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Eine Frage des Charakters

Der VfL Bochum schaffte zwar den Klassenerhalt. Eine Weiterentwicklung war bei den Westdeutschen aber nicht zu erkennen (© Imago)

Bochum - Was mit großer Euphorie begann, endete in Enttäuschung und Ernüchterung. Nur haarscharf schrammte der VfL Bochum am Abstieg aus der 2. Bundesliga vorbei. Die Gründe sind in der Qualität und vor allem der Mentalität der Mannschaft zu suchen. Auch aus diesem Grund steht der VfL nach dieser Spielzeit erneut vor einem Umbruch. 

Peter Neururer gilt als Mann klarer Worte und als solcher redete er nach dem Abpfiff der Saison trotz eines versöhnlichen Sieges zum Abschluss auch nicht lange herum: "Wir haben unser Ziel nicht erreicht, auch wenn wir mehr Punkte haben als im letzten Jahr!" Zwar konnte sich Bochum von 38 auf 40 Punkte verbessern, verlor aber sogar einen Tabellenplatz und beendete die Spielzeit lediglich auf Rang 15. Das primäre Ziel, nicht einmal mit den Abstiegsplätzen in Berührung zu kommen, blieb ein frommer Wunsch. 

Und so entsprachen am Ende weder Punktausbeute noch Tabellenplatz dem, was Verantwortliche und Anhänger zuvor erhofft und erwartet hatten. Denn nach dem Rettungscoup von Peter Neururer in der Vorsaison hatte nicht nur der Kulttrainer gehofft, die Euphorie in diese Spielzeit hinüberretten und nutzen zu können. Das hatte zum Auftakt sogar funktioniert, denn mit einem Sieg beim ambitionierten Team von Union Berlin schien sich die Erfolgsgeschichte fortzusetzen.

Im Angriff hapert es 

Ein Trugschluss: Aus den nächsten vier Partien holte Bochum trotz teils ordentlicher Leistung lediglich zwei Zähler und deutete dabei in den Auswärtspartien schon an, woran es in dieser Spielzeit fehlen sollte. In beiden Spielen stand die Null - aber auf der falschen Seite. In insgesamt 13 Spielen blieb der VfL ohne Treffer. In der Abschlusstabelle stehen 30 magere Treffer auf der Habenseite. Das ist der schlechteste Wert aller Zweitligisten. 

Die personelle Besetzung im Sturm erwies sich im Verlauf der Saison als qualitativ zu schwach, um dauerhaft Gefahr im gegnerischen Strafraum zu verbreiten. Top-Torschütze war am Ende Richard Sukuta-Pasu mit sechs Toren aus 32 Spielen. Sturmpartner Mirkan Aydin brachte es auf  vier Treffer in 29 Partien. Als Alternative stand nach dem Wechsel von Ken Ilsö im Februar nur noch U23-Stürmer Sven Kreyer parat. 

Aber es war nicht allein die fehlende Durchschlagskraft der Stürmer, die für den VfL Bochum zum Problem wurde. Die Mannschaft tat sich generell schwer, wenn sie das Spiel machen musste und kam viel zu selten zu gefährlichen Aktionen. Diese Schwierigkeiten spiegeln sich auch in der miserablen Heimbilanz wider. Nur 19 Zähler gelangen auf heimischem Platz, dafür kassierte der VfL vor den eigenen Fans gleich acht Niederlagen. Letztlich waren es die ordentlichen 21 Zähler aus der Fremde, die den Club in der Liga hielten.

Knackpunkt Aalen 

Schon in der Hinrunde war der VfL in einen Abwärtstrend geraten, den die Mannschaft nicht mehr nachhaltig aufhalten konnte. Zunächst stimmten die Ergebnisse nicht, dann passte zunehmend auch die Leistung nicht mehr. Knackpunkt war das Heimspiel gegen Aalen am achten Spieltag, als sich der VfL für ein gutes Spiel nicht mit einem Sieg belohnte. Es folgten drei weitere Niederlagen gegen Mannschaften, die man in der Tabelle eigentlich hinter sich lassen wollte: Sandhausen, Ingolstadt, Aue. Das Abrutschen auf den Relegationsrang ging einher mit einem Leistungsabfall. 

"Die Mannschaft ist insgesamt nicht so erfahren, dass sie Rückschläge immer mal eben so wegsteckt. Wir sind eine Mannschaft mit wenig Erfahrung. Vielleicht setzen sich einige nach zwei, drei Rückschlägen selbst zu sehr unter Druck. Vielleicht nagt das zu sehr und man geht gehemmt in das nächste Spiel", vermutete Patrick Fabian damals. 

Das trifft aber nur bedingt zu. Zwar spielte Danny Latza seine erste Zweitliga-Saison, haben auch Profis wie Florian Jungwirth oder Jonas Acquistapace noch keine 100 Partien absolviert. Aber zum einen zeigte gerade Fabian selbst, dass man auch mit wenig Erfahrung eine starke Saison spielen kann. Zum anderen standen in der Bochumer Mannschaft durchaus etablierte Kicker, von Andi Luthe über Marcel Maltritz bis zu Slawo Freier oder dem eigens als Führungsspieler verpflichteten, aber viel zu oft enttäuschenden Christian Tiffert.

Kein unbedingter Wille erkennbar 

Als Problem erwies sich weniger die Erfahrung der Spieler. Vielmehr machte es die Mannschaft sich und damit auch ihrem Trainer schwer, indem sie Grundtugenden wie Kampf, Einsatz und Leidenschaft nur punktuell abrief. Zu oft lieferten die Spieler blutleere Vorstellungen ab, wirkten nicht wirklich auf ihre Aufgabe fokussiert, ließen keinen unbedingten Willen erkennen. 

Dass dies offenbar eine Frage von Mentalität und Charakter ist, bewiesen die wenigen Spiele, in denen die Mannschaft sich ganz anders präsentierte. Vor allem mit dem Rücken zur Wand zeigte das Team ein anderes Gesicht. Musterbeispiel ist der Heimauftritt in der Rückrunde gegen Erzgebirge Aue am 28. Spieltag. Vorausgegangen waren zwei indiskutable Auftritte inklusive Niederlage gegen Sandhausen und in Ingolstadt. Zudem hatte der VfL aus den sechs Heimspielen zuvor nur einen einzigen Zähler geholt.

Und plötzlich war alles anders: Jeder Einzelne bewies Willen und Kampf von der ersten Minute an, die Gegner wurden offensiv angelaufen, niemand war sich für einen Sprint oder eine Grätsche zu schade. Am Ende stand ein verdienter Sieg, der aber gerade in seiner Entstehung viele Fragen nach der sonstigen Berufauffassung der Bochumer Profis aufwarf. Denn auch in anderen Spielen hatte man punktuell sehen können, was möglich gewesen wäre. Siege gegen Köln und Paderborn, Erfolge in St. Pauli und Fürth oder auch Punktgewinne in Karlsruhe und Kaiserslautern zeigen zumindest das Potenzial, das diese Mannschaft bei allen qualitativen Schwächen hatte.

Aus Euphorie wird Frust

Weil die Einstellung allzu oft eben nicht stimmte und vor allem zuhause neben der Leistung auch die Ergebnisse nur Magerkost boten, kippte am Ende auch die Stimmung. Aus Euphorie und vorbehaltloser Unterstützung der Fans wurde Stück für Stück Frust und Resignation auf den Rängen. So stellt diese Saison nicht nur in Bezug auf die Platzierung einen Rückschritt dar, auch der Ende der letzten Spielzeit unter Neururer mühsam entfachte Gemeinschaftssinn ist auf der Strecke geblieben.

Statt wie geplant einen soliden Sockel für bessere Zeiten zu schaffen, bedarf es in Bochum erneut eines Neuaufbaus - und zwar auf und neben dem Platz. Wie das gehen könnte, hat Peter Neururer in der Schlussphase der Saison bewiesen, als er immer mehr jungen Talenten aus dem Nachwuchsbereich des VfL eine Chance gab.

Im letzten Spiel gegen Karlsruhe standen gleich acht Spieler aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Rasen, darunter der erst 17-jährige Lukas Klostermann, der 18-jährige Henrik Gulden und der 20-jährige Onur Bulut. Spieler, die noch eine gewisse Unreife mitbringen, aber auf ihren Einsatz brennen und mit ehrlichem Fußball auch eine stärkere Identifikation der Fans mit der Mannschaft ermöglichen - einer Mannschaft, die gegen den KSC als engagiertes Kollektiv überzeugte. Für den auch finanziell nicht auf Rosen gebetteten VfL dürfte und sollte das der Weg der Zukunft sein.

Dietmar Nolte

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