Historie
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29.01.2009 11:32:35
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"Der Ball war ja oft mehr eckig als rund"

Uwe Seeler ist seit 1946 Teil der Tradition des Hamburger SV
Als Uwe Seeler im Jahr 1946 als Neunjähriger erstmals seine Fußballschuhe für den Hamburger SV schnürte, war noch nicht abzusehen, welch langen und erfolgreichen Weg Spieler und Verein gemeinsam zurücklegen sollten. Noch heute - mehr als 60 Jahre später - sind Seeler und der HSV untrennbar miteinander verbunden.


"Uns Uwe" führte die Hansestädter 1960 zur Meisterschaft und drei Jahre später zum Triumph im DFB-Pokal. Er war der erste Torschützenkönig der Bundesliga-Geschichte und wurde drei Mal zum "Fußballer des Jahres" gewählt. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn blieb Seeler seinem HSV treu verbunden und fungierte Mitte der 1990er sogar als Präsident des Bundesliga-"Dinos".

Zum Start der großen Bundesliga-Historie auf bundesliga.de nahm sich der Hamburger Ehrenbürger Zeit, um mit bundesliga.de über seine ersten fußballerischen Schritte und die Anfänge der Bundesliga zu sprechen. Außerdem erzählt Seeler von seinem irischen Kurzgastspiel und erinnert sich an die Anfänge des Nord-Süd-Gipfels zwischen dem HSV und dem FC Bayern, der am Freitag zum 88. Mal in der Bundesliga stattfindet.

bundesliga.de: Sie haben allein in der Bundesliga 137 Treffer für den HSV erzielt. Gibt es ein Tor, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Uwe Seeler: Das ist schon so lange her. Aber ich glaube, da waren einige dabei, die nicht so schlecht waren. Wichtig ist doch das Tor überhaupt. Und selbst wenn der Ball nur über die Linie kullert und dort liegen bleibt, ist es immer noch ein schönes Tor.

bundesliga.de: Am 24. August 1963 erfolgte der erste Anpfiff in der Bundesliga-Geschichte. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag und diese erste Saison?

Seeler: Das war ein wenig kurios. Ich erinnere mich, dass man beim HSV der Meinung war, die Bundesliga würde erst ein Jahr später starten. Der HSV war aus diesem Grund auch gar nicht so sehr gut auf die Bundesliga vorbereitet. Dennoch waren das natürlich ein erfreulicher Tag und eine große Sache. Man muss aber immer bedenken, dass wir alle nebenbei noch einen Beruf ausgeübt haben. Zu jener Zeit musste man seinen Beruf auch beibehalten, damit man genug Geld verdiente. Denn von dem, was man in der Bundesliga 1963 verdient hat, konnte man in Hamburg nicht leben. Davon konnte man nicht einmal die Wohnungsmiete zahlen. Für mich war also klar, dass ich Beruf und Fußball unter einen Hut bringen musste.

bundesliga.de: 30 Tore in der Bundesliga-Debütsaison. Erster Torschützenkönig der Bundesliga-Geschichte. Klingt das auch heute noch gut in Ihren Ohren?

Seeler: Ich hatte eine schöne Zeit. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Und ich glaube, das wird Ihnen jeder Fußballer sagen; wenn er keinen Spaß hat, hat er auch keinen Erfolg. Das Geld war dabei nebensächlich. Dafür war noch der Beruf da, den man nebenher ausgeübt hat.

bundesliga.de: Nach Ihnen kam es nur acht weitere Male vor, dass Spieler 30 oder mehr Tore in einer Saison erzielt haben. Das letzte Mal gelang dies Gerd Müller in der Saison 1976/77. Warum ist es seither keinem Spieler gelungen, die magische 30er-Marke zu erreichen?

Seeler: Das weiß ich nicht. Das möchte ich auch nicht beurteilen. Man sollte diese Dinge in ihrer Zeit sehen. Klar ist es auch heute möglich, 30 Tore zu schießen. Vedad Ibisevic von 1899 Hoffenheim ist ja auf einem guten Weg gewesen, bis ihn diese schwere Verletzung gestoppt hat. Allerdings ist die zweite Halbserie immer die schwerere.

bundesliga.de: Über einen 5. Platz ist der HSV zu Ihrer aktiven Zeit in der Bundesliga nicht hinausgekommen. Warum hat es für die Hamburger, die immerhin 1960 Meister und 1963 Pokalsieger wurden, nicht zu mehr gereicht?

Seeler: Heute ist man ja teilweise froh über einen 5. Platz, weil man dann immer noch international vertreten ist. Aber es ist richtig, dass der Hamburger SV damals nicht ganz vorn mitspielen konnte. Erstens haben wir es wie bereits erwähnt versäumt, uns auf die Bundesliga richtig vorzubereiten, weil man glaubte, sie käme erst ein Jahr später. Zweitens hatte der HSV zwar damals Geld gehabt, aber keine so glückliche Hand im Einkauf. Wobei ich erwähnen möchte, dass die Hamburger immer sehr hanseatisch korrekt gearbeitet haben. So etwas wie nebenbei Handgelder verteilen, das hat es beim HSV eben nicht gegeben.

bundesliga.de: Kurz vor Ende der Saison 1971/72 gaben Sie Ihr Karriere-Ende bekannt. Allerdings haben Sie die Fußballschuhe noch einmal vom Nagel genommen. Am 23. April 1978 spielten Sie für den irischen Verein Cork Celtic FC gegen Shamrock Rovers. Wie ist es zu diesem Kurz-Engagement gekommen?

Seeler: Zu diesem Gastspiel ist es aus geschäftlichen Gründen über die Firma adidas gekommen. Ich hab mich überreden lassen, da mitzuspielen. Allerdings habe ich erst nach meiner Ankunft in Irland direkt am Spieltag erfahren, dass das auch noch ein Punktspiel war. Aber das war wohl zu jener Zeit möglich, wenn man das entsprechend angemeldet hat. Das Spiel endete 6:2 und ich habe beide Tore für Cork erzielt. Die wollten mich gleich dabehalten.

bundesliga.de: Mit neun Jahren begann Ihre Laufbahn beim HSV. Und noch heute steht Ihr Name für Loyalität und Treue dem Verein gegenüber. Angebote von anderen Clubs gab es genügend. Zum Beispiel 1961 von Inter Mailand. Hatten Sie nie zumindest mal darüber nachgedacht, für einen anderen Club zu spielen?

Seeler: Ich hatte mehrere Angebote aus Spanien und Italien. Aber ich habe nur mit Inter Mailand verhandelt. Das waren sehr, sehr gute Gespräche. Trotzdem habe ich dann für Beruf und HSV entschieden. Das war eine Bauchentscheidung gewesen. Ich war immer ein Sicherheitsfanatiker. Ich hatte eine gute berufliche Existenz. Gottseidank habe ich es so gemacht, wie ich es gemacht habe. Ich habe es nie bereut!

bundesliga.de: Zu Ihrer aktiven Zeit war es nichts Ungewöhnliches, dass ein Spieler von Anfang bis Ende seiner Laufbahn für einen und denselben Verein gespielt hat. Heute ist das absolut die Ausnahme. Würden Sie sich wünschen, dass die Spieler trotz der Verlockungen des Marktes öfter ihrem ersten Profiverein treu bleiben würden?

Seeler: Fußball darf man heute nicht mehr mit meinen Zeiten vergleichen. Der Sport ist ein großes Geschäft. Man darf sich also auch nicht mehr über schnelle und spontane Transfers wundern. Ich würde mir nur wünschen, dass die Profis manchmal ehrlicher wären. Es wird immer von neuen Herausforderungen geredet, doch es könnte ruhig auch mal einer sagen, "da kann ich mehr verdienen und das ist auch nicht unwichtig".

bundesliga.de: Ganz aktuell sorgt ja die baldige Rückkehr von Lukas Podolski vom FC Bayern zum 1. FC Köln für Schlagzeilen…

Seeler: Die Sache mit Podolski ist ja auch eine Ausnahme. Dass Spieler sich in die Heimat zurücksehnen, kommt auch nicht alle Tage vor. Es wird aber auch nicht leicht für ihn. Die Erwartungen in Köln sind riesig. Aber wichtig ist immer auch, dass man sich wohl fühlt. Und wenn er meint, er fühlt sich in Köln wohler als in München, kann das schon zu einer Leistungssteigerung führen.

bundesliga.de: Sie sind und bleiben ein großes Idol für viele Fußballspieler jeden Alters. Wer war denn Ihr großes fußballerisches Vorbild und warum?

Seeler: Ich hatte ja den Fritz Walter als großes Vorbild. Und von der Einstellung zum Sport war natürlich auch mein Vater ein großes Vorbild. Er hat hart gearbeitet und trotzdem die Zeit gefunden, Fußball zu spielen. Er war ein Typ "Prinz Eisenherz" und auch nicht zimperlich. Der hat uns auch beigebracht, nicht immer gleich zu jammern. Er hat meinem Bruder und mir gleich gesagt, "ich will keine Weicheier hier haben. Beißt auf die Zähne. Das geht auch wieder weg". Und wenn wir dann mal mit einem schweren Bluterguss nach Hause gekommen sind, dann hat er gesagt: "Mach ‘nen nassen Lappen drum und nach zwei Tagen ist der wieder weg" (lacht).

bundesliga.de: Können Sie sich noch an Ihre ersten fußballerischen Erlebnisse erinnern?

Seeler: Ich bin in der Kriegs- und in der Nachkriegszeit groß geworden. Da gab es viele Sachen gar nicht. Und wir waren zufrieden, wenn wir überhaupt einen Ball zum Fußball spielen hatten. Der Ball war ja oft mehr eckig als rund und wir haben den selbst geflickt, damit wir überhaupt etwas hatten, mit dem wir auf der Straße bolzen konnten. Wir haben auf der Straße und auf Trümmern stundenlang Straße gegen Straße gebolzt. Somit waren wir jeden Tag in Bewegung und haben Fußball gespielt. Zwei Mal die Woche haben wir in der Jugend trainiert und samstags gespielt. Das war eine tolle Zeit und die möchte ich nicht missen!

bundesliga.de: Das erste Bundesliga-Duell zwischen dem HSV und dem FC Bayern endete am 20. Oktober 1965 in Hamburg mit einer 0:4-Pleite des HSV. Erinnern Sie sich noch an dieses Spiel?

Seeler: An diese Partie habe ich nur ganz vage Erinnerungen. Ich weiß, dass die Bayern schon damals eine tolle Mannschaft hatten und auch verdient in Hamburg gewonnen haben. Das 0:4 war ein bisschen unglücklich. Wir hatten auch unsere Chancen, lagen aber früh 0:2 hinten. Gegen Ende der Partie mussten wir natürlich aufmachen. Leider konnten wir nicht ins Spiel zurückkommen und kassierten stattdessen noch zwei späte Gegentore.

bundesliga.de: Zu Ihrer aktiven Zeit hatten die Bayern gegen den HSV klar die Lederhosen an. Bis zu Ihrem Karriere-Ende gewann der FCB zehn Mal gegen den HSV in der Bundesliga. Hamburg gewann lediglich zwei Mal (bei einem Remis). Die Torbilanz von 44:18 aus Sicht der Bayern spricht auch eine deutliche Sprache. Warum war der HSV damals meist chancenlos?

Seeler: Die Bayern hatten wie gesagt von Anfang an eine gute Mannschaft in der Bundesliga. Und schon damals hatten sie meiner Meinung nach diesen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz, den sie auch heute noch haben. Hinzu kam das Olympiastadion 1972. Da passten ja 70.000 Leute rein. Durch dieses hochmoderne Stadion hatten sie auch einen finanziellen Vorsprung gegenüber allen anderen. Diesen Vorsprung, den kann man auch nicht eben wettmachen, weil sie es auch immer wieder gut machen.

bundesliga.de: Die vergangenen drei Duelle zwischen dem HSV und den Bayern endeten unentschieden. Was erwarten Sie vom Spiel am Freitag?

Seeler: Ich bin Hamburger, ich erwarte drei Punkte von unserem HSV! Obwohl ich natürlich weiß, wie schwer es wird. Nachdem die Bayern am Anfang der Saison so ihre Schwierigkeiten hatten, haben sie die Hinrunde sehr stark beendet und sind gut vorbereitet. Aber ich glaube, dass der HSV auch recht gut und recht weit ist in der Vorbereitung. Nun hoffe ich mal, dass wir in einem Heimspiel mal wieder die Nase vorn haben werden gegen die Bayern.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz

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