Copa America 2016

19.05.2016 - 18:42 Uhr


Arturo Vidal: Krieger mit weichem Kern

München - Der martialisch anmutende Hahnenkamm ist sein Markenzeichen. Passend dazu prangt in Großbuchstaben "Guerriero" auf seinem rechten Oberarm. Als kompromissloser Krieger gilt er auf dem Platz, doch abseits des Rasens vermittelt Arturo Vidal eher ein anderes Bild. Was ihm in seinem Leben besonders viel bedeutet, lässt sich an seinem Körper ablesen.

Oberhalb seines Spitznamens trägt er das Konterfei seiner Mutter Jacqueline Pardo als Tätowierung auf seinem Arm. Vidal ist noch ein kleiner Junge, als sein Vater die Familie verlässt und seine Mutter fortan ihn und seine fünf Geschwister alleine durchbringen muss. Keine leichte Aufgabe in dem Armenviertel von Santiago de Chile, in dem Vidal aufwächst. Der Fußball hilft ihm, zunächst den Sorgen des Alltags zu entfliehen, schließlich das Elend der Slums hinter sich zu lassen und so seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.

Sein privates Glück findet Arturo Erasmo Vidal Pardo, so sein voller Name, mit seiner Frau Maria Teresa Matus. Seit 2009 ist das Paar verheiratet und hat zwei Kinder, Elisabetta und Alonso. Die Anfangsbuchstaben der Namen seiner Liebsten trägt Vidal zusammen mit dem Wort "Familia" in geschwungenen Lettern als Tattoo am Hals. "Ich bin sehr froh, wenn meine Familie bei mir ist", erklärt er. "Sie ist das Allerwichtigste für mich und sie ist immer für mich da, wenn es mal nicht so gut läuft."

Rasanter Aufstieg zum Nationalhelden

Der Weg zum Weltstar beginnt steinig. Auf Schotter lernt Vidal das Kicken. Mit 13 Jahren kommt er ins Jugendinternat des chilenischen Rekordmeisters CSD Colo-Colo. Mit 18 debütiert er bei den Profis, ab dem Zeitpunkt nimmt seine Karriere rasant Fahrt auf. Nachdem Vidal mit Colo-Colo zwei Mal in Folge den Meistertitel gewinnt, werden europäische Topclubs auf das Talent, das damals noch als Libero in der Abwehr spielt, aufmerksam. Vidal entscheidet sich für einen Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen. Eine Entscheidung, unter der ausgerechnet seine Mutter anfangs leidet, nur schweren Herzens lässt sie ihren damals 20 Jahre alten Sohn gehen.

Fern der Heimat startet Vidal so richtig durch. Vier Jahre trägt er das Trikot der "Werkself" und macht in der Zeit eine Entwicklung vom Defensiv- hin zum zentralen Offensivspieler durch. 2011 zieht es Vidal zu Juventus Turin, wo er innerhalb weiterer vier Jahre zu einer festen Größe auf seiner heutigen Position im defensiven Mittelfeld wird. In der chilenischen Nationalmannschaft, für die er bereits 2007 debütiert, spielt er als Teil einer goldenen Generation ebenfalls eine tragende Rolle. Spätestens seit dem erstmaligen Gewinn der Copa America im vergangenen Jahr genießt Vidal in seiner Heimat Heldenstatus. In der Gemeinde San Joaquin wird ihm mit der Umbenennung des Stadions in "Estadio Municipal Arturo Vidal" eine große Ehre zuteil.

"Ein Siegertyp" für Bayern

Groß sind die Erwartungen, als Arturo Vidal im vergangenen Sommer seinen Dienst beim FC Bayern München antritt. Sportvorstand Matthias Sammer sieht in ihm "einen Siegertypen", andere sehen in ihm wegen seiner körperbetonten Spielweise ein Risiko. In den vier Jahren bei Juve sieht Vidal wettbewerbsübergreifend 53 Gelbe Karten und fliegt ein Mal vom Platz, in Leverkusen waren es insgesamt 46 Gelbe Karten und drei Platzverweise.

"Ich denke nicht, dass ich meine Spielweise ändern muss", kündigt Vidal noch vor Saisonbeginn an. Dennoch passt er sich an. In der Bundesliga kassiert er am Ende nur drei Gelbe Karten und fliegt nicht ein Mal vom Platz - auch weil Trainer Pep Guardiola ihn in Stuttgart gerade noch davor bewahrt und ihn rechtzeitig auswechselt. "Ich habe eine Menge von Guardiola gelernt", sagt Vidal. "Er ist ein Trainer, der das Spiel wirklich studiert und die Dinge wirklich sehr gut erklärt. Deswegen ist er einer der besten Trainer der Welt."

"Ich bin als Spieler gewachsen"

Vidals Start in München verläuft holprig, doch gerade in der Schlussphase der Saison entwickelt er sich zum unverzichtbaren Schlüsselspieler und hat vor allem in den K.o.-Spielen der Champions League gegen Juventus Turin und Benfica Lissabon entscheidenden Anteil am Weiterkommen. "Ich bin als Spieler wirklich gewachsen, da ich in einer solch guten Mannschaft spiele - eine Mannschaft, die für mich die beste der Welt ist", bilanziert Vidal. Und mit ihr schreibt er Geschichte: Als erster Chilene gewinnt Vidal den Titel in der Bundesliga und stemmt nach dem letzten Spiel stolz mit der Landesfahne um den Hals die Meisterschale in die Höhe.

Auch die Zielsetzung für die diesjährige Copa ist klar. "Wir müssen das zeigen, was uns beim letzten Mal zum besten Team Amerikas gemacht hat", sagt Vidal und nimmt dabei wieder die Rolle eines kämpferischen Kriegers an. "Die chilenische Nationalmannschaft muss sich daran gewöhnen, Titel zu gewinnen."

Maximilian Lotz

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