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Viel Licht, wenig Schatten

Der FC Bayern München blickt auf eine erfolgreiche Saison. Der Rekordmeister holte 2013/14 das zehnte Double der Vereinsgeschichte

Der Erwartungen an den neuen Trainer Pep Guardiola waren riesig - immerhin gewannen die Bayern in der vorherigen Saison das Triple

Frank Ribery (l.) & Co. pulverisierten einen Rekord nach dem anderen und sicherten sich die frühste Deutsche Meisterschaft in der Geschichte der Bundesliga

Die Münchner Heiterkeit wurde jedoch getrübt. In der Champions League deklassierte Real Madrid um Superstar Cristiano Ronaldo (l.) die zu diesem Zeitpunkt angeblich beste Mannschaft der Welt

Der Gewinn des DFB-Pokals war vor allem für Coach Guardiola (r.) eine Erleichterung, der nach dem Champions League-Aus oft im Mittelpunkt der Kriitk stand

München - Die Aufgabe war im Grunde unlösbar und so suchten sie den bestmöglichen Problemlöser. Die Bayern nach Jupp Heynckes, nach dem grandiosen Triple noch besser zu machen oder zumindest nicht schlechter - wer war dazu in der Lage?

Die Antwort fanden die Münchner schon ein paar Monate vor dem glorreichen Mai 2013 in New York, wo ein gewisser Pep Guardiola ein Jahr Pause vom Titelsammeln machte. Der Erfolgscoach des bis dahin zu Recht als beste Mannschaft der Welt gerühmten FC Barcelona ließ sich von Präsident Uli Hoeneß persönlich begeistern, nach seinem "Sabbatical" in München einzusteigen.

Ribery: "Er wird uns noch besser machen"

Die interessierte Öffentlichkeit erlebte am 24. Juni 2013 einen bescheidenen, beinahe schüchternen jungen Mann mit Glatze, der seine ersten Versuche, sich auf Deutsch zu artikulieren, mit Anstand bewältigte. Hängen blieb von seiner Präsentation das Versprechen, er wolle "nicht viel ändern" und sich "zu 100 Prozent unseren Spielern anpassen. Denn die Spieler in Barcelona sind anders als die bei Bayern."

Da hatten andere Trainer bei ihrer Vorstellung schon größere Töne gespuckt. Bei den Spielern kam es gut an und Franck Ribéry sagte nach dem ersten Training: "Er wird mich, er wird uns noch besser machen." Mit Mario Gomez hatte Guardiola das nicht im Sinn und so verließ der für das Kombinationsspiel nicht geborene bullige Nationalstürmer noch in der ersten Trainingswoche den Rekordmeister. Auch Anatoliy Tymoshchuk, Kapitän der Ukraine, ging. Dieser Kader, zu dem Mario Götze aus Dortmund kam, schien es verkraften zu können.

Lahm verdrängt Martinez

Die zahllosen Experten, die diesen Verein umkreisen wie die Motten das Licht, sahen im Gegenteil in der Überzahl von Nationalspielern Zoff-Potenzial und waren gespannt, ob Neuling Guardiola die Eifersüchteleien innerhalb seines Star-Ensembles wohl ebenso gut würde moderieren können wie Vorgänger Heynckes, den am Ende alle liebten. Was machte Guardiola?

Er forderte noch vor Schluss der Transferliste einen neuen Star. "Thiago oder nix" lauteten seine schon legendären Worte, mit denen er den Vorstand auf seine Weise unter Druck setzte. Weil Thiago sich aber gleich verletzte, brauchte Guardiola einen anderen Aufbauspieler und warf seine guten Vorsätze über den Haufen. Von wegen nichts ändern. Philipp Lahm, Inbegriff des Außenverteidigers, egal auf welcher Seite, wurde kurzerhand ins Mittelfeld versetzt, wo man den in der Triple-Saison überragenden Javier Martinez nur selten sehen sollte.

Guardiola sucht sein System

Die Idee, Franck Ribery auf der Zehn einzusetzen, verwarf er wieder - zum Glück, atmeten die Cluboberen innerlich auf. Und der Einsatz des kleinen Diego Contento in der Innenverteidigung blieb ein einmaliger Versuch. Guradiola provozierte, indem er probierte, was sein Kader so hergab. Quasi bei laufendem Spielbetrieb suchte er sein System und seine Formation, die er aber im Grunde nie gefunden hat, was für den Betriebsfrieden wiederum elementar wichtig war. Jede Woche eine neue Aufstellung, aber auch jede Woche Siege - das war der FC Bayern der Vorrunde.

Es war eine für die Geschichtsbücher. Sie überstanden sie ungeschlagen, verschenkten nur vier Punkte. Sieben Änderungen kosteten einen Sieg in Freiburg (1:1), eine phänomenale Leistung ohne Effizienz einen in Leverkusen (1:1), wo sie den Gegner zwar bei 16:3 Chancen an die Wand spielten, ohne sich zu belohnen. Oft genug aber taten sie es: 4:0 auf Schalke, 7:0 beim alten Rivalen Werder Bremen und 3:0 im "Klassiker" im November in Dortmund, wo ausgerechnet Joker Mario Götze stach und mit seinem Tor den Bann brach.

Die beste Mannschaft der Welt?

Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon einen Titel gewonnen, der vergleichsweise wenig Ansehen, aber doch eine wichtige Bedeutung für die Bayern 2013/14 hatte. Gegen Chelsea holten sie, nach Elfmeterschießen, den Uefa-Super-Cup und traten die ersten züngelnden Flammen an der Säbener Straße aus, die die 2:4-Niederlage im Juli im Supercup gegen Borussia Dortmund entzündet hatten. Nun wussten alle: auch mit diesem Trainer können wir Titel gewinnen. Nebenbei war es eine Genugtuung für Guardiola, seinem Intim-Feind Jose Mourinho einen Pokal in letzter Minute gestohlen zu haben.

Im Dezember, längst waren sie bester Herbstmeister aller Zeiten, kam in Marokko in einem zweitklassig besetzten Turnier die Club-Weltmeisterschaft dazu. Zwei von sechs möglichen Titeln hatten sie schon. Würde am Ende nur der Supercup fehlen, sie hätten es verschmerzen können. Das Triple, das schwere Erbe von Jupp Heynckes, aber war weiterhin möglich und schon am Ende des Jahres 2013, in dem die Bayern kein einziges Bundesligaspiel verloren hatten, kürten sie Experten und demütig gewordene Konkurrenten gleichermaßen zur besten Mannschaft der Welt. Auch die "International Federation of Football History & Statistics" war dieser Meinung und ernannte die Münchner anhand von Spieldaten ganz offiziell dazu, mit klarem Vorsprung vor Real Madrid. Welch ein Trugbild, wie sich zeigen sollte.

In der Rückrunde ging die Leichtigkeit verloren

Das neue Jahr begann mit einem Last-Minute-Sieg in Stuttgart, der Symbolwert haben sollte. Die Leichtigkeit, mit der die Bayern 2013 ihre Siege einfuhren, ging in der Rückrunde zuweilen verloren. Die Gegner stellten sich besser auf ihre Ballbesitz-Philosophie ein, immer öfter ähnelten die Bayern-Auftritte Handballspielen. Sie umkreisten den Strafraum des Gegners und wollten den Ball ins Tor tragen, wie es Barcelona tat. Barcelona aber hat einen Lionel Messi, Bayern "nur" einen Ribery, der ihm am nächsten kommt, aber in der Rückserie in ein Formtief fiel.

Erste Spannungen mit unzufriedenen Spielern kamen hinzu, Mario Mandzukic erhielt im Januar einen Denkzettel, seine Trainingsleistungen wurden öffentlich bemängelt und der streitbare Kroate erhielt eine Denkpause. Toni Kroos erging es nach einem trotzigen Handschuhwurf in Folge einer Auswechslung nicht anders, Pep Guardiola ließ die Muskeln spielen.

Und der Tanz auf drei Hochzeiten ging ungebremst weiter. Es kam vor, dass Gäste-Trainer in München ihre besten Spieler schonten, weil ein Erfolg ohnehin illusorisch erschien. Felix Magath machte aus dem fernen London den Vorschlag, die Bayern aus der Bundesliga auszuschließen und in einer neuen Europaliga gegen die Allerbesten des Kontinents spielen zu lassen. Er erntete mehr Empörung als Beifall, aber der Vorschlag war bezeichnend für die Situation in der Bundesliga, die zum zweiten Mal in Folge keinen Titelkampf erlebte.

Spiel gegen Augsburg war der Knackpunkt

Nachdem die Bayern schon im Herbst den 30 Jahre alten Bundesligarekord des HSV, der 36 Spiele ungeschlagen blieb, pulverisierten, brachen sie auch ihren eigenen Rekord aus dem Jahre 2005: am 27. März wurden sie in Berlin mit dem 19. Sieg in Serie frühester Bundesliga-Meister aller Zeiten (Meisterseite 2014). Pep Guardiola erklärte daraufhin die Bundesliga-Saison für beendet. Er warf die Rotationsmaschine wieder stärker an, doch nun kamen auch Spieler aus der dritten Reihe zum Einsatz. So riss in Augsburg die längste Bundesliga-Serie aller Zeiten, das 0:1 war die erste Niederlage nach 53 Spielen (Bayrische Bestmarken).

In diesen 90 Minuten von Augsburg ging mehr kaputt als eine Rekordserie. Guardiola unterschätzte die Signalwirkung an den Stamm, die von seiner B-Elf ausging. Oft las man in diesen Tagen, er habe damit "den Stecker gezogen", wo sie doch in Champions League und DFB-Pokal noch immer unter Strom stehen mussten. Ehren-Präsident Franz Beckenbauer, dem niemand zu widersprechen wagt, warf zwar ein, der Abschwung wäre automatisch gekommen, nach einer gewonnenen Meisterschaft sei das nur menschlich. Was der Trainer nun dazu sage oder nicht.

Von Real Madrid vorgeführt

Fakt aber ist: Die Bayern verloren ihren Rhythmus und im April verloren sie auch Spiele. Gegen die beiden Mannschaften auf ihrer Augenhöhe, Real Madrid und Borussia Dortmund, schossen sie in 270 Minuten kein Tor und kassierten acht. Das fatale 0:4 im Halbfinale der Champions League gegen Real geht als höchste internationale Heim-Pleite der Bayern in die Chroniken ein; der etwas andere Rekord im Rekord-Jahr löste ein mittleres Beben aus. Der Triple-Traum war geplatzt, an Guradiola kamen erste Zweifel auf.

"Mehr Probleme als Titel", titelte der "Kicker" und sezierte in seiner Analyse das Guardiola-System. Zu wenig Absicherung im Mittelfeld, keine feste Zuteilung bei Standards, lähmender Breitwand-Fußball, Schuss-Verbot aus der zweiten Reihe und mürrische Stars wie Müller, Götze oder Martinez, die der Rotation auch angesichts der nahenden WM überdrüssig waren. Franck Ribery sagte öffentlich: "Mal spielst, mal spielst du nicht, mal bleibst du ganz zuhause. Ich persönlich brauche Spiele."

Guardiolas Spielsystem auf dem Prüfstand

Plötzlich war alles schlecht und mancher sehnte sich nach Heynckes zurück. Die spanische Zeitung "AS" schrieb süffisant: "Als Guardiola anfing, war Bayern ein Meister-Team mit Philosophie und Identität. Er hat entschieden, das zu ändern." Guardiola nahm die Kritik stoisch hin und räumte den Fehler ein, die Saison zu früh beendet zu haben - wenn auch nur in der Liga - aber der Zusammenhang war evident. "Ich hoffe, dass sie ihre Form wieder finden werden, die sie hier in Berlin, ob im Hotel oder der Umkleidekabine, verloren haben", witzelte Franz Beckenbauer am Tag vor dem Pokalfinale.

Das Spiel gegen den großen Konkurrenten, der im fatalen April 3:0 in München gewann, wurde zum "Finale für das Pep-System" (Sport Bild) deklariert. Darüber gaben die 120 Minuten von Berlin keinen wirklichen Aufschluss. Denn der Sieg der Bayern trug den Stempel der Einmaligkeit in dieser Saison, er war erkämpft. Nicht unverdient, auch angesichts der vielen Ausfälle und Umstellungen, aber fernab der erdrückenden Dominanz, die sie über die Saison ausgezeichnet hatte. Manche hatten das sogar erwartet.

Mit hoher Flexibilität zum wichtigen Pokalsieg

Plötzlich hatten sich die Vorzeichen geändert, im "Kicker" kürten 74,25 Prozent aller Teilnehmer einer Umfrage den BVB zum Favoriten. Eine vor Wochen noch schier unvorstellbare Quote, auch angesichts des Zieleinlaufs in der Liga mit 19 Punkten Rückstand des BVB auf die Bayern. Die FCB-Mächtigen um Matthias Sammer und Karl-Heinz Rummenigge bauten schon vor und gaben das Motto aus "Entweder war es eine gute oder eine sehr gute Saison". Der Pokal sollte darüber entschieden.

In der Öffentlichkeit hätte man das gewiss anders gesehen, Guardiola selbst ahnte schon, eine Niederlage käme einer "Katastrophe" gleich. Auch er weiß: Bei Menschen zählt der erste Eindruck, bei Projekten wie einer Fußball-Saison stets der letzte. Und der war gut - weil die Bayern eine taktische Flexibilität demonstrierten, die ihnen der Trainer abverlangt hatte. Plötzlich spielten sie mit Dreierkette, plötzlich turnte Rafinha erstmals in seiner Bayern-Zeit auf links herum, plötzlich stand ein Hojbjerg in der Startelf, auf ungewohnter Position an der rechten Außenbahn. Und Arjen Robben war zentraler Stürmer, dem prompt das vorentscheidende Tor gelang. 

Guardiola hat sich profiliert

Die Bayern-Saison endete so, wie sie begann; siegreich trotz personeller Merkwürdigkeiten. Diesmal aus der Not geboren, die durch Lahms Ausfall noch größer wurde. Nicht zu vergessen die Suspendierung Mandzukics, für den in Guardiolas System kein Platz mehr zu sein scheint. Der Verzicht auf den besten Torjäger war ein Risiko, das Guardiola bewusst ging. Er gewann damit intern weiter an Profil, noch am Spieltag lobte ihn Philipp Lahm als einen "Top-top-top-Trainer". Hätte Bayern verloren, wäre ihm die Personalie gewiss vorgehalten worden.

Und so wurden die letzten 120 Minuten dieser Saison zum Tanz auf der Rasierklinge. Eine höchst strittige Entscheidung half den Bayern, die an diesem Tag gewiss die Floskel vom "Glück des Tüchtigen" bemühen durften. Am Ende hat Pep Guardiola seinen Auftrag erfüllt (Peps persönlicher Triumph), er hat als erst dritter neuer Bundesliga-Trainer nach Branko Zebec (1969) und Louis van Gaal (2010) das Double gewonnen, er hat Rekorde für die Ewigkeit gebrochen und vier Titel geholt. Im nächsten Jahr muss er sich dann zumindest selbst überholen. Die dafür notwendige Erkenntnis ist ihm schon gekommen: "Mein Gefühl sagt mir, wir können uns in der nächsten Saison verbessern." Es hat wohl nie ein Verein in Deutschland auf höherem Niveau geklagt als dieser FC Bayern.

Udo Muras

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