass sie für dieses Spiel drei Tage im Trainingslager waren. Obwohl sie auf ihre Nationalspieler Franke und Wehner verzichten mussten, sollten sie gegen uns auf keinen Fall verlieren. Die Zuschauer sahen ein tolles Spiel und hatten viel Spaß, denn mein Sturmpartner Rolf Paetz zeigte ihnen seinen berühmten Kuchentrick. Wir haben ihn frei gespielt und er ist dann in seiner unnachahmliche Art mehrmals über den Ball gestiegen, hat den Torwart damit komplett ausgetrickst und in der 75. Spielminute das 5:2 erzielt", berichtet Gehrcke. Die örtliche Halberstädter Zeitung berichtete über den Erfolg von Hannover 96 nur knapp in zehn Zeilen.

Hier finden Sie weitere Artikel zum Thema:

Teil2: Nach dem Mauerbau

Teil3: WM 1974 und die Zeit danach…

Die Geschichte von Hannover 96

Die Geschichte des DDR-Fußballs: Zwischen Ideologie und Propaganda